Ein verwinkelter Postladen, eine bunte Praxis für Ergotherapie. Eine ruhige Wohnstraße, die von der Torstraße in Berlin-Mitte abgeht. Doch hinter den Türen der Novalisstraße 13 ist es mit der Beschaulichkeit lange vorbei. Seit einem Dreivierteljahr kämpfen hier zwei alteingesessene Frauen mit ihren Unternehmen ums Überleben – und der Kiez kämpft mit ihnen.
Ein Verdrängungssystem wie David gegen Goliath: ein neuer Eigentümer, eine horrende Mieterhöhung, und wenn der alte Mieter weg ist, wird möblierte Kurzzeitvermietung installiert. Jahrzehnte gewachsene Nachbarschaft gegen sehr, sehr viel Geld.
Berlin verändert sich, und wer sich das nicht leisten kann, muss gehen. Das gilt längst nicht mehr nur für Wohnungen. Auch kleine, langjährige Läden, die einen Kiez ausmachen, geraten systematisch unter Druck.
Zwei Frauen, ein Schicksal
In der Novalisstraße 13 droht Nadja Schünemann und Jana Bieselt genau dieses Schicksal. Doch die beiden Frauen gehen sehr unterschiedlich damit um. Die eine hat kapituliert, die andere plant die Verbarrikadierung.
Jana Bieselt betreibt ihren Kiosk seit 2006. Hier holen die Anwohnerinnen und Anwohner aus der Umgebung ihre Pakete ab, verschicken ihre Briefe, kaufen Zeitschriften. Doch es ist auch eine Anlaufstelle. Die Nachbarskinder kommen, wenn der Schlüssel zu Hause klemmt. Bieselt gießt die Blumen und leert Briefkästen, wenn jemand im Urlaub ist.
Nadja Schünemanns Ergotherapiepraxis liegt im Innenhof. Dort hilft sie auf 120 aufwendig gestalteten Quadratmetern ihren Patienten. „Manche kommen seit 15 Jahren zu mir“, sagt sie über Patienten mit chronischen Schmerzen. Beide Frauen teilen seit Monaten den gleichen Kampf.
Am Ende des Jahres wird dieser Kampf zu einem Finale kommen. Wenn das „Herz des Romantik-Kiezes“, wie es in der zugehörigen Petition heißt, aufhört zu schlagen, wird die eine voller Wehmut fortgehen – die andere lässt es zum Äußersten kommen.
Die Ergotherapeutin Nadja Schünemann in ihrer Praxis.
© Thomas Meyer/OSTKREUZ
Gespräch mit Bürgermeisterin und Investor
Die Situation besteht seit Ende des vergangenen Jahres. Die Initiative Kiez vor Profit hat sich gegründet, Treffen der Anwohner organisiert und Demonstrationen abgehalten. Kürzlich ist noch einmal Bewegung in die festgefahrene Situation gekommen.
Am 6. Juli findet ein Gespräch statt zwischen Schünemann, Bieselt, der Bezirksbürgermeisterin Stefanie Remlinger (Grüne) und dem Investor. „Ich dachte, wir finden eine menschliche Lösung“, erinnert sich Bieselt. Auch Schünemann sagt über diesen Tag, es sei das einzige Mal gewesen, dass sie in der Angelegenheit Hoffnung gehabt habe.
Doch es kommt anders. „Remlinger hat null für uns gesprochen“, findet Bieselt. Sie habe die Bürgermeisterin als investorenfreundlich wahrgenommen. Am 11. August gibt es noch ein zweites, letztes Treffen. Bieselt bietet dem Investor als Miete einen Festpreis an, der fast doppelt so hoch liegt wie ihr jetziger. Doch es reicht nicht. „Ich wäre zu jeglicher Verhandlung bereit“, sagt sie heute, „aber ich werde am 31. Dezember die Räume nicht verlassen.“
Schon mehrmals gab es Demonstrationen von Kiez vor Profit. Die Novalisstraße ist geschmückt mit einer Girlande, welche die Anwohner dafür aufgehängt haben. Transparente hängen an Balkonen. Zuletzt gingen am 3. September Menschen auf die Straße. Auf dem Flyer zur Demonstration betont die Initiative: „Es kann jeden treffen, dessen Zuhause plötzlich zur Renditeadresse wird.“
Der Kiez solidarisiert sich mit den beiden Frauen. Über der Straße hängen Girlanden von einer der Demonstrationen.
© Thomas Meyer/OSTKREUZ
„Berlin reicht mir jetzt“
Doch keine Solidarität kann verdreifachte Mieten bezahlen. Und so richten sich Schünemann und Bieselt in einer neuen Realität ein. Der Tag der Kündigungsfrist rückt näher, und eine Wandlung der Verhältnisse ist nicht mehr in Sicht.
