Es ist der 1. November 2000, ein kalter Mittwochabend. Dirk Hannemann, 30 Jahre alt und Mittelfeldspieler des Oberligisten 1. FC Magdeburg, steht im Ernst-Grube-Stadion einsam am Elfmeterpunkt. Vor ihm im Tor des FC Bayern München der berühmte Oliver Kahn, später auch ehrfürchtig Titan genannt. Hinter dem Schützen und überall im weiten Rund die Hoffnung der 26.000 Fans auf eine Sensation. Hannemann trifft eiskalt und löst Ekstase aus. Die Amateure haben die schier übermächtigen Profis aus dem DFB-Pokal geworfen.
26 Jahre nach diesem historischen Ereignis für den Magdeburger Fußball treffen beide Vereine im DFB-Pokal erneut aufeinander. Der 1. FC Magdeburg ist mittlerweile Zweitligist, der FC Bayern noch immer Rekordmeister und auch diesmal großer Favorit.
Rund 10.000 Fans reisen aus Magdeburg nach München
Das Duell löst in der Elbestadt riesige Emotionen aus und sorgt für viele Erinnerungen. Am Mittwoch wird Ausnahmezustand unter dem Anhang der Blau-Weißen herrschen. Rund 10.000 Fans machen sich auf den Weg nach Bayern – per Bahn, Bus oder Pkw, der Rest verfolgt die Partie ab 20.45 Uhr vor dem Fernseher.
Nach dem jüngsten 6:1-Sieg in der Liga gegen den Karlsruher SC ist die Hoffnung gewachsen, vielleicht eine Überraschung vor den 75.000 Zuschauern in der Allianz-Arena zu schaffen. Die FCM-Fans skandierten jedenfalls schon mal ausgelassen „Auswärtssieg“! Ist das etwa Größenwahn oder nur das „Pfeifen im Walde“?
Ein Blick in die lange und erfolgreiche Pokal-Geschichte der Magdeburger zeigt aber, dass durchaus vorsichtiger Optimismus angebracht ist, weil der Klub schon viele Pokalhelden hervorgebracht hat. Um sie alle aufzuzählen, reicht der Platz dieser Kolumne nicht aus.
In jedem Jahrzehnt seit den 1960er-Jahren zeigte der 1. FCM dabei, dass er immer wieder eine typische Pokalmannschaft stellen konnte, die den Großen der Branche Paroli bot.
Siebenmal im Finale, siebenmal gewinnt der FCM
In den 1970er-Jahren erreichte die Mannschaft um Kapitän Manfred Zapf, die 1974 sensationell den Europapokal der Pokalsieger gewann, Heldenstatus für die Ewigkeit. Viele aus diesem Team, die meisten sind weit über 70 oder auch schon über 80 Jahre alt, gehören nun mit zum Tross der Blau-Weißen nach München.
Ein Bus des Klubs bringt einige der Protagonisten von einst zusammen mit ihren Familien zum Pokalduell. Im Mai 1974 bezwangen die längst ergrauten Oldies im Finale die große Mannschaft vom AC Mailand mit Trainer-Legende Giovanni Trapattoni mit 2:0. Es blieb der einzige Sieg einer DDR-Mannschaft in einem der Europacup-Wettbewerbe.
Mit dabei sein werden in München voraussichtlich Flügelspieler Martin Hoffman, Mittelfeldmann Axel Tyll und natürlich die FCM-Legende Wolfgang „Paule“ Seguin. Wie kaum ein zweiter Spieler steht Seguin für die Tatsache, dass der 1. FC Magdeburg schon immer eine kampf- und nervenstarke Pokalmannschaft war. Zu DDR-Zeiten holte man siebenmal den FDGB-Pokal, bei sechs Erfolgen war Seguin dabei und oft ein entscheidender Mann.
In Richtung der Gegner sagte er einst: „Lasst uns nicht ins Endspiel kommen, denn dann gewinnen wir!“ Alle sieben Finals im FDGB-Pokal, die der 1. FCM einst erreichte, samt dem EC-Endspiel in Rotterdam gegen Mailand, verließen die Magdeburger als Sieger! Eine Wahnsinnsleistung!
Vor dem Duell am Mittwoch gegen die Bayern kommt man natürlich nicht an der eingangs beschriebenen Sensation aus dem November 2000 vorbei, als der damalige Viertligist den FC Bayern im Elfmeterschießen mit 4:2 aus dem Wettbewerb kegelte.
Nach 120 Minuten hatte es 1:1 gestanden. Zwei Magdeburger Spieler standen dabei in einer Truppe, die über sich hinauswuchs, im Mittelpunkt: Torhüter Miroslav Dreszer und der letzte und entscheidende Elfmeterschütze Dirk Hannemann.
Die Anzeigetafel hält die Sensation des 1. FC Magdeburg gegen den FC Bayern München im November 2000 in Zahlen fest.
© Contrast/Imago
Der polnische Keeper parierte in Weltklasse-Manier die beiden Strafstöße von Jens Jeremies und von Giovane Elber, während auf der anderen Seite die Oberliga-Kicker Bodo Schmidt, Josef Ivanovic, Andreas Golombek und schließlich Hannemann ihre „Elfer“ knallhart versenkten.
Dirk Hannemann (heute 56 Jahre alt) erinnert sich: „Wir hatten eine starke Mannschaft, zu gut für die Oberliga, und wir zeigten gegen Bayern ein Klassespiel.“ Dass ihm mit Kahn ein Top-Torhüter gegenüberstand, interessierte ihn damals überhaupt nicht. „Ich war selbstbewusst und hatte mit links einen harten und platzierten Schuss. Kahn flog in die falsche Ecke!“
Erst im Viertelfinale scheitert der FCM an Schalke 04
Der Triumph über die Bayern war der Höhepunkt des Magdeburger Siegeszuges im DFB-Pokal 2000/2001. Nach Erfolgen gegen den 1. FC Köln (5:2), den Karlsruher SC (5:3 n. V.) kam das Aus erst im Viertelfinale gegen den späteren Pokalsieger Schalke 04 (0:1).
Nach dieser Spielzeit stieg der FCM übrigens mit einem Torverhältnis von 120:30 (!) in die Regionalliga auf, Bayern München wurde Meister und gewann die Champions League. Im Endspiel besiegte Bayern den FC Valencia mit 5:3 nach Elfmeterschießen und Oliver Kahn parierte drei Strafstöße!
FCM-Pokalheld Dirk Hannemann aber ist noch immer mit dem Fußball verbunden und trainiert seit vielen Jahren den Verbandsligisten Fortuna Magdeburg. Auch er ist in München beim Magdeburger „Spiel des Jahres“ in der Allianz-Arena dabei. Manchmal wiederholt sich ja Geschichte.
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