MISSION - Die Reise des früheren US-Präsidenten Bill Clinton nach Nordkorea war ein Erfolg. Für die Freilassung der beiden inhaftierten Reporterinnen gab es offenbar keine politischen Gegenleistungen.

Heimkehr aus dem verbotenen Reich

Dietmar Ostermann
5 Min

WASHINGTON. Es war das glückliche Ende einer heiklen Mission: Die Journalistinnen Laura Ling und Euna Lee in Tränen aufgelöst in den Armen ihrer Familien; daneben ein sichtlich zufriedener Bill Clinton. Mit der Ankunft der von Nordkorea freigelassenen US-Reporterinnen in Los Angeles fand gestern die spektakuläre Pjöngjang-Reise des früheren US-Präsidenten ein ebenso emotionales wie erfolgreiches Ende."Vor 30 Stunden waren Euna Lee und ich Gefangene in Nordkorea.Wir fürchteten, jeden Moment Gefangene in einem Arbeitslager zu sein. Dann wurde uns plötzlich gesagt, wir würden zu einem Treffen gehen. Als wir durch die Tür gingen, sahen wir Präsident Bill Clinton. Wir waren geschockt, aber in unseren Herzen wussten wir sofort, dass der Albtraum unseres Lebens endlich zu Ende geht. Und jetzt stehen wir hier, zu Hause und frei", beschrieb Ling die dramatischen Ereignisse. Später berichtete eine Schwester von Ling, dass die beiden Journalistinnen einen Großteil ihrer Haft getrennt voneinander verbracht hätten. Die beiden jungen Frauen hätten sich nur in den ersten Tagen nach ihrer Festnahme sehen können, die restlichen viereinhalb Monate seien sie getrennt gewesen.In den USA waren schon zuvor Details über die Hintergründe der offenbar sorgfältig geplanten Clinton-Reise bekannt geworden. Obwohl Bill Clinton offiziell in einer "privaten humanitären Mission" unterwegs war, wurde die Reise eng mit dem Weißen Haus und der Außenministerin Hillary Clinton abgestimmt.Nach Angaben hoher US-Beamter hatte Washington zunächst über schwedische Diplomaten versucht, die Freilassung der beiden Journalistinnen zu erreichen, die im März an der chinesisch-nordkoreanischen Grenze bei Dreharbeiten für das US-Medienunternehmen Current TV verhaftet worden waren. Dabei habe sich ein Deal abgezeichnet: Nordkorea gibt die Reporterinnen frei, wenn die USA sich entschuldigen und einen hohen Vertreter nach Pjöngjang schicken. Washington lehnte eine Entschuldigung ab. Außenministerin Hillary Clinton äußerte im Juli aber allgemein Bedauern über die entstandene Situation und bat um eine Amnestie. Für die heikle Mission in Pjöngjang waren laut US-Medien mehrere prominente US-Politiker im Gespräch, darunter Bill Clinton und sein ehemaliger Vizepräsident Al Gore. Favorit der US-Regierung sei Gore gewesen, der auch Mitbegründer von Current TV ist. Nordkorea habe den Friedensnobelpreisträger aber abgelehnt. Mitte Juli hätten nordkoreanische Beamte den in einem Gästehaus nahe Pjöngjang untergebrachten Reporterinnen Ling und Lee dann erklärt, sie würden freikommen, wenn Bill Clinton sie abhole. Über das Angebot hätten sie telefonisch ihre Familien sowie ihren Arbeitgeber Current TV informiert. Gore habe dann Bill Clinton gebeten, nach Pjöngjang zu fahren. Clinton sei einverstanden gewesen.Präsident Barack Obama habe vor der Reise nicht persönlich mit Bill Clinton gesprochen, hieß es. Die US-Regierung habe sicherstellen wollen, dass Clinton als Privatperson reist, nicht als offizieller Vertreter der USA. Unterwegs war er in einem gemieteten Flugzeug ohne Hoheitszeichen. Es sollte sich um eine rein humanitäre Mission handeln. Nordkorea sollte keine politischen Zugeständnisse erpressen können.Gemäß der vereinbarten Rollenverteilung und ungeachtet der intensiven Diplomatie seiner Regierung wahrte Obama auch nach der glücklichen Heimkehr von Ling und Lee Distanz zu der Aktion: Er sei außerordentlich erleichtert über die sichere Heimkehr der Reporterinnen, sagte Obama, der Clinton zugleich für seine "außerordentlichen humanitären Bemühungen" lobte. Alle Amerikaner sollten Clinton und Gore dankbar sein. Außenministerin Hillary Clinton, in Afrika unterwegs, erklärte, sie sei "sehr erfreut" über den Ausgang der Mission.In Washington wurden die politischen Folgen der Reise unterschiedlich bewertet. Der Gouverneur von New Mexico, Bill Richardson, der in den 90er-Jahren selbst Verhandlungen mit Nordkorea geführt hatte, begrüßte Clintons Mission. Sie könne dazu beitragen, die zuletzt starken Spannungen zwischen beiden Ländern zu dämpfen. Der frühere US-Diplomat Jack Pritchard sprach von "einem gesichtswahrenden Weg" für Nordkorea, an den Verhandlungstisch zurückzukehren. Der ehemalige UN-Botschafter John Bolton hingegen kritisierte, Clintons Reise komme "Verhandlungen mit Terroristen gefährlich nahe".------------------------------Happy End in Los AngelesErleichtert zeigten sich die beiden Journalistinnen Laura Ling und Euna Lee bei ihrer Ankunft in Los Angeles am Mittwoch.Laura Ling war bereits vor ihrer Inhaftierung international als Reporterin tätig. Sie hatte Berichte aus den verschiedensten Krisenherden geliefert u. a. aus Sri Lanka und Myanmar.Die 33-jährige TV-Reporterin ist Amerikanerin chinesischer Herkunft. Sie studierte Kommunikationswissenschaften an der Universität Kalifornien und begann ihre Karriere beim amerikanischen Fernsehkanal Channel One. Zuletzt war sie für Current TV, den Fernsehsender des ehemaligen US-Vizepräsidenten Al Gore, tätig.Für Euna Lee dagegen war die Reise an die nordkoreanische Grenze ihr erster internationaler Auftrag als Fernsehreporterin.Die 36-jährige Lee übersiedelte erst als Erwachsene von Südkorea in die USA, studierte an der Academy of Art University in Kalifornien und trat 2005 eine Stelle bei Current TV an. Sie ist verheiratet mit dem Schauspieler Michael Saldate, mit dem sie eine vierjährige Tochter hat.------------------------------"Wir wussten sofort, dass der Albtraum unseres Lebens endlich zu Ende geht." Laura LingFoto: Bill Clinton begrüßt die zwei in Nordkorea freigelassenen Journalistinnen Laura Ling und Euna Lee vor dem Rückflug in die USA.Foto: Überwältigt: die beiden freigelassenen Fernsehreporterinnen Laura Ling (oben) und Euna Lee.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen
Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner