Harald Juhnke ist ein Star. Was ist er sonst? Es fällt schwer, einen anderen Begriff als diesen gleichzeitig vagen und anspruchsvollen auf einen Mann anzuwenden, der in so hohem Maße öffentliche Anteilnahme provoziert; und dies nicht nur, wahrscheinlich noch nicht einmal in erster Linie, durch seine Rollen als Schauspieler. Harald Juhnke ist auch als Trinker ein Star. Mit seinen alkoholischen Exzessen bebt und leidet und triumphiert seit Jahrzehnten das deutsche Publikum; er ist so etwas wie der Stellvertretende Trinker der Nation.Harald Juhnke ist ein großer Mann. Er ist klein und schwach, und deshalb kann sich jeder in ihm wiederfinden. Den Hauptmann von Köpenick haben, halten zu Gnaden, andere schon brillanter gegeben; aber niemals war die Rührung größer als bei Juhnkes Auftritt im Berliner Gorki-Theater, mit dem er nach fast fünfzig Jahren an die Bühne seiner Anfänge zurückkehrte. Dieser Rührung haben fraglos die Medien vorgearbeitet, die Privatleben und öffentliche Auftritte, Alkohol und Kunst zu einem unentwirrbaren Geflecht verknotet haben. Aber die Fäden zu diesem Stoff haben die Medien nicht erfunden, und einige von ihnen sind so sonderbar und eigentümlich, daß sie sich in keinem Leben irgendeines anderen der vielen trinkenden Stars finden lassen.Ein Edelmann des Volkes Unvergeßlich der rührende Auftritt Harald Juhnkes in einer jener Fernsehshows, die mit versteckter Kamera prominente Opfer in peinlichen Situationen beobachten. Ein Stehgeiger sollte die Gäste in einem Restaurant beim Essen stören und sich weder durch Geld und gute Worte vertreiben lassen. Die meisten Opfer, denen der Musiker mit zunehmender Penetranz in die Ohren spielte, bekamen schließlich einen Wutanfall, worauf sich der Geiger trollte. Nicht so Juhnke. Er versuchte es zunächst mit Hal- tung, zunehmend liebenswürdigen Schmeicheleien, angedeuteter Desinteressiertheit, schließlich immer größeren Geldscheinen. Dem Geiger etwas Böses zu sagen brachte er nicht übers Herz.Die Szene mußte schließlich abgebrochen werden; sonst würde Juhnke wahrscheinlich noch heute dort sitzen, dem Musiker sein ganzes Vermögen überschrieben haben, wenn dieser nicht seinerseits aus Erschöpfung Das Drama läßt sich kaum ausloten, das sich aus dem harmlos angezettelten Fernsehscherz für Juhnke hätte entwikkeln können. Was für jedermann sonst mit einem Zorneswort zu lösen ist, war für Juhnke eine Falle, vielleicht nicht unähnlich jener Lebensfalle, in der ihn die Öffentlichkeit seit Jahrzehnten erschreckt und begeistert herumzappeln sieht.Es ist leicht ersichtlich, daß Anstand, Feinfühligkeit und Willensschwäche, die der geschilderten Szene ihre von niemand beabsichtigte Fatalität gaben, auch den Weg in den Alkohol leicht ergeben können. Etwas Altmodisches, komisch Lebensuntüchtiges, dann aber wieder großartig Stolzes liegt in der Haltung Juhnkes. Er hat sie niemals aufgegeben; jedenfalls nicht, ehe der Alkohol die endgültige Regie übernahm und ihn zu den bekannten Eskapaden erniedrigte, die man ihm nicht zurechnen möchte. Es ist die Haltung eines Edelmanns des Volkes. Es gibt diese fast ausgestorbene, in Berlin aber einstmals häufig vertretene Spezies; wie bei den Hofleuten des achtzehnten Jahrhunderts ist hier, aber nun am unteren Rand der Gesellschaft, der Mensch ganz gesellige Oberfläche geworden, alles ist Witz, Reaktionsschnelligkeit, Zugewandtheit.Man vergegenwärtige sich nur Juhnkes Körpersprache: der Gang ein wenig gockelnd zum Zeichen des Stolzes; dann die eigentümlich lockeren, fast manierierten Bewegungen, Gesten höfischer Geschmeidigkeit, der ganze Mann eine Stoffpuppe mit weichen Gliedern; schließlich das fortgesetzte Zwinkern, stete Neigen des Kopfes in alle Richtungen zur Andeutung jederzeitigen Gesprächswillens. Alles zeigt eine Kommunikationsbereitschaft gewissermaßen im Alarmzustand; nichts ist mürrisch in sich versunken. Es ist klar, daß man bei so viel Zugewandtheit nach außen sich selbst leicht abhanden kommen kann; denn dies sind nur die Basisgesten, die Juhnke immer zeigt; darüber legen sich erst die zweiten, durch eine Rolle aktuell gebotenen. Der Schwer- und Mittelpunkt liegt gar nicht mehr in der Person selbst, er liegt außerhalb wie bei einer Marionette, deren Fäden die Gesellschaft oder Öffentlichkeit führt. In dieser Theaterfalle, die seine Lebensfalle ist, zappelt Juhnke mit den anmutigsten Bewegungen; das ist das eigentliche Schauspiel, das soviel Anteilnahme, Schrecken und Rührung auslöst.Mit einer "Verrücktheit", von der er selbst manchmal spricht, hat das alles nichts zu tun; übrigens auch nichts mit einer Doppelnatur. Daß er einerseits trinkt und Proben, Auftritte, Drehtermine