Mit drastischen Sparmaßnahmen und in ungewohnter Einigkeit kämpft die Formel 1 ums Überleben

Totgesagte fahren länger

Elmar Brümmer
4 Min

STUTTGART. Den letzten großen Test vor dem Saisonstart am übernächsten Wochenende in Melbourne haben die Formel-1-Teams gerade in Barcelona hinter sich gebracht, nur McLaren-Mercedes muss noch ein bisschen nachsitzen. Die Stimmungslage schwankt zwischen Aufbruchstimmung und Torschlusspanik. Das Rennjahr 2009 ist ein entscheidendes für die Königsklasse, und das nicht nur, weil das Reglement die Rennwagen so stark wie noch nie verändert hat: Die Formel 1 kämpft sportlich wie finanziell ums Überleben.Ein Drittel aller Ausgaben wollen die Rennställe gegenüber dem Vorjahr durch verschiedene Maßnahmen bereits eingespart haben, aber geschätzte 1,8 Milliarden Euro werden immer noch in den rasenden Kreisverkehr gepumpt - bei bröckelnden Sponsoreinnahmen. Die radikale technische Neuausrichtung mit genormter Aerodynamik, Slickreifen und der Energierückgewinnung KERS hat die PS-Show nicht gerade billiger gemacht. 2009 werden die meisten überleben können, das ehemalige Ferrari-Superhirn Ross Brawn konnte sogar die Konkursmasse des Honda-Werksteams unter eigenem Namen (und mit freundlichen Zahlungen aus Japan) doch noch an den Start bringen. Aber die entscheidende Saison wird 2010 werden, wenn die Krise richtig durchzuschlagen droht.Mehr Spektakel, weniger KostenDie Ego-Branche Formel 1 will den drohenden Szenarien mit Einigkeit trotzen, so einig wie jetzt waren sich die traditionell verfeindeten Teambesitzer jedenfalls noch nie. Die Rennstallvereinigung Fota wetteifert im Entwerfen von Sparprogrammen mit dem wieder erstarkten Präsidenten des Weltautomobilverbandes, Max Mosley. Einig sind sich die Parteien nur bei der grundsätzlichen Erfolgsformel: Mehr Spektakel bei weniger Ausgaben. Um am kommenden Dienstag bei der Weltratsitzung der Fia nicht allein dem Wohl und Wehe des strengen Funktionärsdiktats ausgeliefert zu sein, hat die Selbsthilfegruppe eine nochmalige Kostenreduzierung um 50 Prozent für das Jahr 2010 angekündigt.An Ideen mangelt es den Rennstallbossen nicht, ob das nun mehr Punkte für den Sieger, die weitere Beschneidung von Testfahrten oder den Einsatz von Standardbauteilen sind. Keineswegs nur nebenbei geht es aber auch darum, dass die Fota die aktuelle Krise und ihre neue Stärke nutzen will, um mehr Geld aus dem Vermarktungstopf von Bernie Ecclestone zu kassieren. Der Zampano teilt seinen Verdienst in etwa so gern wie Max Mosley die Macht - und daher muss die Fota bei allen konstruktiven Vorschlägen aufpassen, dass das Pochen auf mehr Mitspracherecht nicht in ein allgemeines Gegeneinander mündet. In einer flammenden Präsentation hat Ferrari-Chef Luca di Montezemolo, der die Krise als Chance zur Weiterentwicklung sieht, die Formel 1 als Diamanten gezeichnet: In der Mitte ein nach oben ragendes Dreieck, dass das Publikum darstellen soll, drum herum die Dreiecke Fia, Fota und Fom (Vermarktungsgesellschaften Ecclestones). Ein glitzerndes, aber auch scharfkantiges Gebilde.Klare RollenverteilungSollten sich die Parteien auf einen Konsens einigen, könnte in den nächsten Wochen ein neues Concorde Agreement, das Grundgesetz der Formel 1, unterschrieben werden. In dem Vertragspaket werden sportliche, technische und wirtschaftliche Punkte geregelt, mit der Unterschrift verpflichten sich die Rennställe zu einer Teilnahme am Formel-1-Rennbetrieb bis 2012.Die Rollenverteilung in der Zweckgemeinschaft der Teams ist eindeutig: Sprecher Luca di Montezemolo steht für das Politische, BMW-Sportdirektor Mario Theissen für die Technik, Martin Whitmarsh von McLaren-Mercedes für das Sportliche und Flavio Briatore (Renault) für den Kommerz. Theissen beschwört das Miteinander: "Wir verfolgen die gleichen Ziele." Die da heißen: Stabilität, Zukunftsfähigkeit, Substanz und Show. Umstritten bleibt: Wo ist die Grenze zum Kaputtsparen?Mitte nächster Woche gehen im spanischen Jerez de la Frontera mit den neuerlichen Aerodynamik-Erprobungen des bisher lahmenden Silberpfeils von Titelverteidiger Lewis Hamilton die letzten Testfahrten vor dem Saisonbeginn zu Ende, üben dürfen die Teams dann nur noch an Rennwochenenden und dem Computersimulator. Eine Maßnahme, die Kosten senkt und die Spannung erhöht - gerade in einem Rennjahr, in dem noch keiner so genau weiß, wo er steht.Ferrari und BMW sind zuverlässig schnell, Red Bull und Toyota taugen zur Überraschung. McLaren pokert mit neuen Flügeln hoch, Hamilton hat in dieser Woche zum zweiten Mal sein Auto gecrasht - allein die Nervosität seines Antrittsbesuches bei der Queen kann es kaum gewesen sein. Aber selbst Elisabeth II. zeigte sich interessiert: "Sie hat mir Fragen zum Auto gestellt", sagt der Champion. Die besten Briten aber beim letzten Test des Zehner-Feldes waren die Mannen von Ross Brawn, die so lange in Ungewissheit leben mussten, sich aber mit ihrem verspäteten Renner an die Spitze setzten. Das müsste doch der ganzen Formel 1 Hoffnung geben: Totgesagte fahren länger.------------------------------Foto : Helm II: Nico Rosberg schützt sich vor tieffliegenden Insekten und Vögeln.

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