Geschichten

Mit 14 Jahren mitten ins Chaos: Wie die „Generation 1975“ den Mauerfall erlebte

Neun Zeitzeugen erzählen in einer Videoinstallation, wie sie 1989 vom Umbruch der Welt um sie her erfasst wurden – die einen mehr, die anderen weniger.

Torsten Harmsen
Torsten Harmsen
5 Min
Neun Menschen erzählen in der Video-Installation ihre Geschichten.

Neun Menschen erzählen in der Video-Installation ihre Geschichten.

© KRRO Film

Der beste Weg, sich wirklich kennenzulernen, besteht darin, einander seine Geschichten zu erzählen. Ein Versuch, den Austausch zwischen Ost und West zu fördern, ist die Videoinstallation „Generation 1975 – Mit 14 ins neue Deutschland“, die bis zum 13. Dezember 2026 im Besucherzentrum der Gedenkstätte Berliner Mauer an der Bernauer Straße zu sehen ist.

Wie war es, als Teenager mitzuerleben, wie die Mauer fällt, ein Staat zusammenbricht und sich die Welt um einen her wandelt – mitten in einer Lebensphase, in der sich ohnehin alles verändert? Wie hat man überhaupt mit 14 Jahren auf die deutsche Teilung und die Wiedervereinigung geblickt? Das erzählen – passend zum bevorstehenden 3. Oktober – neun Menschen aus Ost und West in der einstündigen Videoinstallation.

Sie kommen aus Brandenburg, Baden-Württemberg, Ost- und West-Berlin. So verschieden wie ihre Herkünfte sind auch ihre Erfahrungen, die sie machten, als sie fast noch Kinder waren. Anja K. wuchs zum Beispiel in Pritzwalk auf. Ihre Mutter war Lehrerin, ihr Vater und ihr Onkel waren Offiziere beim Ministerium für Staatssicherheit. Bei ihr zu Hause sei der „Sozialismus geglaubt und gelebt worden“, erzählt sie. Im Kontrast dazu steht Markus A., der in Prenzlauer Berg in einem kirchlich engagierten, regimekritischen Elternhaus aufwuchs. Die Familie wurde von der Stasi überwacht.

Viele Fragen zur Mauer, den Soldaten und der „anderen Seite“ direkt vor den eigenen Augen

An eine „sehr unbeschwerte“ Jugend und Kindheit erinnert sich Stefan E. aus Eberswalde. Sein Vater und er gehörten zu denen, die am Ende der DDR auf „eine demokratische Veränderung des Landes“ hofften. Für Marion S. aus Friedrichshafen wiederum war der Osten eine völlig fremde Welt. Offenbar interessierte sie sich auch nie wirklich dafür.

Open Source

Open Source

Sie haben etwas zu sagen? Senden Sie uns Ihren Text! 

Einreichen
Open Door

Open Door

Sie möchten ein Thema vorschlagen? Senden Sie uns Ihren Vorschlag!

Vorschlagen

Tilmann W. wiederum, aufgewachsen in einer „wohlhabenden Gegend“ in Baden-Württemberg, besuchte durch die kirchlichen Kontakte seines Vaters regelmäßig die DDR. Seinen Mitschülern habe er immer bewusst Schwarz-Weiß-Postkarten geschickt, „damit es noch ein bisschen altmodischer oder heruntergewirtschafteter rüberkommt“.

Eine der neun Protagonisten ist die bekannte Berliner Politikerin Cansel Kiziltepe, die vom Aufwachsen in Kreuzberg spricht. Als Migranten seien sie in ihrem kleinen Viertel eigentlich unter sich gewesen, erzählt sie. Zu Hause und in der Schule habe sie viele Fragen gestellt zur Berliner Mauer, den Soldaten und der „anderen Seite“, die an der Spree direkt vor ihren Augen lag.

