Im Pazifik baut sich der stärkste El Niño seit Beginn der Messungen auf, viele rechnen deshalb mit einem Winter ohne Winter. Der Deutsche Wetterdienst bremst: Die Folgen für Europa seien indirekt und derzeit nicht verlässlich vorherzusagen. Ab Januar kann ausgerechnet der Rekord-El-Niño Kälte und Schnee bis ins Flachland begünstigen.
3,8 Grad: Der Pazifik kocht, Deutschland hofft auf Mildwinter
Von Sylt bis Berchtesgaden hält sich gerade eine bequeme Erwartung: Wenn der Pazifik kocht, bleibt es hier mild. Der Grund dafür liegt am Äquator, wo das Meer so warm ist wie nie seit Beginn der Aufzeichnungen.
Die Weltwetterorganisation WMO erwartet für November bis Januar rund 3,8 Grad über dem langjährigen Mittel. Der bisherige Rekord im Dreimonatsmittel lag bei 2,6 Grad im Winter 2015/16.
Die UN sprachen diese Woche von einer „Abrissbirne“. Die US-Klimabehörde NOAA beziffert die Chance auf ein Rekordereignis auf 83 Prozent.
Konkrete Frost- und Glättewarnungen gibt es erst wenige Tage vorher. Verbindlich sind die amtlichen Warnungen des DWD, etwa in dessen WarnWetter-App.
Erst Regen und Sturm, dann der Kälte-Joker im Januar
Der Frühwinter dürfte zum Bild vom Mildwinter passen. Kräftiger Westwind schiebt in El-Niño-Jahren ein Atlantiktief nach dem anderen heran. Schnee bleibt dann meist den Mittelgebirgen vorbehalten.
Danach wird es unberechenbar. Hoch über der Arktis kreist im Winter der Polarwirbel, ein Band aus Westwinden in 30 bis 50 Kilometern Höhe. Solange er stabil rotiert, bleibt die Kaltluft im Norden eingesperrt.
Der Pazifik wirkt dabei mit Verzögerung. Den Höhepunkt erwartet die WMO um den Dezember, bis die Strömungen über Europa reagieren, vergehen oft Wochen. Das kritische Fenster öffnet sich deshalb erst nach dem Jahreswechsel.
Daniela Matei vom Max-Planck-Institut für Meteorologie hält es laut wetter.net für möglich, dass ab Januar die Chance auf kräftige Kaltluftvorstöße deutlich steigt. Andreas Fink vom KIT sieht dagegen keine belastbaren Aussagen für Europa.
30 Prozent: Diese Zahl macht den Polarwirbel zum Risiko
Ein Team um den US-Klimaforscher Lorenzo Polvani hat den Effekt im Journal of Climate beziffert. Plötzliche Erwärmungen der Stratosphäre, die den Polarwirbel stören oder zerlegen, treten in El-Niño-Wintern rund 30 Prozent häufiger auf als in La-Niña-Wintern.
Bei einer solchen Erwärmung steigt die Temperatur in 30 Kilometern Höhe binnen weniger Tage um mehrere Dutzend Grad. Der Westwind über der Arktis bricht ein oder dreht sogar.
Die Kaltluft kann dann nach Süden ausbrechen. Aus acht Grad und Nieselregen wird so mitunter innerhalb einer Woche Dauerfrost.
Ein Automatismus ist das nicht. Eine Studie in der Fachzeitschrift Climate Dynamics zeigt, dass die Kopplung zwischen Pazifik und europäischem Winter seit den 1970er-Jahren schwächer geworden ist.
Wochenlang Schnee trotz El Niño: Was frühere Winter zeigen
Ein Blick in die Messreihe dämpft die Kälte-Fantasien zunächst. Der Winter 2015/16 kam auf 3,6 Grad im Mittel und brachte den wärmsten Dezember seit 1881. Auch 1997/98 blieb mild.
Im El-Niño-Winter 2009/10 lag dagegen wochenlang Schnee. In Bad Muskau in der Lausitz fiel das Thermometer am 27. Januar 2010 auf minus 24,3 Grad.
Zuletzt zeigte 2023/24, wie sprunghaft solche Winter sind: im Dezember Schneechaos in München, am Ende einer der mildesten Winter seit Messbeginn. El Niño macht den Winter nicht kälter, sondern launischer.
Schneewalze aus dem Süden: Warum das warme Mittelmeer den Winter verschärft
Diesmal kommt ein Verstärker hinzu. Laut Copernicus lag das westliche Mittelmeer im August stellenweise rund sechs Grad über dem Mittel, vor der Iberischen Halbinsel über fünf Grad.
Warmes Wasser lädt die Luft mit Feuchtigkeit auf. Stößt Kaltluft aus dem Norden auf ein Tief aus dem Süden, kann binnen Stunden viel Schnee fallen, auch weit weg von den Alpen.
Die WMO hält es für nahezu sicher, dass El Niño bis mindestens Februar 2027 anhält. Wer mit Sommerreifen in Schneeglätte erwischt wird, zahlt 60 Euro und bekommt einen Punkt in Flensburg. Als Winterreifen zählen seit Oktober 2024 nur noch Reifen mit Alpine-Symbol.
Für Dezember bis Februar sieht die Jahreszeitenvorhersage des DWD mit 65 Prozent Wahrscheinlichkeit einen wärmeren Winter als im Mittel der Jahre 1991 bis 2020.
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