platzen läßt, andererseits ein überaus pflichtbewußter Schauspieler ist, wenn er sie nicht platzen läßt, ist kein Widerspruch. Vielmehr spricht aus Pflichterfüllung und Trunksucht die gleiche gutmütige, außengelenkte Willensschwäche. Wenn er aus der Pflicht ausbricht, dann delegiert er seinen Willen gleichsam an den Alkohol, der für ihn möglich macht, was er selbst nicht schafft: sich zu widersetzen.Brillante Mogeleien Er widersetzt sich übrigens auch nicht den Rollen, die ihm Theater, Film oder Showgewerbe diktieren; darum ist er im letzten kein großer Schauspieler oder Entertainer wie jene, die umgekehrt der Rolle ihren Charakter gebieterisch aufzwingen. Juhnke bleibt als Juhnke nur insofern immer erhalten, als er in dem locker übergeworfenen Kostüm der Rollengesten immer erkennbar noch seine eigenen zappeligen Privatgesten vollführt, die aber keinem eigentlichen Privatwillen entspringen, sondern dem Wunsch, sich mit der gesellschaftlichen Umgebung, dem Publikum gutzustellen. Juhnke kokettiert immer auch mit den Zuschauern, er zwinkert ihnen buchstäblich ständig zu.Es ist fast ein nervöser Tick; aber er funktioniert wunderbarerweise. Die Zuschauer zwinkern zurück. Sie wissen, daß Harald Juhnke in Wahrheit kein Schauspieler fremder Rollen ist, er ist der Schauspieler seiner selbst, und das eigentliche Stück, das wir mit Spannung, Verzweiflung und euphorischer Genugtuung verfolgen, ist sein Leben. Es ist, anders als bei anderen Stars, nicht glanzvoller als unser eigenes; in der Glamourwelt der Shows, der Filme und Theater bleibt er in Wahrheit, und nicht nur heimlich, sondern für jeden erkennbar, einsam, verloren und unsicher. Nur eine gewisse Frechheit, charmante Hochstapelei, eine nonchalante Selbstermächtigung bringt ihn über die Runden; im Grunde sind seine Auftritte halsbrecherische Improvisationen.In diesen Improvisationen ist er allerdings ganz bei sich selbst und wiederum kein Schauspieler; sie sind sein Traum von Glück, wie er selbst einmal bekannte. Sich aus einer verzwickten, hochnotpeinlichen Situation durch bloßes Reden hinauszumogeln sei das, was er sich unter einem Triumph vorstelle; und an solchen Situationen wird in seinem Leben kein Mangel geherrscht haben. Man muß das nicht eigens unterstellen, man muß auch nicht sein weitgehend veröffentlichtes Privatleben daraufhin absuchen, denn jeder seiner Auftritte als Künstler hat die Eigenschaft einer solchen brillanten Mogelei. Daß er darauf so stolz ist, zeigt ihn übrigens abermals als höfischen Charakter des Volkes. Es ist jener seltsam aristokratische, taugenichtshafte Berliner Stolz, der nicht auf der Tüchtigkeit schweigsam geleisteter Arbeit beruht, sondern auf Witz, Beredsamkeit und Haltung, mit denen man auch ohne solche Arbeit über die Runden kommt, jedenfalls trotz großer Probleme das zuwege bringt, was die Italiener eine "bella figura" nennen.Es ist, was Juhnke betreibt, nicht die reine Schauspielkunst von Kino und Theater, es ist die angewandte Schauspielkunst des Alltags. Er ist kein professioneller Star, der immer wieder in den Suff abstürzt, sich also eine unprofessionelle Blöße gibt. Er ist ein Trinker, der immer wieder als Star auftritt und dies wider alle Erwartung hinbekommt: wider unsere bebende, mit dem Schrecklichsten schon rechnende Erwartung. Zwar geht nicht alles immer völlig glatt, er wankt und schwankt und wackelt (nicht nur mit dem Kopf) in jeder Rolle, er eiert, wie der Berliner sagen würde, nämlich wie ein unrundes Rad, aber am Ende hat er s doch geschafft, nicht nur zu seinem, sondern auch unserem Triumph.Selbst die Tränen, die ihm aus Rührung über sich selbst gelegentlich unkontrolliert in die Augen steigen (wie anläßlich einer ersten gesamtdeutschen Schlager-Fernsehshow nach der Wende), sind in gewisser Hinsicht auch unsere Tränen. Es ist wie in den Alpträumen, die jeder von uns kennt und in denen wir plötzlich ohne jede Rollenkenntnis auf einer Bühne stehen; aber anders als in unserem Traum, der meist ohne die gefürchtete Enttarnung abbricht, geht die Show mit Juhnke auf der Bühne weiter; jedoch abermals ohne Enttarnung! Die Wirklichkeit, das lehrt Juhnke, ist besser als unsere Alpträume.Das macht wahrscheinlich den beseligenden Kern seines stellvertretenden Lebens aus. Es kann zwar schlimm kommen, wie seine Trinkerei zeigt; es kann sogar noch etwas schlimmer kommen, als man befürchtet; aber am Ende geht es doch gut aus. Es ist ein wenig, als sei Juhnke zu unser aller Trost auf die Erde geschickt worden; als ein Bote himmlischer Barmherzigkeit, ein Star der göttlichen Gnade, der leiden muß, damit sie sich erweist.
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