PEKING. Es war der Tag der Bilder - in den USA ebenso wie in Nordkorea. In Pjöngjang waren es die Bilder, die das staatliche Fernsehen bereits am Vortag aufgezeichnet hatte. Sie zeigten Bill Clinton während seines Treffens mit Kim Jong Il. Der Diktator erschien in staatsmännischer Pose, während Clinton ernst blickte, was als respektvolles Zuhören gedeutet werden kann."Clinton richtete eine ernsthafte Entschuldigung an Kim Jong Il", berichtete die offizielle Nachrichtenagentur KCNA über das Treffen. Man habe die ganze Bandbreite der bilateralen Themen "erschöpfend diskutiert" und Clinton habe "höflich eine mündliche Nachricht von US-Präsident Barack Obama an Kim Jong Il überbracht."Das Weiße Haus widersprach zwar Berichten, Clinton sei als geheimer Unterhändler in Pjöngjang gewesen. Dennoch wird darüber spekuliert, ob der Ehemann von US-Außenministerin Hillary Clinton sich ausschließlich um die Befreiung der Journalistinnen bemühte, oder zudem noch in diplomatischer Mission unterwegs war. Die Beziehungen zwischen Washington und Pjöngjang sind äußerst gespannt, nachdem Nordkorea Ende Mai zum zweiten Mal eine Atombombe sowie mehrere Raketen getestet hatte.Kotau vor dem FührerOb der ranghöchste Kontakt seit neun Jahren im amerikanisch-nordkoreanischen Verhältnis eine neue Ära einleiten kann, ist unter Nordkorea-Experten umstritten. "Der Besuch ist für mich ein eindeutiges Zeichen, dass Präsident Obama einen Neuanfang sucht", sagte Paik Hak-Soon vom Sejon-Institut in Seoul. "Der Politik der Konfrontation, wie George W. Bush sie betrieben hat, wird nun hoffentlich eine Politik des Dialogs, der Verhandlung und der ernsthaften Problemlösung folgen." Der russische Nordkorea-Kenner Andrei Lankov von der Kookmin-Universität in Seoul, glaubt dagegen nicht an einen Gesinnungswandel des nordkoreanischen Regimes. "Ich würde nicht von einem Durchbruch sprechen," erklärte er. "Nordkorea spielt doch nur sein altes Spiel: Erst provozieren, um die Provokationen dann für einen hohen Preis wieder einzustellen."Für Lankov ist Kim Jong Il der eindeutige Sieger des Geiseldramas. "Kim und seine Clique haben viel gewonnen, denn die nordkoreanischen Medien sagen jetzt: Schaut her, die blutrünstigen amerikanischen Kriegstreiber und Imperialisten haben vor unserem Führer Kotau gemacht." Dies sei Teil einer neuen Propagandalinie: Da das Volk die alte Mär, Nordkorea sei das wohlhabendste Land der Erde, nicht mehr glaube, suche Kim nach neuen Wegen, sich den Respekt seiner Untertanen zu sichern. "Jetzt sagt die Regierung: Wir sind zwar arm, aber trotzdem so mächtig, dass ein amerikanischer Präsident zu uns betteln kommen muss." Zwar sei es durchaus möglich, dass Clinton versucht habe, Nordkoreas Verhandlungsbereitschaft zu testen. "Zur Aufgabe seiner Atomwaffen wird Kim aber nie bereit sein", ist sich Lankov sicher. "Realistisch wäre höchstens, dass Kim sich dazu bewegen lässt, keine neuen Sprengköpfe zu bauen und zu versichern, dass er seine Technologie nicht an andere Länder weitergibt."
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