Gastronomie

„Jedes Dorf braucht eine Kneipe“: Warum das Gasthaussterben trotz Steuersenkung weitergeht

Steuersenkungen und höhere Löhne sollen den Gastronomiebetrieben helfen. Doch was kommt davon in kleineren Orten und Dörfern an? Ein Blick in die Küchen fernab der Großstädte.

Dagmar Möbius
5 Min
Seit fünf Generationen in Familienhand: Ute Giebler betreibt mit Schwester Kerstin Kalwak den Dorfkrug Roda.

Seit fünf Generationen in Familienhand: Ute Giebler betreibt mit Schwester Kerstin Kalwak den Dorfkrug Roda.

© Daniel Scholz für Ostdeutsche Allgemeine

Zu Beginn des Jahres hat sich für deutsche Gastronomien der Mehrwertsteuersatz geändert: Für Speisen gilt wieder der ermäßigte Mehrwertsteuersatz von sieben statt 19 Prozent – Getränke ausgenommen. Damit will die schwarz-rote Koalition Restaurants und andere Anbieter entlasten – vom Bäcker über den Metzger bis hin zu Gemeinschaftsverpflegung in Kitas, Schulen und Krankenhäusern. Doch wie viel bringt das den Gastronomen wirklich?

Familienbetrieb: Dorfkrug Roda bei Nünchritz

Ute Giebler führt gemeinsam mit ihrer Schwester Kerstin Kalwak eine Gastwirtschaft, die fest im Ort verankert ist. Der Dorfkrug Roda, gelegen in dem 121-Einwohner-Dorf nahe Nünchritz, wird seit 1892 in fünfter Generation von der Familie betrieben.

Doch wie steht sie zu den Maßnahmen der Regierung? „Es ist noch ein bisschen zeitig, darüber zu sprechen, wie sich die Mehrwertsteuersenkung auswirken wird“, sagt die Gastronomin.

Zum Mindestlohn haben die Geschäftsführerinnen eine ganz klare Meinung. Über 30 Angestellte arbeiten im Dorfkrug, nicht alle Vollzeit. „Wir zahlen mehr als Mindestlohn. Es ist wichtig, gute Leute zu haben, sie sollen nicht ausbrennen.“ Reich würden die Unternehmerinnen nicht. „Aber wir können glücklich sein.“

Die Kundschaft des Dorfkrugs kommt auch von weiter her, es gibt viele Stammgäste. Das liege nicht nur am guten Ruf, der frischen ländlichen Küche und der familiären Atmosphäre. Die vegetarische Enkelfraktion wird genauso beglückt „wie die Omi mit der Roulade“. In Roda ist das Koselitzer Karpfenfilet blau mit Apfel-Rotkohl, Meerrettich, Kartoffeln und zerlassener Butter das unangefochtene Lieblingsessen.

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Doch nicht jedem Restaurant in der Region geht es so gut wie dem in Roda. Viele Landgasthöfe in der Region haben zugemacht. Ute Giebeler bedauert das. Sie findet: „Jedes Dorf braucht eine Kneipe.“ Ihren Dorfkrug soll es noch lange geben. Trotzdem denken die Schwestern darüber nach, kürzerzutreten: „Wir sind beide deutlich über 50, brauchen mehr frei und längere Regenerationszeiten.“ Ihren freien Tag verbringen sie mindestens zur Hälfte mit Bürokram. Wie sie sich entscheiden, überlegen sie noch.

Vier-Gänge-Menü: Restaurant Mycel in Lichtenau

Hanna Lehmann hat in Chemnitz, Sylt und Leipzig gekocht. Schon drei Jahre nach Abschluss ihrer Kochausbildung wurde sie Küchenchefin, unter anderem im Restaurant Laurus in Hartmannsdorf und in Schweden. Kurz nach der Corona-Pandemie gründete die mehrfach ausgezeichnete junge Köchin ihr Unternehmen Mycel in Lichtenau bei Chemnitz. „Ich bin im Mai 2023 mit sieben Prozent Mehrwertsteuer gestartet und habe nach der regulären Erhöhung auf 19 Prozent die Preise nicht komplett angehoben“, sagt sie. Die jetzige Senkung findet sie super und hat ihre Preise etwas reduziert.

