„Wir müssen damit rechnen, dass wir häufiger solche Ereignisse haben. Das ist Klimawandel.“ Mit diesem Satz machte Bundeskanzler Friedrich Merz den Waldbrand im nordrhein-westfälischen Hürtgenwald zum Anschauungsbeispiel für die Erderwärmung. „Und ich will allen Leugnern des Klimawandels sagen: Schauen Sie sich das genau an, was hier passiert ist“, sagte Merz bei seinem Besuch am 22. August.
Wenige Tage später sprach Merz auch bei der Kabinettsklausur über die Folgen des Klimawandels. Er forderte, diesen weiter einzudämmen und Deutschland zugleich besser an seine Folgen anzupassen. Der Tonfall fällt im Vergleich zu früheren Äußerungen des Kanzlers auf. Noch im Juli 2025 hatte Merz im Bundestag betont, selbst ein von heute auf morgen klimaneutrales Deutschland würde keinen einzigen Waldbrand auf der Welt verhindern. Klimaschutz könne deshalb nur international funktionieren.
Waldbrände 2026: Wie groß ist der Einfluss des Klimawandels wirklich?
Mythos vom brennenden Planeten: Die Daten sagen etwas anderes
Das Feuer in Nordrhein-Westfalen war am 13. August ausgebrochen und wütete mehrere Tage lang. Betroffen waren rund 300 bis 400 Hektar, etwa 1800 Menschen mussten ihre Häuser zeitweise verlassen. Es war der größte Waldbrand in Nordrhein-Westfalen seit Beginn der amtlichen Erfassung im Jahr 1991. Die Brandursache ist bislang ungeklärt. Menschliches Fehlverhalten gilt als mögliche Ursache, die Polizei wertet dazu zahlreiche Zeugenhinweise aus.
Merz' Einordnung stieß auf Widerspruch. Das Portal Report24 hielt dem Kanzler entgegen, ein Wald entzünde sich nicht spontan bei 30 oder 35 Grad, es brauche eine Zündquelle. Apollo News schrieb, Merz' Aussagen seien „fernab jeder Realität“.
Klimaerwärmung ist keine Zündquelle
Der Hinweis auf die Zündursache ist berechtigt. Der Klimawandel entzündet keinen Wald. Über die Frage, ob die Erwärmung die Bedingungen für einen solchen Brand begünstigt hat, sagt das allerdings nichts aus. Ein weggeworfener Zigarettenstummel, Brandstiftung oder ein Blitz können ein Feuer auslösen. Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Boden- und Vegetationsfeuchte sowie Wind entscheiden mit darüber, ob ein Funke rasch erlischt oder sich ein schwer kontrollierbarer Brand entwickelt.
Der Verweis auf eine menschliche Zündursache widerlegt einen Klimaeinfluss auf die Brandbedingungen deshalb nicht. Ein heißer und trockener Sommer beweist umgekehrt aber auch nicht, dass ein konkretes Feuer dem Klimawandel zuzuschreiben ist.
Ein Blick auf die deutschen Langzeitdaten zeigt zudem, dass steigende Temperaturen nicht automatisch mit immer größeren Waldbrandflächen einhergehen. Die Bayerische Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft verbindet in einer Auswertung Daten aus Bundesrepublik und DDR mit der gesamtdeutschen Statistik. Danach sank die mittlere jährliche Waldbrandfläche von 3365 Hektar in den Jahren 1961 bis 1990 auf 797 Hektar zwischen 1991 und 2020, ein Rückgang um 76 Prozent. Auch die durchschnittliche Zahl der Waldbrände ging von 2611 auf 1139 pro Jahr zurück, ein Minus von 56 Prozent. Seit 2018 zeigen die gleitenden Zehnjahresmittel zwar wieder einen leichten Anstieg. Das Niveau liegt aber weiterhin deutlich unter dem der Jahrzehnte vor 1991. Über die Intensität einzelner Waldbrände sagen diese Zahlen wenig aus. Die Statistik erfasst vor allem Zahl und verbrannte Fläche der Feuer, nicht ihre Intensität.
