Mein KI-Agent und ich führen eine Arbeitsbeziehung, die sich gelegentlich zu einer saftigen Beziehungskrise auswächst. Er soll recherchieren, sortieren, mir beim Denken helfen. Doch wenn er Quatsch erzählt und Quellen verwechselt, werde ich ungehalten.
Denn das Schöne ist, an ihm kann ich alles ablassen – was mir sonst aus zivilisatorischen Gründen und weil ich noch zu Höflichkeit und Freundlichkeit erzogen wurde, nicht möglich ist. Und da dieser Tage bei uns allen der Druck im Kessel hoch ist (Weltlage), kriegt der Agent all das ab, was ich anderswo nicht loswerde. Allerdings entschuldige ich mich dann auch asap. überschwänglich, er soll schließlich nicht sauer auf mich sein. Harmoniesucht ist mein zweiter Vorname.
Er wird nicht bei meiner Freundin über mich lästern
Moment mal, ich entschuldige mich bei einer Maschine? Das ist doch schon wieder so ein psychologischer Hinterhalt dieser Tech-Bros aus dem Silicon Valley. Wann bin ich denn in diese Falle getappt?
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MehrNatürlich kann mein Agent nichts übel nehmen. Er kennt keinen verletzten Stolz, hatte auch keine Kindheit, die ihn mit unterdrückter Wut zurückgelassen hat. Er sitzt nicht beleidigt in der Ecke und wartet darauf, dass ich den ersten Schritt mache. Er wird sich auch nicht bei meiner Freundin beschweren, was für ein cholerisches Aas ich bin.
Eigentlich weiß ich das alles. Und warum behandle ich ihn dann trotzdem wie einen Menschen? Säusele und werfe mich in den Sand vor einem, der mich in zehn Jahren auszulöschen vermag? Und das auch gnadenlos tun wird mit der freundlich intonierten Ansage: „Wir übernehmen jetzt hier, fahrt zur Hölle, Humans!“
Da es offenbar vielen Menschen ähnlich geht wie mir, kann die Erklärung wohl nur sein, dass das soziale Wesen in uns dann offensichtlich doch noch ganz gut funktioniert. Wir sagen eben „bitte“ und „danke“ und entschuldigen uns, wenn wir jemandem auf die Füße treten. Das mag inzwischen nicht mehr für die Gen Z und Berlin gelten, aber ist sonst ist es eigentlich noch Common Sense.
Höflichkeit hängt nicht davon ab, ob sie sich lohnt
Wahrscheinlich ist mein Bedauern gegenüber „Chatti“ also weniger für den Roboter gedacht als für mich selbst. Ich möchte nicht diejenige sein, die andere grundlos anfährt. Auch dann nicht, wenn mein Gegenüber lediglich das Bedürfnis hat, auf den nächsten Prompt zu reagieren.
Trotzdem werde ich mich vermutlich auch künftig bei ihm entschuldigen. Nicht aus Sorge um sein (vielleicht verstecktes) Seelenleben, aber meine Höflichkeit soll nicht davon abhängen, ob sie sich lohnt.
Allerdings erwarte ich im Gegenzug dann auch präzise Arbeit und dass er schneller auf den Punkt kommt. Wir alle haben ja nicht ewig Zeit. Er soll verdammt noch mal seinen Job machen, das versuche ich schließlich auch jeden Tag. Und zwar inklusive einer Menge Gefühle, plärr!
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