Schienenverkehr

Mehr Fahrgäste als Dresden Hbf: Was die Bahn mit dem Bahnhof Schöneweide vorhat

Fast 50.000 Menschen nutzen ihn täglich. Doch das Gebäude, in dem Frank Castorf seine Lehre machte, verfällt. Jetzt verrät die DB, wie sie es wiederbeleben will.

8 Min
Der neue Zugang zu den Bahnsteigen: Die Verkehrsstation Schöneweide wurde modernisiert. Nun folgt das Bahnhofsgebäude.

Der neue Zugang zu den Bahnsteigen: Die Verkehrsstation Schöneweide wurde modernisiert. Nun folgt das Bahnhofsgebäude.

© Markus Wächter/Berliner Zeitung

Er wird von mehr Fahrgästen genutzt als die Hauptbahnhöfe in Dresden und Wiesbaden. Frank Castorf, später Intendant der Volksbühne, hat dort eine Lehre absolviert. „Der Bahnhof Schöneweide ist wichtig für den Südosten Berlins“, sagt Daniel Euteneuer von der Deutschen Bahn. Das historische Empfangsgebäude steht seit acht Jahren leer. Doch nun bereitet die Bahn die Sanierung vor. Euteneuer erklärt, was geplant ist.

Für den Chef der rund 700 Personenbahnhöfe im Nordosten Deutschlands hat die Erneuerung des heruntergekommenen Ensembles hohe Priorität. „Es ist eines unserer Herzensanliegen hier in der Region, dieses Projekt anzugehen“, sagt der 43-Jährige der Berliner Zeitung.

Im Zentrum steht das denkmalgeschützte Empfangsgebäude von 1886 mit der roten Backsteinfassade, Giebel und Erkern. Seit 2018 ist der Durchgang durch das älteste erhaltene Bauwerk in Niederschöneweide nicht mehr möglich. „Wir entkernen das Gebäude und statten es mit neuer Gebäudetechnik aus“, kündigt der Leiter Personenbahnhöfe Ost bei DB InfraGO an.

Erneuerung des Bahnhofs Schöneweide: Das ist der Plan

Auch der südlich angrenzende Holzbau („Laube“), der zu Reichsbahn-Zeiten unter anderem als Kulturraum und von der Mitropa genutzt wurde, steht auf der Liste. „Den historischen Holzanbau lassen wir neu entstehen, in einer angemessenen Arkadenoptik“, erklärt Euteneuer.

Die Lücke zwischen dem Bahnhofsgebäude und dem Bahndamm, der 1906 mit Aushub aus dem nahe gelegenen Teltowkanal aufgeschüttet wurde, wird wieder geschlossen. Der Bahn-Manager: „Dort werden wir einen modernen Flachbau errichten, in dem sich die Reisenden versorgen können“ – die übliche Mischung aus Imbissen und Läden.

Künftig ein Café? Die Visualisierung zeigt, wie der Holzanbau künftig aussehen soll.

Künftig ein Café? Die Visualisierung zeigt, wie der Holzanbau künftig aussehen soll.

© Visualisierung: DB InfraGO

„Der Vorstand der DB InfraGO hat uns die Freigabe erteilt, damit wir mit der Planungsphase beginnen können. Sobald der Umfang des Projekts feststeht und die Kosten ermittelt sind, werden wir den Vorstand um eine weitere Freigabe bitten“, sagt Euteneuer. Das bedeutet allerdings auch, dass es noch keinen aktuellen Zeitplan gibt. Zuletzt hieß es, dass die Arbeiten 2029 beginnen und zwei Jahre dauern.

