Frauen, Künstlerinnen, Freundinnen. Und Mode. Mit diesem Untertitel ihrer Pankower Ausstellung „Derselbe Himmel“ und des gleichnamigen Fotobuches aus dem Verlag Hartmann Books zieht Ute Mahler eine fotografische Bilanz.
Was in den Räumen der beliebten Galerie Pankow an den Wänden hängt und die Seiten des elegant gebundenen Fotobuches füllt, erzählt von DDR-Frauen, die tagtäglich aus ihrem Leben im realen Sozialismus das Beste machten, mit Courage, Lust, Kreativität und Trotz das Schöne feierten. Mit modischem Stil. Und der hatte so gar nichts zu tun mit hyper-stylischen Inszenierungen einschlägiger Hochglanzmagazine.
„Julia auf dem Bebelplatz“, Ost-Berlin, 1981
© Ute Mahler/Ostkreuz
Mahlers Models stehen mit ausgefransten Shorts und klatschnassen Haaren im Wasser, sitzen im Baumgeäst oder in einem Käfig. Sie schieben Kinderwagen, laufen über Felder, schlafen im Gras, lassen Drachen steigen, klettern im Braunkohletagebau herum. Sie stapfen im Schnee mit einem Arbeitspferd die Dorfstraße entlang, zerren Handwagen über die Flur, tanzen an einer Trabi-Tür wie an einer Ballettstange. Sie laufen im Regen, warten auf einem kalten erzgebirgischen Bahnsteig auf den Zug. Und eine in Omas Spitzenkleid verkörpert Romantik unter den Blüten eines Magnolienbaums: Frühling 1980.
„Julia im Wasser, Lehnitz“, 1979
© Ute Mahler/Ostkreuz
Das Model Julia sitzt (für die unromantisierte Serie über „Schwanger sein“) 1981 erschöpft mit vollem Einkaufsnetz in der Straßenbahn und läuft später mit ihrem Babybauch über den Berliner Bebelplatz. Im Rücken ein Foto-Spalier der Obernatschalniks vom ZK der allwissenden SED vor der Volkskammer-Wahl: zehn meist ältere Männer, neun mit Schlips, der jüngste, Egon Krenz, im FDJ-Hemd unterm Jackett. Daneben die einzige Frau im Polit-Klub, Inge Lange, zuständig für die DDR-Frauenpolitik.
Das Foto erschien damals in der Sibylle. Doch Ute Mahler wunderte sich, dass der ganze Hintergrund mit dem Politbüro wegretuschiert worden war. Vorsorglich. Bloß keinen Ärger!
Modefotografie? Ja und nein, denn da ist noch etwas anderes in den Motiven: Menschenbilder. Natürlich, ehrlich, ohne schönen Schein.
Autorenfotografie mit Vorbildern
Ute Mahler, geboren 1949 im thüringischen Berka, zählt zu den stilprägenden Fotografinnen des deutschen Ostens. Nach dem Mauerfall gründete sie mit weiteren Chronisten der DDR wie Sibylle Bergemann die Fotoagentur Ostkreuz. Es geht um Autorenfotografie. Credo war und bleibt eine zutiefst humanistische Weltsicht, in den Wurzeln geprägt von der „Family of Man“-Maxime Edward Steichens – der Egalität aller Menschen, auch die Weltsicht Robert Franks. Ebenso vom Vorbild der legendären Agentur Magnum.
„Marisa, Berlin Marzahn“, 1983
© Ute Mahler/Ostkreuz
Diese Bezüge bestimmen sowohl die künstlerischen Arbeiten der Fotografin als auch ihre Porträtaufnahmen für Magazine. Ganz gleich, ob für Lebensart, Reportagen oder unangepassten Kleider-Chic. Ihre Fotos zeigen den oft grauen, aber auch fröhlichen DDR-Alltag ohne die gängigen gesellschaftlichen Klischees, die Paraden, Losungen – und auch nicht die öden Läden. Alles wirkt eher privat, still, mal herb-poetisch. Oft melancholisch.
Mahlers Menschenbilder waren unverzichtbar für die legendäre, leider nach der deutschen Wiedervereinigung alsbald geschlossene ostdeutsche Kult-Zeitschrift Sibylle, die Vogue des Ostens. Für die fotografierten auch Sibylle Bergemann, Evelyn Richter, Roger Melis, Arno Fischer, Günther Rössler, Elisabeth Meinke, Sven Marquardt. Die Publikation war permanent vergriffen. Ein Abo gab es nur, wenn ein Besitzer kündigte oder verstarb.
Aus der Serie „Auf dem Land. Am Fluss. Werben (Elbe)“, 2020/21
© Ute Mahler, Werner Mahler/Ostkreuz
Sibylle, das war nicht bloß der angesagte Outfit-Trend, sondern die Stimmung. Und die Haltung zu einer eigenwilligen Fotografie. Doch die Übermacht der Konkurrenz fegte die vom westdeutschen Gong-Verlag übernommene Sibylle 1995 vom Medienmarkt. Ute Mahler sagt: „Bei der Arbeit für die Sibylle bot sich die Möglichkeit, außerhalb des Fotostudios Ideen und Träume zu inszenieren, mein Frauen- und Männerbild zu formulieren, Geschichten im Freien, in der Stadt, in der Natur, in der Wirklichkeit zu erzählen.“ Und sie nennt es „einen parallelen Gegenpol“ zur strengen Dokumentarfotografie.
