Über Hitzerekorde und Dürresommer wird in Deutschland ständig gestritten, über Kälte kaum noch. Beim Deutschen Wetterdienst warnt man davor, das Gespür für echten Winter zu verlieren, Meteorologen halten wochenlangen Dauerfrost weiter für möglich. Käme er in diesem Winter, träfe er ein Land mit deutlich leereren Gasspeichern als in den Vorjahren.
Ein Gedankenspiel: Drei Wochen lang steigt das Thermometer zwischen Görlitz und Aachen nicht mehr über null. In den Tälern des Erzgebirges und im Bayerischen Wald fallen die Nächte auf minus 25 Grad.
Klingt nach Sibirien. Genau von dort käme die Luft.
Ostwind und Polarwirbel-Bruch: So kommt Sibirien nach Deutschland
Laut Peter Hoffmann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung entstehen eisige Lagen, wenn Luftmassen aus Norden oder Nordosten einströmen und der milde Einfluss des Atlantiks blockiert ist.
Den Anstoß liefert oft der Polarwirbel. Wird das Windband über der Arktis durch eine plötzliche Erwärmung der Stratosphäre gebremst oder zerreißt es, kann Polarluft weit nach Süden ausbrechen. Eine Schneedecke verschärft die Lage, weil sie das Sonnenlicht zurückwirft und die Nächte noch kälter macht.
Paraffin im Tank, Eis in der Weiche: Hier knickt Deutschland zuerst ein
Diesel wird bei Kälte zu Wachs. Winterdiesel muss zwar bis minus 20 Grad filtrierbar bleiben, doch laut ADAC bilden sich schon ab etwa minus sieben Grad die ersten Paraffinkristalle. Wer tagelang draußen parkt, riskiert einen verstopften Filter.
Bei E-Autos rät der ADAC, im Winter 30 bis 40 Prozent von der Normreichweite abzuziehen. Am Schnelllader brauchte ein Tesla Model Y im Kältetest des Clubs 56 statt 33 Minuten.
Bei der Bahn sind rund 70 Prozent der etwa 70.000 Weichen beheizt, die übrigen können festfrieren. In kalten Kellern platzen Wasserleitungen: Für Frostschäden zahlen die Versicherer laut GDV schon in gewöhnlichen Jahren rund 130 Millionen Euro.
60,5 Prozent: Warum ein Kälteschock diesen Winter heikel wäre
Die wichtigste Zahl liefert die Bundesnetzagentur. Am 16. Oktober waren die deutschen Gasspeicher zu 60,5 Prozent gefüllt, ein Jahr zuvor lag der Wert bei rund 76 Prozent. Die Behörde nehme die Entwicklung „sehr ernst“ und rechne mit einem niedrigen Füllstand am Winterende.
Eine Mangellage sieht sie nicht, die Importe seien stabil. Ein paar eisige Nächte steckt das Land weg. Drei Wochen Dauerfrost, in denen Millionen Gasheizungen ohne Pause laufen, wären ein echter Stresstest.
Wie schnell Kälte ein Energiesystem kippen kann, zeigte Texas im Februar 2021. Gasleitungen froren ein, das Stromnetz brach zusammen, mehr als vier Millionen Haushalte und Betriebe waren ohne Strom. Die texanische Gesundheitsbehörde zählte 246 Tote.
Minus 37,8 Grad: Das waren Deutschlands härteste Eiswinter
Den offiziellen Kälterekord hält ausgerechnet eine Hopfenforschungsstation. Am 12. Februar 1929 maß das Hopfenforschungsinstitut in Hüll bei Wolnzach minus 37,8 Grad. Die Hopfenernte fiel im Sommer danach übrigens besonders gut aus.
Noch kälter war es an Heiligabend 2001 am Funtensee in den Berchtesgadener Alpen, eine private Station maß minus 45,9 Grad. Offiziell zählt der Wert nicht, der Kältekessel gilt als nicht repräsentativ.
Im Februar 1963 fror der Bodensee komplett zu. Menschen liefen und fuhren übers Eis, eine Prozession trug nach altem Brauch eine Heiligenbüste von der Schweiz nach Deutschland.
Zum Jahreswechsel 1978/79 stürzte die Temperatur im Norden binnen Stunden von plus zehn auf minus 20 Grad. Schleswig-Holstein und der Norden der DDR versanken in Schneewehen, Rügen war tagelang abgeschnitten. In der Bundesrepublik starben 17 Menschen, bei Osterholz-Scharmbeck kam ein Mädchen in einem Panzer zur Welt.
Eiswinter 2026/27? Das sagen die Langfristmodelle
Die Saisonmodelle des europäischen Wetterzentrums ECMWF und der US-Behörde NOAA rechnen bislang mit einem deutlich zu milden, nassen Winter. Eistage werden ohnehin seltener: Laut DWD-Klimaexperte Andreas Walter sank ihre Zahl von rund 27 auf etwa 18 im Jahr.
Walter erinnert trotzdem: „Wir nennen diese Jahreszeit Winter.“ Ein einziger Bruch des Polarwirbels kann den Trend binnen Tagen drehen, 2018 brachte das „Beast from the East“ zweistellige Minusgrade nach Deutschland. Ob der Klimawandel solche Ausbrüche häufiger macht, ist in der Forschung umstritten.
Ob mild oder eisig, eine Marke steht schon fest: Anfang Februar 2027 müssen die deutschen Gasspeicher laut Vorgabe noch zu 30 Prozent gefüllt sein.
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