Die Planer gehen aber davon aus, dass der Bau in absehbarer Zeit startet. „Aus unserer Sicht ist es ein Projekt, das sich wirtschaftlich selbst tragen kann. Wir erwarten Mietererlöse, die dieses Vorhaben finanzieren“, so der Bahnhofschef. Das gilt zumindest für Mietflächen im Parterre. „Mit der Vermietung von Obergeschossen tun wir uns bundesweit schwer. Der Bedarf an Büroflächen nimmt in Berlin ab.“

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Warum der Bahnhof Südostkreuz heißen müsste

Mit dem Projekt möchte die Bahn eine bedeutende Berliner Station aufwerten. „In Berlin gibt es das Ost-, West- und Südkreuz. Schöneweide könnte auch Südostkreuz heißen“, sagt Euteneuer. Das Fahrgastaufkommen würde das rechtfertigen. 2024 wurde der Bahnhof täglich im Schnitt von knapp 50.000 Menschen genutzt. Zum Vergleich: Der Dresdener Hauptbahnhof hatte in jenem Jahr rund 40.000, der Wiesbadener Hauptbahnhof 38.000 Reisende pro Tag.

Auf der Görlitzer Bahn, wie die Trasse mit dem Bahnhof Schöneweide heißt, sind S-Bahnen der Linien S46, S47, S8, S85 und S9 unterwegs – unter anderem nach Königs Wusterhausen, Spindlersfeld und zum BER. Regionalzüge der Linien RE2, RB24 und RB32 fahren nach Nauen, Cottbus, Blankenfelde und Eberswalde. Sie sind die schnellste Verbindung zum Flughafen. Fahrzeit: elf oder zwölf Minuten.

Hier geht’s lang zu S-Bahnen und Regionalzügen: Die Visualisierung gewährt einen Blick in den Flachbau, der die Lücke zwischen Empfangsgebäude und Bahndamm schließen soll.

Hier geht’s lang zu S-Bahnen und Regionalzügen: Die Visualisierung gewährt einen Blick in den Flachbau, der die Lücke zwischen Empfangsgebäude und Bahndamm schließen soll.

© Visualisierung: DB InfraGO

Viele Fahrgäste steigen in Schönweide in Straßenbahnen und Busse der BVG um. Für Umsteiger zwischen Bahn und Rad bekommt der Knotenpunkt im Südosten Berlins bald noch größere Bedeutung: Die landeseigene InfraVelo baut auf dem Vorplatz ein Fahrradparkhaus und am Ecksteinweg eine Abstellanlage. Im kommenden Jahr sollen die Bike-and-Ride-Bereiche für insgesamt 1136 Fahrräder in Betrieb gehen.

Schöneweide hat Potenzial. „Der Bahnhof befindet sich in einem Bereich, in dem städtebaulich noch viel passieren wird. Das Entwicklungsgebiet Johannisthal und die Wissenschaftsstadt Adlershof liegen in der Nähe“, erklärt Daniel Euteneuer von der DB.

Schöneweide: Vom Arbeitstier zum Aschenputtel

Die Station, die zuletzt wie das Aschenputtel unter Berlins Bahnhöfen wirkte, hat schon einige Wandlungen hinter sich. Dabei war Schöneweide einst das Arbeitstier – als nach Lichtenberg zweitwichtigster Fernbahnhof von Berlin, Hauptstadt der DDR.

Einst ein belebtes Gebäude, seit acht Jahren ist es verriegelt: Nun plant die DB die Erneuerung des Empfangsgebäude Schöneweide am Cajamarcaplatz.

Einst ein belebtes Gebäude, seit acht Jahren ist es verriegelt: Nun plant die DB die Erneuerung des Empfangsgebäude Schöneweide am Cajamarcaplatz.

© Markus Wächter/Berliner Zeitung

Als der Haltepunkt Neuer Krug 1868 öffnet, ist es dort noch ländlich. Die „Schöne Weide“ an der Spree ist ein beliebtes Ausflugsziel mit Lokalen, die am Sonntag gern angesteuert werden – nur dann halten Züge. Doch der Freizeitverkehr nimmt ab, weil sich in Ober- und Niederschöneweide immer mehr Industrie ausbreitet: eine Färberei, eine Brauerei, ein Kabelwerk, ein Gaswerk, schließlich sogar eine Autofabrik, die NAG.

