Jahrelang sind sie selbst sexuell missbraucht worden. Irgendwann haben sie die Rollen gewechselt und aus den Brüdern Nico und Ingo M. wurden Täter. Kinderschänder, um genau zu sein. Nico und Ingo M., 26 und 28 Jahre alt, sollen sich in 15 beziehungsweise vier Fällen an kleinen Jungen vergangen haben - gemeinsam mit einem regelrechten Vorbild für Recht und Gesetz: einem Justizbeamten der Jugendstrafanstalt Plötzensee, der sie anleitete, dabei filmte und sie als Kinder über Jahre hinweg selbst missbraucht haben soll. So sieht es die Staatsanwaltschaft. Gestern wurde der Prozess im Kriminalgericht Moabit eröffnet.Ruhig und gefasst verfolgten die Angeklagten das Geschehen im Gerichtssaal, während der Staatsanwalt vortrug, was sie vier Jungen in der Weddinger Wohnung des Gefängniswärters angetan haben sollen. Schwer fällt es, Täter- und Opfer-Perspektive auseinander zu halten. Schließlich könnten die scheußlichen Details - wer in welchem Fall dabei war, wessen Penis sich wo befand, welcher Anal- und Oralverkehr erfolgreich vollzogen wurde - die Geschichte ihres eigenen Missbrauchs sein.Sex mit DreijährigemAus diesem Grund wird vorerst nur gegen die beiden Brüder verhandelt. Der Gefängniswärter wartet noch auf seinen Prozess. Der 43-jährige Beamte gilt als Haupttäter. Er soll zwischen 1990 und 2004 in mehr als 300 Fällen kleine Jungen missbraucht und vergewaltigt haben. Er wurde verhaftet, nachdem ihn eine Bekannte im November vergangenen Jahres angezeigt hatte. Sie verdächtigte ihn, sich an ihrem dreijährigen Sohn Leon vergangen zu haben, auf den er als Babysitter regelmäßig aufgepasst hatte. Auch seinen neunjährigen Stiefsohn soll er missbraucht und Nico M. zur Verfügung gestellt haben, der Sex mit ihm hatte, während der Stiefvater filmte. Den Sohn soll er später ebenfalls zu sexuellen Handlungen animiert haben - an dem dreijährigen Leon, dessen Missbrauch den Fall ins Rollen brachte.Nico und Ingo M. werden gegen den Gefängniswärter als Nebenkläger auftreten. Nico, der Jüngere, war laut Anklage das erste Opfer des Justizbeamten. Zwischen 1990 und 1993, im Alter zwischen elf und 13 Jahren, soll er in 130 Fällen den Sex teilweise gegen Geld geduldet haben. Der Kontakt, so seine Anwältin am Rande des Prozesses, sei durch einen weiteren älteren Bruder entstanden, der homosexuell sei.Das Gericht schloss die Öffentlichkeit gestern vom weiteren Prozessverlauf aus, weil die Brüder zur Tatzeit jugendlich oder heranwachsend waren, weil ihre eigene Missbrauchsgeschichte diskutiert werden wird und weil sie ein weitreichendes Geständnis angekündigt haben. Der Prozess wird fortgesetzt.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]