Parteienkrise

„Die Flamme der Freiheit in den Bürgern wecken“: Was hält junge Liberale in einer Partei im Niedergang?

Die FDP kämpft um ihre politische Bedeutung. Trotzdem halten junge Liberale der Partei die Treue - aus Überzeugung, aber auch mit dem Anspruch, sie von innen heraus zu verändern.

Anna Schütz
Anna Schütz
7 Min
Die FDP steckt in der Krise - doch junge Menschen engagieren sich weiter für ihre politischen Ideen.

Die FDP steckt in der Krise - doch junge Menschen engagieren sich weiter für ihre politischen Ideen.

© Hendrik Schmidt/dpa

Kay Wenzel ist 2020 in die FDP eingetreten - damals war er gerade einmal 17 Jahre alt. Ihn überzeugten die Inhalte der Partei, „die Idee, dass Leistung, sobald man die Schule verlässt, einen Wert schafft - für einen selbst, aber auch für die Gesellschaft“. Zu dieser Zeit lag die FDP in Umfragen noch bei rund zehn Prozent und war im Bundestag vertreten. In Mecklenburg-Vorpommern, Wenzels Heimat, war sie hingegen 2016 an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert. Trotzdem entschloss sich der Abiturient, sich aktiv in der Partei zu engagieren.

Heute ist die politische Ausgangslage eine andere. Die FDP ist nicht im Bundestag vertreten und hat bei den jüngsten Landtagswahlen deutlich an Bedeutung verloren. Was hält also junge Menschen in einer Partei, deren parlamentarische Bedeutung zuletzt deutlich zurückgegangen ist?

Warum in die FDP eintreten?

Für Kay Wenzel spielte die politische Relevanz der FDP keine entscheidende Rolle. Er trat aus Überzeugung bei. „Die FDP war die einzige Partei mit einem programmatischen Schwerpunkt, der in mein Leben gepasst hat und mit dem ich mich wirklich identifizieren konnte“, sagt Wenzel dieser Zeitung.

Auch für Jonas Hartmann*, der ebenfalls als Abiturient in die Partei eingetreten ist, war seine persönliche politische Einstellung ausschlaggebend: „Ich wollte Freiheit, Bürger- und Menschenrechte bewahren. Da war die FDP für mich eine Partei, die sich sehr stark für diese Themen eingesetzt hat.“

Brian Kipke, der bereits mit 16 Jahren Mitglied wurde, fasst seinen Antrieb so zusammen: „Man geht nicht in die FDP, weil man eine große politische Karriere anstrebt. (…) Man geht aus idealistischen Gründen, weil man sich für ein Menschenbild und eine aus diesem Menschenbild abgeleitete Programmatik einsetzen möchte.“ In Hinblick auf seine ganz persönlichen Beweggründe fügt er hinzu: „Ich möchte die Flamme der Freiheit in den Bürgern wecken, ihnen bewusst machen, was es bedeutet, ein liberales Lebens- und Politikgefühl zu haben und sie dadurch zu Überzeugungswählern für die FDP und für den Liberalismus machen.“

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Politisch belanglos

Von Erfolg gekrönt ist dieser Wunsch derzeit nicht. Die drei jüngsten Landtagswahlen haben die schwierige Lage der FDP deutlich gemacht. In Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern ist sie aus dem Landtag ausgeschieden, in Berlin war sie bereits zuvor nicht mehr vertreten und verfehlte 2026 erneut den Einzug. Auch bundespolitisch ist die FDP derzeit ohne parlamentarische Vertretung.

Der Absturz steht auch im Zusammenhang mit dem Ende der Ampel-Koalition. Im November 2024 zerbrach die Bundesregierung nach einem monatelangen Streit über Wirtschafts-, Haushalts- und Finanzpolitik. Bundeskanzler Olaf Scholz entließ Finanzminister und FDP-Chef Christian Lindner; die FDP zog daraufhin ihre Minister aus der Regierung zurück. Volker Wissing war der einzige FDP-Minister, der im Amt blieb. Er trat dafür aus der FDP aus und erklärte, er wolle „keine Belastung für meine Partei sein“.

Warum bleiben?

Gute Zeiten liegen also deutlich hinter der FDP. Das spüren insbesondere diejenigen, die sich vor Ort engagieren. Die Partei hat an Wählerzuspruch verloren und muss mit weniger parlamentarischen und damit auch politischen und finanziellen Ressourcen auskommen. Die Mitgliederentwicklung zeigt ebenfalls einen Rückgang: Ende 2024 hatte die FDP noch 67.000 Mitglieder, im Mai 2026 waren es nur noch rund 63.000.

