Als St. Marien in Frankfurt (Oder) am 26. April 1945 niederbrannte, stand die sowjetische Armee bereits in der Stadt. Die Wehrmacht hatte diese letzte Festung vor Berlin vergeblich verteidigt und bescherte der Stadt damit ein tiefes Trauma: 90 Prozent ihrer Gebäude wurden zerstört, nur 12 000 der mehr als 80 000 Einwohner lebten noch. Es war eine karthagische Ausmerzung der bisherigen Stadt, die sich zudem an die neue deutsch-polnische Grenze versetzt sah. Die einstige Frankfurter Dammvorstadt lebt seit 57 Jahren ihr eigenes, polnisches Leben. Warum die wichtigste Kirche der Stadt, eine der größten norddeutschen Backsteinkirchen, noch nach der Befreiung im Feuer aufging, interessierte damals wenig.Das ist bis heute so. Trotzdem geht es, wenn am heutigen Sonnabend in Frankfurt gefeiert wird, auch darum, sich vom Trauma der Zerstörung einen weiteren Schritt zu entfernen. Gegen zehn Uhr früh wird an der Marienkirche ein Lastwagen erwartet. Er bringt Kisten mit Kunst aus Petersburg, Kunst, die aus Frankfurt stammt - die mittelalterlichen Glasfenster aus dem Chor der Kirche. 1941 waren die Fenster mit den Bibelmotiven ausgebaut und ins Potsdamer Neue Palais gebracht worden. 1946 schafften sowjetische Kulturoffiziere sie in die Ermitage des damaligen Leningrad.Auf politischer Ebene gilt die Heimkehr der 111 kleinen Kirchenfenster als guter Ausgangspunkt für viele offene Fälle bei der Rückgabe beidseits verschleppter Kulturgüter. Erst im April hatte das russische Parlament die Fenster nach jahrelangen Verhandlungen freigegeben. Es sieht sich durch ein Gesetz gebunden, das die Rückgabe von Kriegsbeute verbietet, weil sie als Entschädigung für eigene, riesige Verluste verstanden wird. Ausnahmen lässt es nur bei der Rückgabe von Privat- und Kirchenbesitz zu.Ruf des UnschönenIn Frankfurt wird die Rückkehr der Fenster schon jetzt als Symbol für eine Erholung der ganzen Stadt gesehen. "Einige würden die Fenster am liebsten anfassen", sagt der frühere Oberbürgermeister Wolfgang Pohl, der 1996 mit einem Brief an den damaligen russischen Präsidenten Boris Jelzin erstmals die Rückkehr der Kirchenfenster erbat - ausdrücklich als Beitrag zur Gesundung der Stadt und der Kirche. Dabei genoss die Kirche lange Zeit keineswegs Priorität. Jahrzehntelang war sie in Frankfurt die größte Ruine und doch nur eine von vielen. Das blieb so, nachdem locker gereihte, blasse Viergeschosser seit den fünfziger Jahren die Hauptstraße - nun Karl-Marx-Straße - und ihr Hinterland neu markierten. Sie sollten Zeichen eines sozialistischen Wiederanfangs sein und schufen ein neues, noch blasseres Zentrum. Es erhielt einen Akzent nur durch ein 86 Meter hohes Hochhaus, das die Kirche zu überragen hatte wie der Berliner Fernsehturm die Marienkirche in der Hauptstadt.Damals lebte Frankfurt (Oder) einen Traum. Es wollte Großstadt werden, Bezirksstadt wurde es. Vor ihren Toren wuchs das größte Halbleiterwerk der DDR, mit 8 000 Beschäftigten trug es den Ruf des Unschönen, doch recht Modernen in die Republik. Stadtweit entstanden Neubauten, rund 40 000 Menschen, so Wolfgang Pohl, seien allein nach 1970 in die Stadt gekommen. Heute könnten sich diese Menschen weiter in der Stadt verwurzeln - doch viele sind wieder weg. Die Stadt ist eine jener ostdeutschen Kommunen, deren Bankrott und Entvölkerung unaufhaltsam scheint. Nachdem statt des Halbleiterwerks nur ein Forschungsinstitut für Halbleiterphysik blieb, ist jeder Fünfte arbeitslos. Seit 1990 verlor Frankfurt rund 15 000 Einwohner. Zum Teil hat der Abriss unter den Namen "Rückbau" und "Modellprojekt" begonnen, und weil polnische Billigmärkte seit der Wende über die Oderbrücke täglich erreichbar waren, entzogen die Frankfurter den eigenen Geschäften das letzte Geld. Da war es für die Stadt schon ein Erfolg, dass sie im Vorjahr statt 88 nur 81 Millionen Euro neue Schulden machte. Während vom Vierspartentheater "Heinrich von Kleist" nur das Orchester blieb, ist ein wesentlich von der Europäischen Union bezahltes Kleistforum inzwischen fertig gestellt. Hier finden nun nur noch Gastspiele statt.Dennoch hat die Stadt zuletzt tief Luft geholt. Viele Hoffnungen