Meister von Flémalle und Rogier van der Weyden: Eine Schau über das schönste Rätsel der Kunst

Als die Welt ins Bild kam

Sebastian Preuss
5 Min

Die Brust der Muttergottes ist prall und schwellend. Sie so dem Jesuskind darzubieten, folgt keiner göttlichen Überhöhung mehr wie in unzähligen gotischen Darstellungen der stillenden Maria - es ist ein Stück echtes Leben. Das volle, sinnliche Gesicht der Madonna könnte das einer flämischen Kaufmannsfrau sein, die um ihre Reize weiß. Die geäderten Hände, das Gewand, das den Körper in raffinierten Faltenkaskaden umspielt, der täuschend echt gemalte Brokat, die Wiese mit detailgenau gemalten Pflanzen: Alles geschieht hier am Puls der Natur und der Dinge; die Wirklichkeit hat in der Kunst Einzug gehalten.Wir befinden uns an der Epochenschwelle zwischen Mittelalter und Neuzeit. Um 1420/30 revolutionierte in den burgundischen Niederlanden, in Brügge, Tournai und Brüssel eine Gruppe von Künstlern die Malerei. Während fast zeitgleich die Florentiner Frührenaissance das Menschenbild der Antike wiederbelebte, erfanden die flämischen Maler einen Naturalismus, wie ihn bis dahin noch niemand gesehen hatte.Bei Jan van Eyck, dem Meister von Flémalle oder Rogier van der Weyden, eine Generation später bei Dirk Bouts, Hugo van der Goes oder Hans Memling scheinen die dargestellten Menschen auf einmal zu leben, wirken Samt und Seide so stofflich, dass man sie anfassen will, funkeln Goldgeräte und Edelsteine um die Wette und öffnet sich im Hintergrund der Raum erstmals zu tiefen Landschaften. Obgleich in vielem noch der Spätgotik und dem Mittelalter verhaftet, begründeten diese Maler eine neue Epochenfolge der Kunst. "Ars Nova" - so hat der Kunsthistoriker Erwin Panofsky den Innovationsschub der alten Niederländer genannt.Mit der stillenden Gottesmutter, um 1430 entstanden, befinden wir uns mitten in der entscheidenden Phase dieser neuen Kunst. Zu dem Madonnenbild gehören eine ausdrucksstarke, vom Leben gezeichnete Veronika und ein Grisaille-Christus, der in seiner Existenz irgendwo zwischen Stein und Fleisch angesiedelt ist. Die drei Tafeln, Reste eines Flügelaltars, sind Schlüsselwerke der "Ars Nova"; erstmals seit 1849 haben sie jetzt das Frankfurter Städel Museum verlassen und sind in der Berliner Gemäldegalerie zu bestaunen.Bilder wie diese brauchen Künstlernamen, und genau dieses Problem führt die Ausstellung "Der Meister von Flémalle und Rogier van der Weyden" mit 48 Werken spektakulär vor. Wer also malte die Frankfurter Bilder, zu deren Umkreis der kapitale Mérode-Altar aus New York (er durfte nur zur ersten Station nach Frankfurt am Main reisen), die berühmte Geburt Christi aus Dijon und eine Reihe anderer Werke gehören, die jetzt in der Ausstellung erstmals versammelt sind? Manches davon hat man Rogier van der Weyden zugeschrieben, dem um 1400 geborenen Maler aus Tournai, der durch Archivalien gut fassbar ist, schon zu Lebzeiten von Kunstkennern bis nach Italien gerühmt wurde und Aufträge aus ganz Europa erhielt. Doch dann stellte 1898 Hugo von Tschudi, damals Direktor der Berliner Nationalgalerie, um die Frankfurter Tafeln eine neue Werkgruppe zusammen, deren Urheber er den Notnamen "Meister von Flémalle" gab, nach einer Abtei, aus der die Städel-Bilder angeblich stammen sollen. 1909 stieß der belgische Forscher Hulin de Loo in Archiven auf den um 1375 geborenen Robert Campin, der in Tournai eine florierende Werkstatt betrieb. Campin war so renommiert, dass Rogier van der Weyden, obwohl da schon 28 Jahre alt und als Maler auf eigenen Füßen stehend, für einige Jahre in seine Werkstatt kam.Seither gibt es eine Werkgruppe ohne Urheber und einen Künstler ohne Werke. So schien es nur schlüssig, den Meister von Flémalle mit Robert Campin gleichzusetzen. In aller Welt hängen heute Bilder unter dessen Namen, als sei diese Zuweisung eine unverbrüchliche Tatsache. In Wahrheit ist es aber die klassische Konstruktion eines Phantomkünstlers, denn kein einziges Gemälde konnte je durch Schriftquellen mit Campin in Verbindung gebracht werden. Auch den inneren Zusammenhang der Flémalle/Campin-Bilder haben stilkritische Erkenntnisse, dendrochronologisch gewonnene Holzdaten und andere Beobachtungen längst erschüttert. Es ist eines der vertracktesten Probleme der Kunstgeschichte, in der nach wie vor die subjektive Bewertung das letzte Wort hat.Den beiden Kuratoren Stephan Kemperdick (Berlin) und Jochen Sander (Frankfurt) geht es vor allem darum, die Fehlstellen unseres Wissens zu benennen. In ihrer Lesart ist der "Meister von Flémalle" eine diffuse Werkgruppe, nicht aber das Oeuvre eines Künstlers. Sie können sich etwa die Frankfurter Tafeln durchaus als Frühwerke Rogier van der Weydens vorstellen. Doch bevormunden sie den Besucher nicht, jeder soll seine eigenen Beobachtungen vor den Originalen machen. Vor kostbarer Kulisse dürfen wir unsere Augen schulen, denn so viele Spitzenwerke aus dieser Zeit kamen seit Jahrzehnten nicht mehr zusammen.Das wahre Zentrum der Schau ist Rogier van der Weyden, vom dem die Berliner Gemäldegalerie das weltweit bedeutendste Ensemble besitzt, jetzt verstärkt durch kostbare Leihgaben. Schon Nikolaus von Kues und Dürer pilgerten nach Brüssel, um die Leuchtkraft von Rogiers Farben, den haarfeinen Naturalismus und die Ausdruckskraft der Figuren zu bewundern. Wir staunen mit ihnen über den klirrenden Hyperrealismus. Und darüber, wie dank transparentem Farbschmelz das Blut unter die Haut pulsiert, wie sich in manchen Gesichtern ganze Psychogramme auftun, während die Körper in exaltierte Bewegung geraten. Komplizierte Architekturen lenken den Blick in zart gemalte Landschaften, die sich weit hinten im blauen Dunst verlieren.Stein und Holz, Gewänder und Perlen - alles gewinnt hier haptische Präsenz. Es ist der Moment, als die Welt zur Kunst wurde.Kulturforum am Matthäikirchplatz, bis 21. Juni. Di-So 10-19, Do bis 22 Uhr. Der Katalog kostet 34,90 Euro.------------------------------Foto: Die stillende Muttergottes, eine der "Flémaller" Tafeln, gemalt um 1430.

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