Das Ende der Ampel hat bei Mitgliedern ebenfalls Spuren hinterlassen. „Die Partei, wie sie damit umgegangen und wie es danach weitergegangen ist, hat mich sehr enttäuscht und das hat auch zu einer gewissen Distanzierung geführt“, sagt Jonas Hartmann. Er ist zwar noch Mitglied in der FDP, aktiv engagiert er sich jedoch nicht mehr. Das hängt auch damit zusammen, dass er sich vom aktuellen Kurs der Partei nicht mehr abgeholt fühle. „Ich beobachte, wie die Partei versucht, sich neu aufzustellen, nehme aber noch keine wirkliche Neuaufstellung wahr“, sagt er und fügt hinzu: „Die FDP sagt immer: Fortschritt ist das, was wir brauchen und wir müssen an die Zukunft denken. Dagegen habe ich das Gefühl, dass es eher ein ‚Weiter so‘ ist.“

Für andere ist gerade die politische Schwäche der Partei kein Grund zu gehen. Auch Wenzel, der heute als stellvertretender Landesvorsitzender der FDP Mecklenburg-Vorpommern aktiv ist, nennt vor allem seine politische Grundüberzeugung: „Für mich persönlich ist die Grundüberzeugung der FDP der Grund, warum ich immer noch dabei bin. (…) Der liberale Staat und auch die Gedanken dahinter – Aufstiegschancen und die Möglichkeit, sich selbst zu verwirklichen – waren und sind genau das, was mich motiviert, weiterzumachen.“

Austritte und Konflikte in MV

Wie tief die Konflikte inzwischen reichen, zeigt besonders der Landesverband Mecklenburg-Vorpommern. Dort hatte sich die FDP bereits vor der Landtagswahl 2026 mit innerparteilichen Auseinandersetzungen beschäftigt. Im September 2024 verließ die Abgeordnete Sabine Enseleit die FDP-Fraktion und wechselte zur CDU. Im April 2025 folgte Sandy van Baal. Dadurch verlor die FDP ihren Fraktionsstatus im Landtag und war nur noch als Gruppe vertreten.

Im November 2025 eskalierte der Konflikt auf einem Sonderparteitag. Ein Antrag auf Abwahl des Landesvorstands um René Domke scheiterte mit 49 zu 57 Stimmen nur knapp. Kurz darauf traten unter anderem Güstrows Bürgermeister Sascha Zimmermann und der Warener Stadtpräsident Toralf Schnur aus der FDP aus. Zimmermann begründete seinen Schritt mit dem Umgang des Landesvorstands mit innerparteilichen Kritikern und sprach von einem „tiefen Graben“ innerhalb der Partei.

Die Jungen Liberalen: Druck von innen

In diesem Umfeld verstehen sich die Jungen Liberalen als „Stachel im Fleisch“ der FDP. Wo der Mutterpartei der Mut fehle, wollten sie sie antreiben - mit neuen Ideen, europäischen Perspektiven und einer progressiveren Ausrichtung. „Wir sind meistens eher etwas entschiedener und etwas entschlussfreudiger als die Partei“, sagt Brian Kipke, Landesvorsitzender der JuLis in Mecklenburg-Vorpommern. Das führt auch zu Konflikten, etwa bei politischen Inhalten oder Personalfragen. Nach dem schwierigen Wahlkampf forderten die JuLis Konsequenzen im Landesvorstand. Sie wollen die Arbeit der Landespartei „konstruktiv-kritisch“ begleiten und ihre Kritik auf dem Landesparteitag einbringen.

Brian Kipke, Landesvorsitzender der Jungen Liberalen MV

Brian Kipke, Landesvorsitzender der Jungen Liberalen MV

© Niklas Wagner

Kubicki und der Neustart

Auch die neue Parteiführung steht vor der Frage, wie die FDP aus ihrer derzeitigen Krise herauskommen kann. Wolfgang Kubicki zeigt sich nach den Wahlergebnissen in Sachsen-Anhalt, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern enttäuscht. Zwar habe er bei den Wahlkämpfen eine „enorme Aufbruchstimmung an der Basis“ wahrgenommen, dennoch habe die FDP „nicht ausreichend zu unseren potenziellen Wählerinnen und Wählern durchdringen“ können.

Als Konsequenz kündigt Kubicki eine veränderte Ansprache an: „Wir müssen klarer und pointierter werden.“ Zugleich will er die FDP stärker von den anderen Parteien abgrenzen. Sie sei für ihn „die letzte Verteidigungslinie des gesunden Menschenverstands im Parteienspektrum“.

Zwischen Überzeugung und politischer Relevanz

Die Geschichte der drei jungen Liberalen zeigt damit exemplarisch ein Spannungsverhältnis, das die FDP derzeit besonders beschäftigt: Einerseits steht eine Partei, die parlamentarisch so schwach ist wie seit Jahren nicht mehr und deren Mitgliederzahl zurückgeht. Andererseits gibt es innerhalb der Partei weiterhin Menschen, die ihre politischen Grundüberzeugungen für relevant halten, unabhängig davon, wie viele Wähler sie aktuell teilen.

Für Jonas Hartmann ist diese Entwicklung Anlass zur Distanzierung. Wenzel und Kipke hingegen sehen gerade in der schwierigen Lage einen Grund, weiterzumachen und die Partei von innen zu verändern. Ob die FDP daraus tatsächlich einen Neustart entwickeln kann, hängt letztlich nicht nur von einer schärferen Kommunikation ab. Sie muss zugleich klären, welche politischen Inhalte sie künftig vertreten, wie sie mit innerparteilicher Kritik umgehen will und ob es ihr gelingt, wieder über ihre eigene Anhängerschaft hinaus Menschen von ihrem liberalen Angebot zu überzeugen.

* Name geändert

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