Als der Bahnhof 1929 seinen heutigen Namen erhält, dominiert der Berufsverkehr. Am Fernbahnsteig halten Züge nach Cottbus, Görlitz und Breslau. Auch für Güterzüge wird Schöneweide ein Knotenpunkt.

Der geplante Flachbau von der Seite. Im Hintergrund das historische Empfangsgebäude.

Der geplante Flachbau von der Seite. Im Hintergrund das historische Empfangsgebäude.

© Visualisierung: DB InfraGO

Ein großer Rangierbahnhof entsteht nahebei, dort werden später rund drei Viertel aller für Ost-Berlin bestimmten Frachten behandelt. Auf der elektrischen „Bullenbahn“ bedienen massige Elektroloks die zahlreichen Gleisanschlüsse der Unternehmen im Umkreis.

Zu DDR-Zeiten wird es dann richtig voll im Bahnhof Schöneweide. Weil die Mauer andere Relationen versperrt, wird die Görlitzer Bahn eine wichtige Route in Ost-Berlin. Wer nach Meiningen, Erfurt, Stendal, Magdeburg oder Aschersleben möchte, steigt hier in den Zug. Weil der Andrang so groß ist, wird auch der benachbarte Bahnhof Baumschulenweg Fernzughalt, wenn auch vor allem für Entlastungs- und Sonderzüge.

Erinnerungen: „Die Luft war blau vom Zigarettenrauch“

Trotzdem sind in Schöneweide oft so viele Reisende unterwegs, dass die Transportpolizei die Treppen zum Bahnsteig D sperren muss. Beim Schichtwechsel ist auch auf den S-Bahnsteigen B und C viel los (der Bahnsteig A wurde nicht fertiggestellt). In der Selbstbedienungsgaststätte der Mitropa drängen sich Menschenmassen.

„Sonntags war es immer voller Armisten, die in ihre Kasernen reisten. Die Luft war blau vom Zigarettenrauch“, erzählt die Fotografin Daniela Risch, deren Bahnhofsbilder 2005 in Schönweide ausgestellt wurden. „Längst nicht alle, die hier warten wollten, passten hier ’rein.“

Verkehrsknotenpunkt Bahnhof Schöneweide 1974. Das Gebäude, in dem der langjährige Volksbühnen-Intendant Frank Castorf eine Reichsbahn-Lehre absolvierte, wird erneuert.

Verkehrsknotenpunkt Bahnhof Schöneweide 1974. Das Gebäude, in dem der langjährige Volksbühnen-Intendant Frank Castorf eine Reichsbahn-Lehre absolvierte, wird erneuert.

© Alfred Schulz/Historische Sammlung der Deutschen Bahn

Im Gewühl: Frank Castorf. Der gebürtige Berliner absolviert 1969 und 1970 eine Facharbeiterlehre. Sein Dienstausweis trägt den Stempel des Bahnhofs Schöneweide.

„Ich habe Reichsbahnfahrkarten verkauft und sollte auch Reisende in den Zügen kontrollieren, was mir sehr peinlich war“, erzählt der spätere Theatermann seinem Biografen Jürgen Balitzki. Noch peinlicher sei ihm die Dienstkleidung gewesen. Er habe sie mit gelben Strümpfen und roten Kordschuhen ergänzt, erinnert sich Castorf.

Schon im 19. Jahrhundert war hier viel los: Der heutige Bahnhof Schöneweide, der anfangs Neuer Krug hieß, war bald die wichtigste Station an der Görlitzer Bahn in Bahn.

Schon im 19. Jahrhundert war hier viel los: Der heutige Bahnhof Schöneweide, der anfangs Neuer Krug hieß, war bald die wichtigste Station an der Görlitzer Bahn in Bahn.

