Minister Schönbohm verfasst Streitschrift gegen die politische Korrektheit

Kampf den Tugendwächtern

Andrea Beyerlein
4 Min

POTSDAM. Seit Monaten schon agiert Jörg Schönbohm (CDU) überaus gelassen und entspannt. Selbst die Debatten um eine mangelhafte Stasi-Überprüfung bei der Polizei vermögen den einst zu heftigen Reaktionen neigenden Innenminister kaum noch aus der Ruhe zu bringen. Am Ende seiner Dienstzeit wendet sich der 71-jährige Ex-General grundsätzlicheren Themen zu. "Politische Korrektheit - Das Schlachtfeld der Tugendwächter", heißt ein kleines blaues Buch, das Schönbohm nahezu unbemerkt veröffentlicht hat.Gegen "Gesinnungstyrannei"Natürlich schwingt viel Erlebtes mit, wenn Schönbohm in seiner 63-seitigen Streitschrift warnt: "Die immer häufiger zu beobachtenden Exzesse der Political Correctness haben sich zu einer ernsthaften Gefahr für unsere Demokratie und insbesondere für unsere Meinungsfreiheit entwickelt." Er stellt Bezüge her zur "Gesinnungstyrannei" der Französischen Revolution. Er macht sich lustig über die von der Schokoladenfirma selbst vorgenommene Umbenennung des Sarotti-Mohrs in "Magier der Sinne". Er rechnet ab mit dem "grausam entstellten Quotendeutsch", das Einzug gehalten hat in Politikerreden und Gesetzestexten mit dem Zwang zur Begriffsergänzung in weiblicher Form."Wir diskutieren schon lange nicht mehr über Inhalte, sondern nur noch über die Verpackung", sagt Schönbohm und stellt unter Verweis auf die Linkspartei die provokante Frage: "Wäre es vorstellbar, dass es mal eine Partei gibt, die sich ,Die Rechte' nennt, wie es vielleicht demokratietheoretisch richtig und notwendig wäre und wie es sich vielleicht eine nicht geringe Zahl von Mitbürgern wünscht, ohne es offen auszusprechen?"Das Thema "Politische Korrektheit" beschäftigt ihn schon lange, sagt Schönbohm und verweist auf das 1987 erschienene Buch "Der Niedergang des amerikanischen Geistes" des US-Philosophen Allan Bloom. Oft schon hat er in den vergangenen Jahren in Vorträgen und Aufsätzen dagegen gewettert, "wie stark wir uns durch Tabuisierungen das Sprechen verbieten lassen". Ein Vortrag veranlasste den Verlag, ihm die Buchveröffentlichung anzubieten. Er sagte gerne zu. Vor kurzem ist das Buch erschienen.Nach den Brandenburger Landtagswahlen im September zieht sich der ehemalige Bundeswehrgeneral nach 13 Jahren auch aus der aktiven Politik zurück. Zunächst als Berliner Innensenator, ab 1999 als CDU-Chef und Innenminister in Brandenburg hat er einschlägige Erfahrungen gesammelt mit Verstößen gegen die politische Korrektheit.Zuletzt, als er nach dem neunfachen Baby-Mord in Frankfurt (Oder) im Wahlkampf-Sommer 2005 einen Zusammenhang herstellte zwischen der unfassbaren Tat und der "erzwungenen Proletarisierung" in der DDR. Dieser Tabu-Bruch, für den er hinter vorgehaltener Hand auch Zustimmung erfuhr, leitete Schönbohms Abschied aus den vorderen Reihen der Politik ein. Nicht nur seine Landespartei, auch Angela Merkel ging damals entsetzt auf Distanz. 2006 verlor er seinen Sitz in der Spitze der Bundespartei, Anfang 2007 gab er nicht ganz freiwillig den CDU-Landesvorsitz ab. Diese Episode kommt in Schönbohms Denkschrift genauso wenig vor wie die Entrüstungsstürme, die er einst mit bewusst provozierenden Attacken gegen Multikulti auslöste oder mit Sticheleien gegen die zunehmende Beliebigkeit der eigenen Partei.Er schreibt ein weiteres Buch"Darüber schreibe ich ein richtiges Buch", sagt der Noch-Minister, der sich zu den letzten Konservativen in der CDU zählt. Er arbeite bereits daran. Möglichst Ende des Jahres soll es erscheinen.Bis dahin verabschiedet er sich von dem einen oder anderen politischen Weggefährten im Land mit seinem kleinen Buch und persönlicher Widmung. Am Rande der letzten Landtagssitzung vor der Wahl wurde diese Ehre auch dem Linken-Abgeordneten und Lyriker Frank Hammer aus Frankfurt (Oder) zuteil. Mit ihm habe er sich unlängst lange unterhalten, sagt Schönbohm. "Ein interessanter Mann."------------------------------Jörg Schönbohm: "Politische Korrektheit - Das Schlachtfeld der Tugendwächter", 63 Seiten, Manuscriptum Verlagsbuchhandlung, ISBN: 3937801561, Preis: 7,80 Euro------------------------------"Wäre es vorstellbar, dass es mal eine Partei gibt, die sich ,Die Rechte' nennt?" Buchautor Jörg Schönbohm (CDU)------------------------------Foto: Zielsicher: Jörg Schönbohm mit Maschinengewehr im Landeskriminalamt Eberswalde (Barnim) bei einer Übung des Sondereinsatzkommandos seiner Polizei. In seinem neuen Buch nimmt er die politische Korrektheit aufs Korn.

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