Um die deutsch-amerikanischen Beziehungen steht es schlecht. In Berlin gibt es keinen amerikanischen Botschafter. Die US-Botschaft wird von Alan D. Meltzer als Geschäftsträger geführt. Gleichzeitig hat das Pentagon den Abzug von rund 5000 US-Soldaten aus Deutschland innerhalb weniger Monate angeordnet. Ein Deutschlandbesuch von US-Präsident Donald Trump ist derzeit nicht angekündigt.
Hinzu kommt der offene Streit über die AfD und die Frage, wie weit ein demokratischer Staat gehen darf, um politische Kräfte zu bekämpfen, die er als extremistisch einstuft. Washington kritisierte das deutsche Vorgehen massiv. US-Außenminister Marco Rubio griff die Einstufung der AfD als „gesichert rechtsextremistisch“ an, während Vizepräsident J.D. Vance in München 2025 die europäische Demokratiepolitik frontal attackierte.
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Dann ist da der Iran. Als die USA und Israel Ende Februar 2026 den Krieg gegen Iran begannen, beteiligte sich Deutschland nicht militärisch an der amerikanischen Operation. Aus Washington wurde das als mangelnde Bündnissolidarität verstanden. Ende April verschärfte Friedrich Merz den Konflikt. Die USA hätten offensichtlich keine Strategie und würden von der iranischen Führung „gedemütigt“, sagte der Bundeskanzler. Trump griff ihn daraufhin öffentlich scharf an.
Eine Freundschaft, die selbstverständlich schien
Dabei war das Verhältnis zwischen Deutschen und Amerikanern lange weit mehr als ein gewöhnliches Bündnis. Nach dem Zweiten Weltkrieg halfen die USA beim Wiederaufbau Westdeutschlands. Der Marshallplan wurde zum Symbol amerikanischer Unterstützung. Die Berliner Luftbrücke von 1948/49 machte aus amerikanischer Militärpräsenz ein sichtbares Schutzversprechen. Während der sowjetischen Blockade versorgten amerikanische und britische Flugzeuge West-Berlin monatelang aus der Luft.
Anschließend wurde die Bundesrepublik Schritt für Schritt in die von den USA angeführte westliche Staatengemeinschaft integriert. Sie trat 1955 der Nato bei. Westbindung war nicht nur Außenpolitik, sondern das Fundament des jungen Staates. Sicherheit, wirtschaftlicher Wiederaufstieg, demokratische Ordnung und die Zugehörigkeit zum Westen gehörten zusammen.
Kinder beobachten 1948 die Landung eines US-Flugzeugs am Flughafen Tempelhof. Die Luftbrücke wurde zum Symbol des amerikanischen Schutzversprechens für West-Berlin.
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Für die westdeutsche Nachkriegsgesellschaft waren die Vereinigten Staaten Schutzmacht und politisches Vorbild zugleich. Sie waren der Garant einer Ordnung, die Deutschland nach Krieg und Diktatur wieder salonfähig machte. Die Beziehung war nie konfliktfrei. Doch sie war von der Erfahrung geprägt, dass Deutschland seine Sicherheit nicht allein aus eigener Kraft gewonnen hatte. Amerikanische Macht war Teil der Voraussetzung für die deutsche Freiheit.
Diese Prägung erklärt viel über Friedrich Merz. Er wurde 1955 in Brilon geboren und wuchs in der alten Bundesrepublik auf. Der Kalte Krieg war politische Gegenwart, die deutsche Teilung Realität. Die Sowjetunion war der Gegner, die Nato der Schutzschirm. Merz’ politisches Denken entstand in einer Gesellschaft, in der Westbindung nicht erklärt werden musste, weil sie den Staat definierte.
Amerika war deshalb kein Staat wie jeder andere. Die Vereinigten Staaten standen für das Versprechen, Europa im Ernstfall zu verteidigen. Zugleich war Amerika ein Sehnsuchtsort. Viele träumten von einer Reise nach New York, manche von einem Studium oder einer Arbeitsstelle in den USA. Das „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ stand für Sicherheit und Partnerschaft, aber auch für die Aussicht auf ein anderes Leben.
