Die DDR war das Land der Rekorde. Die DDR war die größte DDR, die es je gab, und zwar weltweit, und der Name war kürzer noch als UdSSR und genauso lang wie USA, womit die Witzfrage aufgewärmt werden kann, welches waren die drei größten Länder der Welt, die mit U anfingen? Die UdSSR, die USA und Unsre DDR.Unsre DDR hatte auch eine Hauptstadt, und diese Hauptstadt hatte hinwiederum den längsten Hauptstadtnamen der Welt. Sie hieß Berlin, Hauptstadt der DDR. Dieser Name stand auf allen Autobahnschildern im ganzen kleinen Land mit großbuchstabenhafter Kleinkariertheit und gernegroßem Kleinmut, und was schlimmer war, er stand auch täglich in der Zeitung, und zwar in jeder Zeitung immer mehrmals, denn die Obrigkeit, die die Zeitung noch selber redigierte, dachte, steter Tropfen höhlt den Stein. Sie "belernte" die Untertanen täglich, dass das nach Braunkohle riechende marode Ostberlin unter milchigweißem Himmel und roten Fahnen eine Hauptstadt sei.Das merkwürdige Ergebnis dieser mahlwerkhaften, ordensbrüderlichen Daueragitation war, dass wir auch anfingen zu glauben, dass Ostberlin eine Hauptstadt sei. Wir bekamen das Hauptstadtgefühl, was sich im Hochmut zeigte, dass wir gelegentlich, unter vorgehaltener Hand, wenn wir Wut hatten, und wir hatten gelegentlich Wut, von Zone sprachen, wo doch behördlich bestenfalls die Bezeichnung Republik für die Gebiete östlich, südlich, nördlich erlaubt war, denn Republik war auch schon doppeldeutig. Republik bedeutete einen Unterschied zu Ostberlin, und sofort musste man an die Russen und den Viermächtestatus denken. Es war sehr kompliziert mit dem Hauptstadtgefühl, und das bestand ja eigentlich auch nur aus dem leidenschaftlichen Bestaunen der Berliner Fixigkeit. Berliner konnten schneller reden als denken. Jeder fischelande (vigiliante) Tausendsassa aus Leipzig-Kötschlitz versuchte zu berlinern, es war ein Synonym für weite Welt, und der Sachse lernte es nie.Ostberlin war eine richtige Hauptstadt, was man auch gut daran erkennen konnte, dass es in Ostberlin einen Ort gab, der absolut eindeutig der Mittelpunkt der DDR war, das Centrum-Warenhaus am Alexanderplatz. Hatte man jemanden lange Zeit nicht gesehen, und die Telefonnummer vergessen, musste man sich nur auf den Alex setzen, spätestens nach vier Wochen kam der Verlorengeglaubte aus Schkeuditz, Oberfrohna, Großkorbetha, Geithain, Oschatz oder Zschopau mit dem Einkaufsbeutel des Wegs. Die Sachsen hassten Berlin, weil es Bananen gab; und sie liebten es, weil es Bananen gab, zogen nach Marzahn und singen da noch heute guttural im Chor: Mir sin Berliner. Und wenn Ostberlin nicht gestorben ist, so bleibt es die Hauptstadt von Großsachsen.
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