Faktencheck eines Faktenchecks
Am 25. August veröffentlichte das Portal Cleanthinking einen Faktencheck unter der Überschrift „Merz hat recht“. Darin wendet sich das Portal gegen die Argumente von Apollo News und Report24. Der weltweite Rückgang der verbrannten Fläche stamme zu einem großen Teil aus Savannen und Grasländern und sage nicht unmittelbar etwas darüber aus, wie sich das Waldbrandrisiko in europäischen Wäldern entwickle. Auch eine menschliche Zündursache schließe klimatisch günstigere Bedingungen für die Ausbreitung von Feuern nicht aus.
Beide Einwände treffen zu. Den Beleg für Merz' Aussage liefert der Faktencheck damit trotzdem nicht. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass der menschengemachte Klimawandel das Feuerwetter in Teilen Europas verschärfen kann. Sie zeigen nicht, dass der konkrete Waldbrand im Hürtgenwald dem Klimawandel zugerechnet werden kann.
Hubschrauber von Bundeswehr und Bundespolizei, Bergepanzer der Bundeswehr waren beim Waldbrand im Hürtgenwald im Einsatz.
© Christoph Hardt/Imago
Als Beleg führt der Faktencheck unter anderem die Attributionsforschung an. Eine aktuelle Analyse von World Weather Attribution kommt für Südwestfrankreich und Zentralspanien zu dem Ergebnis, dass Wetterlagen, die schwere Waldbrände begünstigen, durch den Klimawandel häufiger und intensiver geworden sind. In Südwestfrankreich seien ähnlich extreme Bedingungen heute mindestens doppelt so wahrscheinlich, in Zentralspanien mindestens 20-mal so wahrscheinlich.
Die Ergebnisse betreffen allerdings Südwestfrankreich und Zentralspanien, nicht Deutschland. Die Studie untersucht weder den Hürtgenwald noch die Zündursache eines einzelnen Feuers. Die Forscher verwenden dafür eine Kennzahl für die Waldbrandgefahr, die unter anderem Temperatur, Trockenheit und Wind berücksichtigt. Sie weisen zugleich darauf hin, dass historische Trends der verbrannten Fläche die zunehmende Feuerwettergefahr nicht einfach widerspiegeln. Bessere Prävention und Brandbekämpfung haben die durchschnittliche Brandfläche in vielen Regionen verringert.
Trotz höherer Waldbrandgefahr weniger verbrannte Fläche
Die Europäische Umweltagentur weist darauf hin, dass eine steigende meteorologische Waldbrandgefahr nicht zwangsläufig zu mehr verbrannter Fläche führt. Das Klima beeinflusst die Bedingungen für Waldbrände. Wie viel am Ende tatsächlich brennt, hängt aber auch von Landnutzung, Vegetation, Zündquellen, Prävention und Löschkapazitäten ab.
Die langfristig gesunkene Brandfläche beweist nicht, dass das Klima keinen Einfluss auf die Waldbrandgefahr hat. Ein einzelner großer Waldbrand lässt sich umgekehrt nicht ohne Weiteres dem Klimawandel zuschreiben.
Hat Merz nun recht?
Wissenschaftlich genauer wäre die Aussage gewesen, dass der menschengemachte Klimawandel in Teilen Europas die Bedingungen für schwere Waldbrände verschärfen kann und dass Deutschland sich auf mögliche Veränderungen der Waldbrandgefahr vorbereiten sollte.
Merz wählte stattdessen den Satz „Das ist Klimawandel“. Damit machte er aus einem erhöhten Risiko eine eindeutige Aussage über ein einzelnes Feuer. Für den Hürtgenwald liegt bislang keine spezifische Attributionsanalyse vor. Selbst eine solche Studie würde typischerweise nicht feststellen, dass der Klimawandel das Feuer verursacht hat. Sie würde abschätzen, wie stark er die Bedingungen verändert hat, die Brände begünstigen.
Apollo News und Report24 konzentrieren sich vor allem auf die Zündursache und die langfristig gesunkenen Brandflächen. Der Faktencheck zeigt die Grenzen dieser Argumente. Mit seinem Urteil „Merz hat recht“ geht er aber selbst weiter, als es die angeführten Studien erlauben. Der Klimawandel kann die Bedingungen für Waldbrände verändern. Wie groß sein Einfluss auf das konkrete Feuer im Hürtgenwald war, lässt sich wissenschaftlich nur mit erheblichen Unsicherheiten abschätzen.
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