Der Filmemacher Stefan Krauss und die Videokünstlerin Ina Rommee, die die Videoinstallation geschaffen haben

Der Filmemacher Stefan Krauss und die Videokünstlerin Ina Rommee, die die Videoinstallation geschaffen haben

© KRRO Film

Erste Berührungen mit der anderen Welt – wenn auch aus der Ferne – gab es also bereits vor Mauerfall und Wiedervereinigung. Anja K. aus Pritzwalk lernte zum Beispiel in einem Ferienlager „junge Pioniere aus der Bundesrepublik“ kennen. „Die waren ganz anders als wir“, erzählt sie. „Und es war natürlich super spannend.“

Wie kommt die große Geschichte im Leben an – in der Familie, bei Freunden, in der Schule?

„Uns interessiert besonders, wie die große Geschichte im eigenen Leben ankommt – in der Familie, unter Freunden, in der Schule und bei der Suche nach einem eigenen Weg“, sagt der Filmemacher Stefan Krauss, der gemeinsam mit der Videokünstlerin Ina Rommee in der Firma KRRO Film die Videoinstallation geschaffen hat.

Die Idee für das Projekt „Generation 1975 – Mit 14 ins neue Deutschland“ entwickelten sie gemeinsam mit der Bildungsforscherin Christiane Bertram von der Universität Tübingen. Es ist ein wissenschaftlich-künstlerisches Projekt der „Oral History“, das auch im Bildungsbereich eingesetzt wird. Für Schulen gibt es Unterrichtsmaterialien unter anderem für die Klassen 9 und 12. Für den Unterricht stehen aufbereitete Video-Interviews und begleitende Materialien zur Verfügung.

Gerade für heutige Schüler, die auch um die 14 Jahre alt sind – also mitten in der Pubertät –, können die Erinnerungen interessant sein. Zu den Zeitzeugen der „Generation 1975“, die 1989 so alt wie sie waren, sagt Stefan Krauss: „Während sie begannen, die Autorität ihrer Eltern und Lehrer zu hinterfragen, veränderten sich für die einen die gesellschaftlichen Grundlagen ihres Lebens. Für andere blieb der Alltag weitgehend bestehen.“

Wenn einem ständig erzählt wird, dass man falsch gelebt hat, regt sich Widerstand

„Wende. Vierzehn. Und ab da fing das Chaos an“, erzählt Laila G. aus dem Osten Berlins. Sie schildert die Flut der widersprüchlichen, teilweise sehr befremdenden Eindrücke vom Besuch im Westen – und auch, wie ihre „schöne geordnete Welt“ zusammenbrach. Plötzlich habe ihr die Basis gefehlt, weil auch die Erwachsenen nicht gewusst hätten, wie es weitergeht. Anja K. aus Pritzwalk wiederum hat ihren Vater „zum ersten Mal weinen sehen“.

Für andere veränderte sich kaum etwas. Dazu gehörte Marion S. aus Friedrichshafen, die sagt: „Wir haben eigentlich immer so das Gefühl gehabt, bei uns geht alles gut, wir haben es gut, wir haben ein tolles Leben, wir dürfen, was wir wollen … Es hat Spaß gemacht, im Westen zu leben.“ Sie hatte keinen Grund, ihr Leben infrage zu stellen.

Dagegen hörten die 14-Jährigen aus dem Osten in der Schule oft nur noch Schlechtes über ihre Vergangenheit. „Wenn einem ständig erzählt wird, du hast vorher völlig falsch gelebt – dann regt sich irgendwie auch ein Widerstand“, sagt Laila G. Mancher wiederum sah die Einheit als die „größte Chance“ seinen Lebens an und versuchte, das Beste draus zu machen.

Wie unterschiedlich die neun Protagonisten die Umbrüche erlebten – das sollte man sich in der Videoinstallation an der Bernauer Straße selbst anhören. „Den Begriff Generation verstehen wir als offene Frage“, sagt Stefan Krauss. „Ein gemeinsames Geburtsjahr schafft einen vergleichbaren biografischen Zeitpunkt. Ob daraus eine gemeinsame Erfahrung entsteht, muss sich erst zeigen.“


Sonderausstellung: „Generation 75 – Mit 14 ins neue Deutschland“, bis 13. Dezember 2026, Gedenkstätte Berliner Mauer

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]

Lesen Sie mehr zum Thema
weltbune Banner