Minderheiten an den Grenzen von Birma leiden nicht nur unter den eigenen Machthabern

Flucht und Vertreibung

Willi Germund
3 Min

ISLAMABAD. Geschlagen, gefoltert, versklavt - das Schicksal der christlichen Chin-Volksgruppe im Nordwesten von Birma ist so furchtbar wie das Leben anderer Minderheiten, die von dem Militärregime des Landes drangsaliert werden. Laut einem neuen Bericht der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) sind während der vergangenen Jahre Tausende von ihnen nach Indien, Thailand und Malaysia geflohen. Doch auch dort sind sie nicht sicher.Rund ein Fünftel der rund 500 000 Menschen umfassenden Volksgruppe, die im indischen Bundesstaat Mizoram in Lagern des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR leben, droht die Abschiebung zurück nach Birma. Eine radikale nationalistische Gruppe, die Young Mizo Association, bedroht die Flüchtlinge - und hat in einigen Fälle Chin-Leute gewaltsam über die Grenze geschafft. "Das Beispiel der Chin steht exemplarisch für die Unterdrückung in ländlichen Regionen Birmas", erklärte Sara Colm von Human Rights Watch, "und der Exodus von Minderheiten scheint nicht aufzuhören."Das Problem birmesischer Minderheiten, die vor brutaler Unterdrückung in ihrer Heimat fliehen, hatte während der vergangenen Wochen für Schlagzeilen gesorgt, nachdem Thailands Streitkräfte seit Mitte Dezember mindestens 1 000 moslemische Rohingyas in klapprigen Booten ohne Motoren auf hoher See ausgesetzt haben sollen. Mindestens 500 von ihnen werden seither vermisst. Zuletzt war eine kleine Gruppe von Rohingyas, die im birmesischen Arakan-Staat leben und dort weder arbeiten noch Land besitzen dürfen, in Thailand gelandet. Die Männer zeigten Narben von Auspeitschungen und Folter. Ein thailändischer Richter verurteilte sie dennoch wegen illegaler Einreise und ordnete die Deportierung nach Birma an.Insgesamt leben laut offiziellen Angaben rund zwei Millionen illegaler Flüchtlinge und Wanderarbeiter in Thailand. Sie stammen überwiegend aus Birma und werden als billige Arbeitskräfte in der Fischindustrie und im Baugewerbe ausgebeutet. Angesichts der aktuellen Weltwirtschaftskrise leidet auch die Ökonomie des südostasiatischen Königreichs. Die Behörden gehen deshalb strenger - teils brutal - gegen die illegalen Flüchtlinge und Wanderarbeiter vor.Sie kehren zwangsweise nicht nur in ein Land zurück, das nach den Verwüstungen im Irrawaddy-Delta durch den Sturm Nargis vergangenen Mai gegenwärtig eine Nahrungsmittelkrise durchlebt. Sie sind beim Militärregime teils auch unerwünscht. Die Generäle haben sich während der vergangenen zwei Jahrzehnte darauf konzentriert, mit vielen kleinen Widerstandsgruppen Friedensabkommen zu schließen. Bei den Chin im Nordwesten führte dies zur Vertreibung eines Teils der Minderheit, der im Verdacht steht, familiäre oder politische Beziehungen zur so genannten National Chin Army zu unterhalten. Bei den Karen an der Ostgrenze geht das Regime ähnlich vor.In der Vergangenheit genossen die kleinen, bewaffneten Widerstandsgruppen eine gewisse Unterstützung aus Birmas umliegenden Nachbarländern. Angesichts der Rohstoffvorkommen des Landes haben sich diese Staaten aber zunehmend mit dem Militärregime arrangiert. Thailands Stromversorgung ist mittlerweile sehr abhängig von Erdgaslieferungen des Nachbarlandes. Bei Störungen der Leitung flackern in der Hauptstadt Bangkok die Lichter.------------------------------Keine AutonomieBirma ist ein Vielvölkerstaat. Die Ethnien der Karen und Shan stellen jeweils rund zehn Prozent. Die Akha, Chin, Chinesen, Danu, Inder, Kachin, Karen, Kayan, Kokan, Lahu,Mon, Naga, Palaung, Pao, Rakhine, Rohingya, Tavoyan und Waumfassen jeweils bis zu fünf Prozent der Bevölkerung.Die meisten Ethnien verlangten nach der Unabhängigkeit von Großbritannien im Jahr 1947 mehr Autonomie. Die birmesische Armee ging aber gegen diese Gruppen vor. Das galt auch für Aung San, den Vater derFriedensnobelpreiträgerin und Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi.------------------------------Karte: Minderheiten in Birma

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