Mit Barack Obamas Kandidatur für das US-Präsidentenamt beginnt der Kampf bei den Demokraten. Wie sehr Hillary Clinton die Sache beschäftigt, ist sogar in Berlin zu spüren

Es geht los

Rouven Schellenberger Olivia Schoeller
4 Min

WASHINGTON. In der altehrwürdigen Kammer des amerikanischen Senats in Washington hat es am Dienstagabend vermutlich geknistert. Da standen sie nur wenige Meter von einander entfernt und taten so, als sei nicht geschehen. Barack Obama und Hillary Clinton, der Senator von Illinois und die Senatorin von New York, der Afro-Amerikaner und die ehemalige First Lady plauderten äußerlich ganz unbefangen mit den Kollegen - ohne sich eines Blicks zu würdigen."Geld und Macht"Wenige Stunden zuvor hatte Obama in einer Videobotschaft bekannt gegeben, er habe ein Team beauftragt, seine Chancen für eine mögliche Kandidatur für das Präsidentenamt zu erforschen. Das ist üblich in den USA, wenn jemand ernsthaft mit dem Gedanken spielt, sich um das höchste Amt des Staates zu bewerben.Wie ernsthaft es Barack Obama meint, zeigte sich, als bekannt wurde, dass er seine Bewerbung offiziell in einigen Wochen vor der Memorial Bibliothek von Präsident Abraham Lincoln halten will - jenes Präsidenten, der sich für die Befreiung der Sklaven eingesetzt hat.Für Hillary Clinton dürfte die Bekanntmachung Obamas nicht völlig überraschend gekommen sein. Bereits seit Monaten wurde der 45-Jährige von den Medien als Hoffnungsträger der Demokraten gehandelt, als "das frische Gesicht", mit dem die Partei nach acht Jahren das Weiße Haus zurückerobern könnte. In seiner Video-Botschaft betonte der 45-Jährige denn auch seine Jugend und politische Unbescholtenheit. "Unsere Führer in Washington scheinen heute unfähig zu sein, praktisch und mit gesundem Menschenverstand zusammen zu arbeiten", sagte er. "Politik ist so bitter und parteiisch geworden, so abhängig von Geld und Macht, dass es uns schwer fällt, die großen Probleme in Angriff zu nehmen, die eine Lösung fordern."Obwohl die Medien Barack Obama wegen seines Charismas und seines Alters gerne als den "schwarzen John F. Kennedy" bezeichnen, hätte man die Kandidatur eines so unerfahrenen Politikers nach den Anschlägen am 11. September 2001 wahrscheinlich nicht besonders ernst genommen. Doch heute sieht man das anders. "Dies ist die Chance für eine neue Generation von Politikern, hervorzutreten und Amerika zu erneuern", sagte Obamas Senatskollege und vehementer Unterstützer Dick Durbin aus Illinois nach Obamas Bekanntmachung. Ein anderer Abgeordneter, Arthur Davis aus Alabama, nannte Obama "einen einzigartigen Übergangskandidaten, der nur einmal im Leben die Bühnen betritt".Vor allem in der entscheidenden Frage des Irak-Kriegs wirkt Obama im Gegensatz zu seiner Rivalin unbelastet. Als Hillary Clinton als US-Senatorin für den Krieg stimmte, war Obama noch als Lokalpolitiker in Illinois tätig, wo er allerdings vehement gegen die Kriegsabsichten von Präsident Bush opponierte.Doch Parteistrategen der Demokraten warnen davor, den Wettbewerb auf zwei Kandidaten zu beschränken. Neben Clinton und Obama hat sich auch der ehemalige Vize-Präsidentschaftskandidat John Edwards erneut ins Spiel gebracht. Mit seinem Kampf für die Armen in Amerika hat er sich in den für die Vorwahlen wichtigen Staaten Iowa und New Hampshire solide Unterstützung gesichert. Auch John Kerry, der 2004 gegen Bush verloren hat, denkt über eine erneute Kandidatur nach - wie übrigens sechs weitere demokratische Senatoren und Gouverneure, die noch für Überraschungen sorgen könnten.Noch mag Hillary Clinton mit ihrer gefüllten Wahlkampfkasse und ihrem erfahrenen Team das demokratische Kandidatenfeld anführen, doch es dürfte nicht lange dauern, bis Obama aufholt. Medienberichten zufolge hat er offenbar großen Erfolg bei den jüngeren demokratischen Geldgebern und Bloggern, die vor allem über das Internet spenden. Außerdem berichtet die New York Times, dass Barack Obama sein Wahlkampflager in Chicago aufbauen, aber bestimmt auch ein Büro in New York einrichten will und offenbar schon einige der traditionellen Clinton-Geldgeber angerufen hat. Spätestens in diesem Moment wird das Lager der ehemaligen First Lady reagieren müssen.Ein wichtiges TelefonatWie stark Hillary Clinton die Ankündigung ihres Senatskollegen umtreibt, konnte man am Dienstag sogar in Berlin spüren. Eine Verabredung zum Interview mit Richard Holbrooke, einem der versiertesten Außenpolitiker der Demokraten, verzögerte sich. "Mr. Holbrooke telefoniert", hieß es immer wieder. Dann öffnete sich plötzlich der Lift, und Holbrooke erschien. "Es tut mir so leid", sagte er. "Ich war die ganze Zeit am Telefon mit Hillary Clinton. Das ist doch eine gute Entschuldigung, oder?" Der Diplomat ist einer der wichtigsten außenpolitischen Berater von Hillary Clinton, vielleicht ihr Kandidat für das Außenamt, wenn sie gewinnt. Barak Obamas Ankündigung am Dienstag hat da wohl bei beiden einigen Beratungsbedarf ausgelöst. (mit sch.)------------------------------Foto: "Politik ist so bitter und parteiisch geworden", sagt Barack Obama.

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