© Privat

Die Zahl der Reisenden wächst. 1970 ist von 1,1 Millionen Fahrgästen die Rede, sieben Jahr später schon von 1,8 Millionen. Die Reichsbahn versucht, den Mini-Bahnhof anzupassen: Die Halle wird vergrößert.  Teile der Gepäckabfertigung werden zu Fahrkartenschaltern, berichtet ein langjähriger Mitarbeiter des Bahnhofs Schöneweide. 1974 wird Schöneweide zum Nichtraucherbahnhof erklärt. 1978 deklariert die Reichsbahn die Fahrkartenausgabe zum „Lehrlingsobjekt“.

Nach der Wende verändern sich der Bahnhof und die umliegenden Stadtviertel. Das Kabelwerk Oberspree, die Brauerei Bärenquell und viele weitere Industriebetriebe machen dicht. Die „Bullenbahn“ wird nicht mehr gebraucht und wird ab 1997 abgebaut. Nebenan, wo ein Güterwagen stand, befindet sich seit 2003 ein Einkaufszentrum.

S-Bahn-Fahrgäste in Schöneweide. In die Verkehrsstation wurde bereits investiert.

S-Bahn-Fahrgäste in Schöneweide. In die Verkehrsstation wurde bereits investiert.

© Markus Wächter/Berliner Zeitung

Michael Wesseli, langjähriger Eisenbahner aus Berlin, kann sich noch gut an das historische Empfangsgebäude erinnern. Wenn man von den Bahnsteigen kam, befanden sich rechts Toiletten und ein Blumenladen (in Reichsbahnzeiten der Auskunfts- und Platzkartenschalter). „Ganz vorne rechts war die ehemalige Mitropa-Gaststätte, zuletzt ein Verkaufsraum für Getränke, Zigaretten, Imbiss“, erzählt Wesseli. Links gab es einen großen Zeitungsladen und die Fahrkartenschalter.

Die Lehrlingsausbildung war ebenfalls im Erdgeschoss untergebracht, im Kabinett gab es sogar ein Lehrstellwerk. Oben saß die Verwaltung, einige Beispiele: Dienstvorsteher, Personaldisposition, Reiseverkehrs- und Fahrkartenaufsicht, Güterverkehrsdisponenten.

Warum der Bahnhof Schöneweide besonders war

Als Daniela Risch 2005 ihre Bahnhofsbilder ausstellte, standen schon viele Räume leer, und überall war Melancholie zu spüren. Ihre Fotos zeigen die grünlichen Kacheln, mit denen die Reichsbahn der Station eine moderne Hülle verpassen wollte. Graue Stahltüren aus der Vergangenheit neben einem Plakat mit einem Reklamemodel aus der Gegenwart. Die Toilette, die größtenteils noch Original DDR ist.

Das Empfangsgebäude, damals noch zugänglich, mutete wie ein Gegenentwurf zu den modernen Bahnhöfen Berlins an. „Das ist das Besondere: Dass Schöneweide nicht so aussieht wie ein Einkaufszentrum“, lobte die Künstlerin. Dies sei ein Bahnhof, der nicht dem beliebigen Schema entspricht. Ein Ort, der ins Abseits geraten sei.

Moderne Bahnsteige: 42 Millionen Euro investiert

Immerhin: Nebenan hat sich zwischen 2018 und 2024 viel getan. Für 42 Millionen Euro wurde die Verkehrsstation von Grund auf erneuert und denkmalgerecht, nach historischem Vorbild, mit originalen Dachstützen, modernisiert. Dazu gehört auch der Personentunnel. Die drei Bahnsteige sind mit Aufzügen erreichbar. Nebenan bauten die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) ihre Straßenbahnstation aus.

Die nun geplanten Investitionen werden sich ebenfalls lohnen, ist man bei der Bahn überzeugt. Was die Zahl der Bahnhofsnutzer anbelangt, stehen die Zeichen auf Wachstum. 2040, so die Prognose, werden pro Tag im Schnitt 76.500 Menschen den Bahnhof Schöneweide nutzen – ein Verkehrszuwachs um rund die Hälfte.


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