Mit einem schwierigen Plakat will der Förderverein des Holocaust-Mahnmals Spenden sammeln

Provokation vor kurz geschorenem Rasen

Silke Stuck
3 Min

Die Ampelphase an der Kreuzung Ebert-/Ecke Behrenstraße dauert etwa fünfundzwanzig Sekunden. Eine Viertelminute für zwei Sätze, die erst einmal geordnet werden müssen im Hirn, denn sie sind ungewöhnlich, sie sind provozierend und sie prangen auf einem 30 mal 15 Meter riesigen Plakat, das eine sonnenbeschienene Berglandschaft zeigt: "Den Holocaust hat es nie gegeben", steht da. Und: "Es gibt immer noch viele, die das behaupten - in zwanzig Jahren werden es noch mehr sein." Das ist schwerer Stoff für eine Viertelminute, in der es möglicherweise noch aus dem Autoradio plärrt, die Fußspitze auf das Gaspedal tippt, die Bremsleuchten des Vordermanns flackern. Das Plakat ist keine Warnung zum Selbstzweck, sondern ein Spendenaufruf des Förderkreises zur Errichtung eines Mahnmals für die ermordeten Juden. Mit einer 0190-Telefonnummer soll fehlendes Geld für den Bau des Holocaust-Denkmals des amerikanischen Architekten Peter Eisenman zusammengetragen werden. Fünf Millionen Mark möchte der Verein für den insgesamt knapp 50 Millionen Mark teuren Bau beisteuern. Mit jedem Anruf werden fünf Mark von der Telefonrechnung abgezogen.Nur die wenigsten Autofahrer werfen tatsächlich einen Blick auf die Rückseite des DG-Bankgebäudes am Pariser Platz, an dem das Plakat hängt. Irgendwann wird auf der Brache davor die amerikanische Botschaft errichtet. Es ist Mittagszeit, es ist drückend, die Autofahrer wollen die nächste Grünphase kriegen. Vor dem Plakat wird der Rasen kurz geschoren."Wir wollen die Gleichgültigen aufrütteln und die Zögernden aktivieren", sagt die Vorsitzende des Fördervereins, Lea Rosh, als sie am Donnerstag mit dem Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde, Alexander Brenner, die Spendenkampagne vorstellt. Ein Passant sagt, er glaube kaum, dass so Leute erreicht werden, die dem Mahnmal bislang skeptisch gegenüberstanden. "Alle anderen würden auch ohne Provokation spenden." Eine andere Touristin schätzt den Schock-Effekt des Slogans. "Man kommt nicht dran vorbei, das ist der Vorteil. Der Nachteil ist, dass die wenigsten sich die Zeit nehmen werden, um die Spendennummer zu notieren." Sie frage sich aber, was das Bergmotiv mit dem Holocaust zu tun habe."Die Botschaft der Berglandschaft ist: Idylle. Es ist nicht wichtig, welchen Berg das Bild zeigt, sondern nur, was es vermittelt", sagt Jürgen Michalski, Projektleiter bei der Werbeagentur TBWA Berlin, die die Kampagne entwickelt hat. Der Kontrast zwischen Idylle und Wort solle zum Nachdenken anregen. "Diese Kampagne passt zu Lea Rosh und ihrem Verein, weil sie Aufmerksamkeit um jeden Preis erzielen will", sagt Wolfgang Wippermann, Antisemitismusforscher an der FU Berlin. "Doch der Hintergrund ist zu ernst, als dass man einen simplen Mediengag daraus machen sollte." Wippermann sieht in der Kampagne eine "Replik auf die Benetton-Werbung". Auch der Vizepräsident des Zentralrats der Juden, Michel Friedman (CDU), kritisiert die provokante Ausrichtung. "Dadurch wird eine Diskussion hervorgerufen, die sich auf die Frage des Wie und nicht des Ob reduziert, und das bedaure ich", so Friedman.Ein Pärchen geht die Behrenstraße entlang, schaut kurz, und der Mann fragt seine Freundin: "Sind die nun dafür oder dagegen?" Sie lächelt, irgendwie ratlos.BERLINER ZEITUNG/MAX LAUTENSCHLÄGER "Den Holocaust hat es nie gegeben", sagt das Plakat und nicht Lea Rosh, Vorsitzende des Fördervereins. Sie will mit dem Spruch nur provozieren.

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