Davon träumen junge Wissenschaftler: Mit Mitte 20, Anfang 30 siebenstellige Summen für eigene Projekte zur Verfügung zu haben. Sich eine eigene Arbeitsgruppe aus den besten in- und ausländischen Kollegen zusammenstellen zu können. Dann drei Jahre lang mit ihnen im Team forschen zu können, ohne Lehrverpflichtung, ohne bürokratische Hindernisse, obendrein getragen vom besonderen Wohlwollen der Universität und der Politik. Für 29 besonders qualifizierte Nachwuchswissenschaftler aus aller Welt ist dieser Traum seit gestern Wirklichkeit. Die Alexander-von-Humboldt-Stiftung verlieh ihnen in Berlin den vom Bundesforschungsministerium gestifteten und mit 21,5 Millionen Euro dotierten "Sofja-Kovalevskaja-Preis". Die nach der 1850 geborenen russischen Mathematikerin benannte und aus UMTS-Mitteln finanzierte Auszeichnung wird voraussichtlich nur dieses eine Mal verliehen. Die besten der WeltDie Aussicht auf bis zu 1,2 Millionen Euro für ein Einzelprojekt hat junge Spitzenforscher aus aller Herren Länder nach Deutschland gelockt, vor allem aus den Lebenswissenschaften, der Physik und Chemie. Die größte Gruppe kommt aus den USA, auf Platz zwei liegt die Russische Föderation, weitere Herkunftsstaaten sind neben europäischen Ländern auch Korea, China und Australien. Unter den acht Forschern aus den USA sind fünf, die zuvor aus Deutschland dorthin abgewandert waren, etwa der Immunologe Joachim Schultze, der an der Harvard Medical School in Boston an der Entwicklung von Impfstoffen arbeitete. "Der Preis und die damit verbundenen Möglichkeiten waren für mich der Grund, meine Arbeit an der Universität Köln fortzusetzen", sagte Schultze. Das habe aber nicht nur mit dem Geld zu tun: "In meinem Arbeitsgebiet gehört Deutschland mittlerweile zu den Ländern, die mit an der Spitze liegen." Die Pflanzengenetikerin Tina Romeis hatte nach fünf Jahren Forschung in England ein Angebot, in die USA zu gehen, entschied sich aber auf Grund des Preises für Deutschland. Die Rahmenbedingungen für ihre Arbeit seien hier sehr gut. Romeis wird am Max-Planck-Institut für Züchtungsforschung in Köln arbeiten. Ausgesucht wurden die Forscher aus 109 Bewerbungen von einer Jury, die überwiegend aus Leibniz-Preisträgern bestand. "Wir haben uns dabei an keine wie auch immer gearteten Vorgaben oder Quoten gehalten", versicherte Wolfgang Frühwald, Präsident der Humboldt-Stiftung. "Der Jury ging es ausschließlich darum, die besten jungen Forscher der Welt auf dem jeweiligen Gebiet zu finden." Frühwald und Edelgard Bulmahn wollen der Wissenschaft hier zu Lande mit dem Preis in mehrfacher Hinsicht Impulse geben. "Wir brauchen mehr Internationalität in der deutschen Forschung", sagte die Ministerin. Sie bedauerte, dass viele Stellen an deutschen Universitäten nach wie vor nur national ausgeschrieben werden. "Das ist nicht mehr zeitgemäß." Bei der Besetzung von Professorenstellen mit Frauen liege Deutschland im europaweiten Vergleich an drittletzter Stelle. Dass es qualifizierte Frauen gebe, zeige das Beispiel des Kovalevskaja-Preises: 8 der 29 Ausgezeichneten sind Frauen. Bulmahn und Frühwald zeigten sich zufrieden über den Erfolg des Preises. Kleine Unis griffen zuDie Chance, mit einem der exzellenten Wissenschaftler zu kooperieren, hätten in Deutschland fast nur "die kleinen, flexiblen Universitäten ergriffen". Große Universitäten wie die TU München hätten sich dagegen zu unbeweglich gezeigt. Edelgard Bulmahn hofft nun, dass die gastgebenden Hochschulen "jetzt klug sind und die Chance nutzen, einen dieser jungen Forscher dauerhaft an sich zu binden." Freie Stellen gebe es genug, weil die Hälfte der Professoren in Deutschland in den kommenden Jahren pensioniert werde. "Aber Klugheit", bedauerte Bulmahn, "kann ich leider nicht von oben verordnen."
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