Köchin Lehmann verfolgt jedoch kein klassisches Restaurant-Konzept: An einzelnen Wochentagen serviert sie abends ein monatlich wechselndes Vier-Gänge-Menü, das vorab über ihre Website gebucht wird. Die Februar-Termine für „rosa Wildschweinrücken im Hauptgang“ waren sehr gefragt. Für März ist „Lachsforelle aus Schweikershain im Hauptgang“ angekündigt. 70 Euro schlagen dafür pro Person zu Buche – inklusive Mehrwertsteuersenkung.

Serviert wird in Lichtenau-Ottendorf. „Hier befinden sich zwei Unternehmen auf einem Gelände – der Campingplatz und das Restaurant. Wir arbeiten getrennt voneinander, aber bewirtschaften einen Standort“, sagt Hanna Lehmann. Das erlaube eine andere Preisgestaltung als bei Lokalen ohne diese örtlichen Möglichkeiten. „Ich weiß genau, was und wie viel gegessen wird, und kann sehr gut planen.“

Im Moment hat sie eine Mitarbeiterin, die sie deutlich über Mindestlohn bezahlt. Weil die Köchin ihre Mitarbeitenden schon immer übertariflich vergütet hat, ist die aktuelle Mindestlohnerhöhung kein Thema für sie. Die gesetzlichen Änderungen begrüßt sie dennoch.

Geschlossen: Muskelkater in Boxberg

Eine Kultkneipe in Boxberg hat es hingegen nicht geschafft: Das Freizeithaus Muskelkater hat dicht gemacht, Betreiber Uwe Schillack fand keinen Nachfolger, er selbst wollte unbedingt aufhören, der Ein-Mann-Betrieb war zu anstrengend . Dabei hatte der Muskelkater einen guten Ruf in der Oberlausitz: Weit und breit das beste Schnitzel würde es hier geben, schwärmten bis vor wenigen Wochen seine Gäste im Internet. Das Preis-Leistungs-Verhältnis stimme. Hier hieß die klare Hühnerbrühe mit Eierflocken „Durchblick“, das Bauernfrühstück „Mischmasch“ und Makkaroni mit Gulasch waren als „Lange Löcher mit Titsche“ bekannt. Neben dem Restaurant befindet sich ein Fitnessstudio. Daher kommt der Name.

Der 72-jährige Gastronom ist seit fünf Jahren Rentner, bis vor wenigen Wochen stand er noch in der Küche und hinter dem Tresen. „Ich muss noch Schulden aus der Corona-Zeit abarbeiten, und ich will auch noch arbeiten“, sagt er noch im Februar. An drei Tagen in der Woche ab 16 Uhr hatte er sein Lokal am Bärwalder See geöffnet und erzählt ganz stolz: „Ich koche frisch, bei mir gibt es nichts Vorgefertigtes. Das dauert manchmal länger, aber den Leuten schmeckt es.“ Sein Bauernfrühstück, das Zigeunersteak und die Schnitzel - sie waren die Highlights auf seiner Speisekarte.

Mitte März später sieht die Lage im Muskelkater komplett anders. „Ich schließe“, sagt der Wirt. Angesichts der Herausforderungen in der Gastronomie, an denen auch die Senkung der Mehrwertsteuer nicht gravierend etwas ändert, gibt Schillack auf. Für seinen kleinen Betrieb blieb die vermeintliche Entlastung der Gastronomen praktisch ohne Folgen.

Die Mehrwertsteuersenkung lohnt sich ab etwa 100 Essen. „Aber das wird durch den Mindestlohn gleich wieder aufgefressen“, sagt Uwe Schillack. Er war Einzelkämpfer, Angestellte konnte er sich nicht mehr leisten. Dazu kam: Die Großhändler erhöhten die Preise, die Energiekosten stiegen. Und die Oberlausitz verliert ein Kultlokal.

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