LAMPEDUSA. Als der Hubschrauber auftauchte, hatten sie kaum mehr Benzin und noch zwei Flaschen Wasser. Zwei Flaschen für 43 Personen. Sie waren irgendwo in Libyen in ein Schlauchboot geklettert, hatten den Motor angeworfen und waren losgefahren. Nach Norden, in Richtung Europa. Das Meer war noch ruhig, als sie ablegten. Dann kam der Wind auf, die Überfahrt wurde zur Qual. Zum Glück verreckte die Maschine nicht.Als der Hubschrauber kam, waren sie seit drei Tagen unterwegs. 42 Männer, eine Frau. Dicht gedrängt in einem neun Meter langen Boot ohne Klo und ohne Sonnendach. Der Pilot verständigte die Küstenwache, die brachte die Flüchtlinge an Land. Das erste, was man ihnen sagte, war: "Ihr seid in Italien. Ihr seid auf Lampedusa."Ein öder Felsklotz im MeerLampedusa ist ein unwirtlicher Felsklotz im Mittelmeer. Er liegt viel näher an Tunesien und Libyen als am Mutterland. Zwanzig Quadratkilometer, ein quirliges Dorf mit 5 500 Einwohnern, drumherum heiße, trockene Ödnis. Außer Fisch gibt die Natur nicht viel her. Wasser, Tomaten, Oliven, Fleisch: Was die Inselbewohner zum Leben brauchen, müssen sie heranschaffen aus Sizilien. Acht Stunden benötigt die Fähre, das Flugzeug schafft es in 45 Minuten. Jetzt im Sommer kommen die Touristen.Die Bootsflüchtlinge aus Afrika nehmen keine Rücksicht auf die Jahreszeit. Sobald das Meer ruhig ist, stechen sie in See. Rund 8 000 landeten von Januar bis Ende Juni mit Schlauchbooten und morschen Kähnen auf Lampedusa. Bis Ende Dezember werden es wahrscheinlich doppelt so viele sein. "Clandestini", die Heimlichen, heißen die Flüchtlinge in Italien. Niemand weiß, wie viele sich auf den Weg machen und auf der Reise sterben. Neunzig Prozent aller Flüchtlinge, die illegal nach Italien gelangen, kommen über Lampedusa. Sie fliehen vor Hunger und Bürgerkrieg in Somalia, Äthiopien, Sudan oder Nigeria. Sie fliehen vor der Perspektivlosigkeit in den Dörfern und Städten des Maghreb. Italiens Premier Silvio Berlusconi will gegen die Clandestini durchgreifen. Er will ihre Abschiebung erleichtern und bereits die illegale Einreise unter Strafe stellen. Das wird die Flüchtlinge kaum davon abhalten, sich auf den Weg zu machen.Zu denen, die es bis Lampedusa geschafft haben, gehört Adil. Im Hof des Aufnahmelagers hat er sich einen schattigen Platz gesucht. Er ist mager und unrasiert, trägt einen Trainingsanzug und Badeschlappen. Zu Hause in den Slums von Casablanca hat er eine Frau, zwei kleine Kinder und einen kranken Vater. "Ich nehme jede Arbeit, die ich kriegen kann", sagt er.In Marokko hat sich Adil als Händler durchgeschlagen. Das Geld reichte nie. Irgendwann vertraute er sich einer Schlepperbande an. In den Kneipen spricht sich herum, wer Leute nach Europa schleust. Alles lief sehr konspirativ ab. Adil hinterließ eine Telefonnummer. Irgendwann meldeten sich die Schlepper. 4 000 Euro musste Adil für seine Flucht aufbringen - ein Vermögen. Er lieh es sich von Freunden und Verwandten. Per Flugzeug ging es zunächst nach Tripolis. In Libyen trieb sich Adil wochenlang umher, bis er endlich auf ein Boot durfte. Es war eine relativ luxuriöse Flucht.Andere sind zwei Jahre unterwegs. Aus Schwarzafrika kommend, müssen sie auf vollgestopften Lastwagen die Sahara durchqueren. Die Fahrt übers Mittelmeer ist dann nur die letzte Etappe. Wenn es gut läuft, dauert sie zwei Tage. Bekannt ist