Mit Paul Krugman wird einer der streitbarsten Ökonomen aus den USA ausgezeichnet

Nobelpreis für prominenten Bush-Kritiker

Sebastian Wolff
4 Min

BERLIN. Böse Zungen werden behaupten, dass die Entscheidung der Schwedischen Akademie der Wissenschaften, in diesem Jahr den US-Ökonomen Paul Krugman mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften zu ehren, in Wahrheit eine Breitseite gegen George W. Bush ist. Denn Krugman gilt als einer der prominentesten Kritiker des scheidenden US-Präsidenten.Nicht nur deshalb ist Krugman einer der bekanntesten lebenden Ökonomen. Und das ist für jemanden, der den Wirtschaftsnobelpreis erhält, durchaus ungewöhnlich. Denn von Ausnahmen abgesehen, hat die Schwedische Akademie in den letzten Jahren meist Wissenschaftler ausgezeichnet, die zwar innerhalb ihrer Zunft als Koryphäe gelten, von denen das breite Publikum aber noch nie etwas gehört hatte. Und noch eines unterscheidet Krugman von den meisten seiner Vorgänger: sein Lebensalter. Während häufig Ökonomen mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurden, deren herausragende Forschungsergebnisse schon viele Jahre zurücklagen, ist Krugman gerade einmal 55 Jahre alt. Er ist also sozusagen noch in den besten Ökonomen-Jahren.Kritik an GreenspanVielleicht ist die Akademie diesmal von ihrer Tradition abgewichen, um in Zeiten der schlimmsten Finanzkrise, die seit Jahrzehnten auf diesem Globus wütet, mit einem prominenten Namen ein Zeichen zu setzen. Und Krugman hat nicht nur einen großen Namen, er nimmt auch öffentlich kein Blatt vor den Mund, wenn es etwa darum geht, falsche Entwicklungen anzuprangern - so wie es seiner Ansicht nach exemplarisch in der Ära Bush geschehen ist.In seinem vor wenigen Monaten erschienenen Buch "Nach Bush" lässt er denn auch kein gutes Haar an der Bush-Administration - was deren wirtschaftspolitische Bilanz angeht: Die Kluft zwischen Arm und Reich sei enorm gewachsen. Trotz gestiegener Wirtschaftsleistung und explodierender Unternehmensgewinne gehe es dem Durchschnittsamerikaner heute schlechter als zuvor. Sein "Bush-Bashing" ("Abwatschen") setzt Krugman übrigens regelmäßig in einer wöchentlichen Kolumne für die Zeitung New York Times fort.Doch der Präsident ist nicht der einzige, den Krugman schonungslos kritisiert. Für die Finanzkrise ist seiner Ansicht nach ein anderer maßgeblich verantwortlich: der langjährige Chef der US-Notenbank Alan Greenspan. Der habe nämlich mit seiner Politik des billigen Geldes zwei Blasen produziert - erst die Internet-Blase und dann die Immobilienblase, die bekanntlich Ursache der aktuellen Krise ist. Das lebende Denkmal Greenspan - es beginnt zu wanken. Und Krugman war vielleicht einer der ersten, der daran rüttelte.Zufall war es nicht, dass Bush und der Republikaner-Freund Greenspan die Hauptzielscheiben von Krugmans Kritik sind. Schließlich war er Wahlkampfberater des demokratischen Präsidenten Bill Clinton. Doch in eine politische Ecke lässt sich Krugman nicht drängen: Immerhin vertraute auch der republikanische Präsident Ronald Reagan eine Zeit lang der Expertise Krugmans in Wirtschaftsfragen.Lob aus DeutschlandOffiziell erhält Krugman den Nobelpreis übrigens für seine Arbeit auf dem Feld der "Neuen Ökonomischen Geographie". Seine Theorien hätten dazu beigetragen, besser zu verstehen, warum einige Länder den internationalen Handel dominierten. So erklärte Krugman, warum diese Länder zum Beispiel Autos gleichzeitig exportieren und importieren. Diese Art des Handels erlaubt seiner Ansicht nach Spezialisierung und Massenfertigung, was letztlich zu niedrigeren Preisen und größerer Vielfalt der Produkte führe."Krugman ist sicher einer der begabtesten und sprachgewaltigsten Ökonomen, die wir weltweit haben", sagte der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin), Klaus Zimmermann, als Reaktion auf den Nobelpreis für Krugman - auch wenn der Wirtschaftsnobelpreis streng genommen gar keiner ist: Alfred Nobel verachtete nämlich die Wirtschaftswissenschaften. Der Preis wird erst seit 1969 verliehen.------------------------------Viele Preisträger stammen aus den USADer Nobelpreis für Wirtschaft wurde erstmals 1969 verliehen. Die Preisträger in den letzten zehn Jahren waren:1998: Amartya Sen, Indien1999: Robert A. Mundell, Kanada2000: James J. Heckman, USA; Daniel L. McFadden, USA2001: George A. Akerlof, USA; A. Michael Spence, USA;Joseph E. Stiglitz, USA2002: Daniel Kahneman, USA/Israel; Vernon L. Smith, USA2003: Robert F. Engle, USA; Clive W. J. Granger, Großbritannien2004: Finn E. Kydland, Norwegen; Edward C. Prescott, USA2005: Robert Aumann, USA; Thomas Schelling, USA2006: Edmund S. Phelps, USA2007: Leonid Hurwicz, Eric Maskin and Roger Myerson, alle USA2008: Paul Krugman, USA------------------------------Foto: Der US-Ökonom Paul Krugman erhält den Wirtschaftsnobelpreis.

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