„Mir tut es wahnsinnig leid um meine Patienten“, sagt Schünemann. Es gehe vor allem bei älteren Menschen um eine standortnahe Ergotherapie. Sie wird ihre Praxis zum Ende des Jahres schließen und in Brandenburg einen Neustart wagen. Die 59-Jährige bedauert sehr, dass ihr nun auch ein Rentenbaustein wegbricht. Normalerweise verkaufe man die Praxis und besonders den Namen, den Kundenstamm.
Sie möchte neue Wege einschlagen. „Berlin reicht mir jetzt“, sagt die Ergotherapeutin, die privat auf ähnliche Weise aus ihrer Wohnung verdrängt wurde. „Am 31. Dezember um 23.59 Uhr werde ich hier den Schlüssel übergeben.“ So endet eine Ära, die 1997 begonnen hat – man merkt, wie nah beieinander Resignation und Wehmut liegen. „Berlin hat viele Worte, aber wenige Möglichkeiten zu helfen“, sagt sie.
Die Praxis von Nadja Schünemann ist aufwendig gestaltet. Auf 120 Quadratmetern behandelt sie seit 1997 ihre Patienten.
© Thomas Meyer/OSTKREUZ
Es wird passieren – die Frage ist nur, wie
Schünemann hat sich abgefunden. Damit, dass sie die Mieterhöhung nicht zahlen können wird. Dass sie ihren Patienten dann nicht mehr helfen kann. Doch natürlich schwingt noch Wut bei der Therapeutin mit, wenn sie sagt: „Scheinbar ist eine notwendige medizinische Versorgung nicht wichtig.“
Die zugehörige Petition, die in rund sechs Wochen an Bezirksbürgermeisterin Stefanie Remlinger und Stadtentwicklungssenator Christian Gaebler (SPD) überreicht werden soll, hat derzeit knapp 3200 Unterschriften. Der Kioskbesitzerin Bieselt merkt die Dankbarkeit an, auch für die Demonstrationen: „Nur für uns sind mehr als 200 Leute mehrmals auf die Straße gegangen.“
Doch von Remlinger erwartet sie nicht mehr viel. In weniger als drei Monaten wird es wohl unweigerlich zum Showdown kommen. Wenn Silvester gekommen ist und Schünemann die Schlüssel zu ihrer Praxis übergibt, will Bieselt bis zum Äußersten gehen.
„Wir haben immer fair gespielt“, betont sie. Zum Beispiel habe sie nie den Namen des Investors in der Zeitung genannt. Doch selbst seien sie „wie ein Lappen behandelt“ worden. Seitdem der Investor Bieselts Mietangebot unbeantwortet gelassen hat, scheint bei ihr ein Schalter umgelegt. „Ich bin komplett im Kampfmodus“, sagt sie felsenfest. „Bei mir gibt’s kein Zurück.“
Kein Plan B
Bieselt ist nicht weichzukochen – und, womöglich das Dramatischste: Sie ist angstbefreit. Das merkt man zum Beispiel, wenn sie von dem Raubüberfall erzählt, den sie erlitten hat. Wie sie gefesselt im Laden gelegen und zugesehen hat, wie er ausgeräumt wurde. Sie ist abgehärtet. „Ich habe keine Angst vor dem“, sagt sie über den Investor.
So droht diese Geschichte des Familienbetriebs ein dramatisches Ende zu nehmen. „Für mich gibt es keinen Plan B“, meint sie. Dass das nicht nur leere Worte sind, merkt man daran, dass sie längst ihre Verträge mit der Post hätte kündigen müssen. Doch sie weigere sich, sich auf das Ende einzustellen: „Ich lebe hier so, als hätte ich einen ganz normalen Mietvertrag.“
Jana Bieselt hinter ihrem Tresen.
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Investor auch in anderen Bezirken tätig
Nach einer Anfrage der beiden Grünen-Abgeordneten Silke Gebel und Katrin Schmidberger an die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung vom 12. März dieses Jahres hält das Unternehmen in Berlin 19 Objekte mit insgesamt mindestens 112 Wohneinheiten. 13 der Objekte befinden sich in Friedrichshain-Kreuzberg.
Die Initiative Kiez vor Profit hat in mehreren dieser Immobilien ein ähnliches Vorgehen der Holding dokumentiert. Der Investor hat sich auf eine Anfrage der Berliner Zeitung zu den Vorgängen bis Redaktionsschluss nicht geäußert.
Für den kommenden Jahreswechsel, wenn Bieselt sich weigern wird, Platz zu machen, wird es jedoch unweigerlich zu einer Konfrontation kommen. Laut der Kioskbetreiberin stehen mehrere Fernsehteams in den Startlöchern. „Das wird genau das, was er nicht möchte: sehr unangenehm.“
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