der Fall einer Gruppe, die 22 Tage lang auf See war. In ihrem Boot stapelten sich die Leichen. Die Überlebenden waren zu schwach, um die Toten über Bord zu werfen.Im Camp in Lampedusa trifft man auf Jugendliche, Kleinkinder, Babys, Krüppel und Schwangere. Die Barackensiedlung im Inneren der Insel ist mit hohen Zäunen von der Umwelt abgeriegelt. Schwitzende Carabinieri bewachen die Szenerie. Ein klimatisiertes Büro am Rande des Camps hat hingegen Barbara Molinario, die für das UN-Flüchtlingshilfswerk arbeitet. Bevor sich die Römerin unter die Leute im Lager mischt, streift sie sich eine blaue Weste über mit der Aufschrift "UNHCR" über. Molinario sagt, viele Europäer verstünden nicht, warum sich Jahr für Jahr zahllose Afrikaner in Lebensgefahr begeben, um anderswo arm zu sein oder sofort wieder abgeschoben zu werden. "Sie haben keine andere Wahl. Sie laufen aus ihrer Heimat weg, weil sie sonst dort sterben würden."Eintausend Menschen sind zurzeit im Camp. Es ist für 750 ausgelegt, aber es waren auch schon doppelt so viele hier. Normalerweise werden die Flüchtlinge nach drei Tagen in andere Zentren auf dem Festland gebracht. Falls dort gerade Platz ist. Erst im vergangenen Jahr haben die Behörden die Anlage im Innern der Insel eröffnet. Bis dahin pferchten sie die Flüchtlinge in heruntergekommene Baracken auf dem Gelände des Flughafens. Die waren nicht einmal für zweihundert Menschen vorgesehen. Die hygienischen Verhältnisse waren mitunter katastrophal. Es gab immer wieder Beschwerden von Hilfsorganisationen. Ein italienischer Reporter, der sich in das Camp schmuggelte, berichtete von Übergriffen der Sicherheitskräfte.Unter dem Druck der Öffentlichkeit sind die Behörden umgeschwenkt. Ein katholischer Verein bewirtschaftet die Anlage, Organisationen wie das UNHCR und das Rote Kreuz sind eingebunden. Der Lagerdirektor führt Besucher herum. Er lässt sie in der Küche in die riesigen Pasta-Töpfe gucken, zeigt Aufenthaltsräume und Schlafsäle. Es ist alles sehr schlicht und eng, aber verhältnismäßig sauber. Adil, der Marokkaner, sagt: "Sie behandeln uns gut. Sie geben uns zu essen uns zu trinken." Molinario sagt: "Wenn 1 000 Leute im Camp sind, wird die Stimmung gereizt."Gesichter der FreudeEuropa ist ein Sehnsuchtsort, und Lampedusa ist das Einfallstor. Unten im Hafen liegen zwei verrottete Fischerkähne mit arabischer Beschriftung. Das blaue Boot ist vielleicht fünfzehn Meter lang und dreieinhalb Meter breit, das grüne nur unwesentlich größer. Auf dem einen Kahn befanden sich 240 Flüchtlinge, auf dem anderen 300.Weiter hinten an der Kaimauer liegt das Schiff der Küstenwache. Comandante Gianluigi Bove ist 29 Jahre alt. Trotz seiner jungen Jahre strahlt er eine natürliche Autorität aus. Er sei Anfang des Jahres nach Lampedusa abkommandiert worden, erzählt Bove. Er habe mit vielen älteren Kollegen gesprochen und geglaubt, er trete seinen neuen Posten ziemlich abgebrüht an. Doch dann kam der erste Einsatz, bei dem sie Flüchtlinge aus Seenot retteten. "Ihre Gesichter werde ich nie vergessen", sagt Bove. Es waren Gesichter der Freude.Das Hightech-Schiff fährt mit großem Tempo Richtung Süden auf Patrouille. Diesmal müssen die Küstenwächter nicht eingreifen. Der Wind war in den vergangenen Tagen zu stark.------------------------------Karte: Lampedusa
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