Die Erinnerung verblasst
Erol Morkoç, Sprecher der Republicans Overseas – einer globalen Organisation der im Ausland lebenden US-Republikaner –, sieht die Ursache des Bruchs deshalb nicht in erster Linie im Iran-Krieg oder im Truppenabzug. Entscheidend sei der demografische und generationelle Wandel. „Die Amerikaner, die Europa verteidigten, und die Deutschen, die von amerikanischer Hilfe und amerikanischem Schutz profitierten, sind auf beiden Seiten weitgehend verschwunden“, sagte er dieser Zeitung. Den heutigen Wählern fehle die persönliche Erinnerung, die das Bündnis emotional zusammengehalten habe. Die ältere westdeutsche Generation hatte Amerika als Schutzmacht erlebt. Die jüngere hat diese Beziehung vor allem geerbt.
Merz’ Generation wuchs mit dem Bewusstsein auf, dass die Vereinigten Staaten Europa im Ernstfall verteidigen würden. US-Soldaten waren in deutschen Städten, amerikanische Kasernen gehörten zum Landschaftsbild, Ramstein war kein Name aus einem sicherheitspolitischen Bericht, sondern ein Teil der Nachkriegswirklichkeit.
Militärflugzeuge starten von der US-Luftwaffenbasis Ramstein. Der Stützpunkt steht für jene amerikanische Militärpräsenz, die das US-Bild der alten Bundesrepublik prägte.
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Deutschland habe sich seit Merkel politisch und gesellschaftlich verändert, zugleich aber auf fortwährende amerikanische Unterstützung vertraut, sagt Morkoç. Die deutsche Politik habe Amerika belehrt, während die eigene Energiepolitik auf russisches Gas setzte, die Kernkraft abschaffte und die Bundeswehr jahrelang vernachlässigte. Aus amerikanischer Sicht sei Deutschland deshalb nicht mehr der zuverlässige Partner von einst. Es erscheine als Staat, der Ansprüche stelle, ohne ausreichend eigene Stärke zu zeigen.
Besonders hart fällt Morkoç’ Urteil über die deutsche Außenpolitik aus. Deutschland habe jahrzehntelang mit dem iranischen Regime Geschäfte gemacht. Nun könne es Washington nicht erklären, wie Amerika gegen Teheran Krieg zu führen habe. Das werde in Washington zunehmend als Anmaßung empfunden.
Aussitzen reicht nicht
Die Bundesregierung setzt wie bereits in der ersten Amtszeit Trumps auf Aussitzen: Irgendwann werde der Spuk eben vorbei sein, dann könne ein Neubeginn nach Trump folgen. Doch die Hoffnung auf eine Rückkehr zum alten Verhältnis hat sich bereits 2020 nicht erfüllt. Selbst wenn Trump morgen verschwände, wäre die frühere Selbstverständlichkeit nicht wiederhergestellt.
Auch die amerikanische Gesellschaft verändert sich. Der Anteil der Bevölkerung mit europäischen Wurzeln sinkt, während der von Ostasiaten, Indern und Latinos steigt.
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Zudem stehen auch bei den Demokraten vor allem innenpolitische Themen wie Mieten, Arbeitsplätze und Infrastruktur im Fokus. Forderungen nach europäischer Verantwortung in Sicherheitsfragen, mehr Militärausgaben und einem Rückzug der USA haben sich seit Obama im Kern nicht verändert, unabhängig vom Mann im Weißen Haus. Lediglich der Ton ist ein anderer.
Die Generation Merz verliert ihr Amerika
Und auch Amerika hat sich verändert. Washington betrachtet Europa heute stärker nach strategischem Nutzen, militärischen Leistungen und finanzieller Gegenleistung. Die alte emotionale Bindung tritt hinter Interessen zurück. Genau hier stößt die westdeutsche Generation an ihre Grenze. Sie will die transatlantische Welt erhalten, in der sie politisch sozialisiert wurde. Aber diese Welt existiert nicht mehr.
Damit verliert die Generation Merz mehr als einen vertrauten Partner. Eine Gewissheit ihres politischen Weltbilds zerfällt, dass Europa und Amerika selbstverständlich zusammengehören.
Sie will die transatlantische Welt erhalten, in der sie aufgewachsen ist. Doch historische Dankbarkeit ersetzt keine gemeinsamen Interessen. Was für Merz zur politischen Identität gehört, muss sich für Washington heute vor allem rechnen.
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