knüpfen sich an das Projekt einer neuen Chipfabrik, das auf die Mitarbeiter des früheren Halbleiterwerks und des Forschungsinstituts setzt. Dank der Initiative einiger Idealisten hat die Stadt außerdem ihre frühere Universität Viadrina wieder belebt. Inzwischen betreibt die Uni Gebäude auf beiden Ufern der Oder, auf beiden Seiten der Grenze. Und ein Jahr vor der 750-Jahrfeier Frankfurts wird nicht allein der Platz vor dem Rathaus neu gepflastert. Ringsum wachsen auch Häuser, die etwas weniger blass sind und der Stadt mit Cafés, Kino und Läden eine lebhafte Mitte zurückgeben. Möglicherweise wird nun ausgerechnet die Marienkirche zum kulturellen Zentrum der Stadt.Die Basis dafür wurde schon vor gut 20 Jahren gelegt. Denn damals begann das Ringen um die Kirche. In einem Erbbauvertrag von 1974 trat die Kirchengemeinde für 99 Jahre das Nutzungsrecht an die Stadt ab. Fortan wurden die Sakristei und der Martyrchor für ein "Kunstforum" restauriert. Man tat dies "in der starken Farbigkeit mittelalterlicher Gewölbe, um zu zeigen, dass es um mehr geht als um den Erhalt einer Ruine", wie der leitende Architekt der Marienkirche, Christian Nülken, erzählt. Für ihn begann mit diesem "sanften Widerstand" eine Arbeit, die er heute als sein Lebenswerk betrachtet. Dafür fand sich, so Nülken, in der DDR stets Geld - selbst für eine neue Turmspitze noch, zu deren Aufsetzung Hunderte Frankfurter zusammenströmten. Nur zum Bau des Dachstuhls, angeblich des größten, der im 20. Jahrhundert in Deutschland gezimmert wurde, reichte es erst nach der Wende. Der Architekt führt das auf ideologische Barrieren zurück: Noch stärker als die Türme hätte ein geschlossener Kirchenraum die religiöse Kraft des Bauwerks wieder vermittelt. Dies, so vermutet er, habe die SED "neben ihrer Parteischule, ihrer Glaubensfestung, nicht sehen" wollen. Gerade deshalb erwartet er nun von den wiedergewonnenen Kirchenfenstern viel. "Sie sind die nach innen, auf die Besucher gerichteten Augen der Kirche, und sie werden zeigen, dass es kein Allerweltsbau ist." Ähnliches geschieht derzeit auch in Berlin, Potsdam oder Dresden, Städte, die jetzt im Krieg oder kurz danach verlorene Gebäude wieder errichten und dabei ihre Selbstfindung betreiben. Die Dresdner, sagt Nülken, hätten es "vermocht, die Schlossruine und die Trümmer der Frauenkirche beieinander zu halten", und jeder habe ein Bild der historischen Gebäude zu Hause bewahrt. Diesen Bürgersinn kann er in Frankfurt kaum entdecken. Umgekehrt bezeugten die Rekonstruktionspläne für die Königsschlösser in Potsdam und Berlin, wo sogar die Grundmauern fehlten, für Nülken nur, dass die Verantwortlichen den heutigen Architekten "nicht zutrauen, ein Stadtzentrum zu bauen, und daher ein Disneyland bevorzugen".Tor zum OstenAuch der Osteuropa-Historiker Karl Schlögel, einer der prominentesten Dozenten der Universität Viadrina, hat in Frankfurt "lange eine gewisse Abneigung gegen äußere Einflüsse" ausgemacht, sogar Unsensibilität gegenüber der eigenen Vergangenheit. Trotz der Initiative der Frankfurter Stadtväter sieht er die Rückkehr allein als "Letztabwicklung von Kriegsfolgen" auf höchster Ebene: auf der von Putin und Schröder und auf der der Kulturminister. Für Schlögel steht der Wiederbeginn in Frankfurt aber auch in einem viel weiterreichenden Kontext. "Was an der Oder passiert, geschieht zugleich in vielen europäischen Städten, in Stettin, in Warschau, auch in Petersburg, von wo die Fenster jetzt kamen." Für alle diese Städte sei "die Bedrohung des Urbanen" eine gemeinsame Erfahrung. Jetzt jedoch begännen sie wieder zu atmen.So bestehe nun die Gelegenheit, die alte Last abzuarbeiten. Frankfurt, schlägt Karl Schlögel vor, könne die Glasfenster aus Petersburg vergelten - im Großen, indem es seine Funktion als Tor zu Osteuropa nutze, mit einer offenen Oder. Und im Kleinen, indem es eine andere Spur der gemeinsamen Geschichte bewahre: die hölzerne Heilandskapelle, die russische Kriegsgefangene im Ersten Weltkrieg bauten. Ein Ableger des Moskauer Jugendstils, schwärmt Schlögel, hier in Frankfurt, an der polnischen Grenze.
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