Das ist so was wie das Weiße Haus in Washington oder der Regierungssitz Israels, wurden die Delegierten des PEN-Kongresses im Hilton auf die Einlass-Prozedur ins Bundeskanzleramt vorbereitet. Rolf Hochhuth hatte das offensichtlich nicht gelesen. Als "Schergen" pöbelte er die einfachen Wachmänner an der Schleuse zur Kanzleramts-Burg an. Der Kanzlerin aber küsste er danach die Hand.Er war "beileibe" - wie Angela Merkel sagen würde - nicht der einzige, der die Gelegenheit nutzte, sich an die mächtigste Frau im Staate ranzuschmeißen. Im Schleudergang der Menge nahm Merkel munter englisch parlierend Souvenirschals, ein handgeschriebenes Gedicht und kyrillische Fotobände entgegen, lächelte Kopf an Kopf mit asiatischen PEN-Funktionärinnen tapfer in Handykameras und ließ sich auch von Matthias Matussek dessen Buch über "die vaterlose Gesellschaft" aufdrängen.Mit einer umgekehrten Treppenrede, bei der die rund 400 Gäste des 72. internationalen PEN-Kongresses von der Treppe auf sie herabblickten, hatte die nimmermüde Kanzlerin am Mittwochabend ihre erste Kulturpremiere gemeistert.Zunächst klärte sie die Teilnehmer über Geschichte und Bedeutung ihres Vereins auf. Der 1921 gegründete Griffelklub P.E.N. (was für Poets, Essayists, Novellists steht) mit 18 000 Mitgliedern in 141 Ländervertretungen ist gegen Hass zwischen Klassen und Völkern, schützt Schriftsteller vor Verfolgung und tritt für die Freiheit der Meinungsäußerung ein. "Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst", zitierte Angela Merkel den Philosophen Voltaire. Weltweit sind derzeit rund 1 000 Autoren ernsthaft in Gefahr, 200 sitzen im Gefängnis mit Strafen von über 20 Jahren, im vergangenen Jahr wurden 37 Autoren und Journalisten getötet. Daran hatte der selbst Exil-erfahrene P.E.N.-Präsident Jiri Grusa wiederholt erinnert.Unter dem damaligen Kulturstaatsminister Naumann wurde vor sechs Jahren das vom Bund finanzierte Stipendien-Programm "Writers in Exile" ins Leben gerufen. Es garantiert sechs verfolgten Schriftstellern und Journalisten für ein paar Jahre ein gesichertes Zuhause in Deutschland. Merkels stolzer Verweis auf dieses Projekt darf hoffentlich als Bekenntnis zu seiner Weiterförderung verstanden werden. Ansonsten blieb aber bisher unklar, was der 2,5 Millionen teure Kongress im Hilton eigentlich macht. Klar, die öffentlichen Lesungen sind ein hübsch komprimiertes Literaturfest im darin nicht unterversorgten Berlin. Aber die einzige öffentliche Veranstaltung zum politischen Anliegen des P.E.N., "Schreiben in friedloser Welt", fand fast zeitgleich zum Kanzlerinnenempfang statt.
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