Die Kamera zeigt, was ungesagt bleibt
An den Wänden der Galerie Pankow erzählen ihre Bilder von Schauspielerinnen der DDR („Solo-Sunny“ Renate Krößner) und Serien über das Zusammenleben verschiedenster Lebensarten, wo Menschen miteinander den Alltag erfahren. Ihre Kamera fängt seit 50 Jahren subtil ein, was zwischen den Abgebildeten und ihrem Umfeld mit Worten ungesagt bleibt: Die Schwarz-Weiß-Aufnahmen zeigen poetisch und zugleich herb und ungeschönt den DDR-Alltag von Frauen, Männern, Alten, Jungen und Kindern, von Freunden und Fremden.
„Bahnhof Cranzahl/Erzgebirge“, Kreis Annaberg, eine Winterreise 1985
© Ute Mahler/Ostkreuz
Sie setzte nach 1990, nach dem Verschwinden des kleinen merkwürdigen Landes DDR, ihre Serien intensiv fort. Oft gemeinsam mit ihrem Mann, dem Ostkreuzfotografen Werner Mahler, der ebenfalls für Sibylle gearbeitet hat. Etliche Inszenierungen entstanden in ihrem verwunschenen Garten im brandenburgischen Refugium Lehnitz.
Schon 1978 war bei den Textilarbeiterinnen im VEB Obertrikotagen Wittstock die Fotostrecke „Junge Mode für einen jungen Betrieb“ entstanden. Im gleichen Jahr auch der Zyklus „Ein paar Pfund zu viel“ für Frauen in Sommerkleidern, die sonst in keinem Modemagazin vorkamen: mollige, üppige sowie ältere Frauen. Es ging nicht ums Kaschieren, sondern ums selbstbewusste „Ich bin so, wie ich bin!“
Aus der Serie „Auf dem Land. Am Fluss. Werben (Elbe)“, Motiv „Abendmahl“, 2020/21
© Ute Mahler/Werner Mahler/Ostkreuz
Mitte der Achtzigerjahre, erzählt Ute Mahler, habe sie das Gefühl gehabt, dass alles stagniere. Obwohl sie für das „beste Magazin des Landes“ fotografierte. Dann fiel die Mauer. „Und mit irrsinniger Wucht kam das Neue auf uns zu!“ Was tun? „Wir fuhren dahin, wo es warm war. Wo das Licht vorhersehbar war“, sagt sie über Fotoreisen in die Länder des Südens, die bis 1989 ferner waren als der Mond.
Dann folgte die Ostkreuz-Gründung. Viel Courage, Mühe, Freude, auch Erfolg. 2000 kam die Berufung zur Professur an die Hochschule Hamburg. Und um 2012 startete das Fotografenpaar Mahler die faszinierende Porträt-Serie „Mona Lisen der Vorstadt“ an den Neubaurändern von Minsk, Florenz, Liverpool und Reykjavik, von Berlin-Marzahn und Gropiusstadt. Mal sie, mal er hinter der Kamera. Ihre Kamera erfasste jenen Moment des Nicht-mehr-Mädchen-und-noch-nicht-Frau-Seins. Das rätselhafte Dazwischen. Keine Models, sondern Menschenkinder zwischen Baum und Borke.
Und dann kam der Auftrag des FAZ-Magazins für eine „Mode“-Serie. Keine Vorgaben, weder für Stil noch für den Ort. Ute und Werner Mahler fragten Kinder von Freunden und Bekannten. Alle kamen mit nach Werben an der Elbe, der kleinsten Hansestadt, auch die eigenen Enkel Many und Fritz. Mit der Großformatkamera, porträthaft und in Schwarz-Weiß, entstand eine rätselhafte, spielerische Geschichte ohne lineare Handlung, nun erzählt an den Wänden der Galerie Pankow und im letzten Kapitel des Fotobuchs: die Kids im Blumenfeld, mit Rabenvogel und Pilgerstab. Und dann, ganz prosaisch, vor dem Buswartehäuschen, sozusagen dem einzigen Jugendtreff des Dorfes.
„Martina, Hohen Neuendorf“, 1980, Magnolienblüte in Omas Spitzenkleid
© Ute Mahler/Ostkreuz
Erzählt wird in der Serie „Auf dem Land. Am Fluss. Werben (Elbe)“ von keinem Modetrend, sondern von einer spontanen, nicht durchkonzipierten Landpartie ganz junger Leute. Und die schlossen bei dieser Fotoarbeit echte Freundschaft.
Derselbe Himmel. Galerie Pankow, Breite Str. 8, bis 1. November, Di–Fr 12–20 Uhr, Sa+So 14–20 Uhr. Eintritt frei. Fotobuch (Hartmann Books, 292 Seiten, in der Galerie für 58 Euro) mit einem Essay von Annett Gröschner.
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