Mithilfe neuer Software und schneller Datenübermittlung wollen Meteorologen frühzeitig auf Unwetter hinweisen

Gewitterwarnung per SMS

Ute Kehse
6 Min

Der Sturm kam mit Zelle 17. Die verhängnisvolle Gewitterzelle, ein Luftwirbel mit aufsteigender Luft im Zentrum und starken abwärts gerichteten Winden in der Umgebung entstand am Abend des 10. Juli bei Luckenwalde und zog dann mit 50 bis 60 Kilometer pro Stunde zunächst auf Potsdam zu. Gegen 20.20 Uhr traf sie dort ein, schwenkte leicht nach Osten ab und wanderte über den Wannsee. "Über der glatten Wasserfläche gewannen die Böen noch an Kraft", sagt Peter Winkler, Meteorologe beim Deutschen Wetterdienst (DWD). Das sei ein Grund dafür gewesen, dass Berlin an jenem Mittwoch von solch heftigen Windstößen heimgesucht wurde.In Zukunft sollen sowohl die Feuerwehr als auch die Bevölkerung sich besser auf Unwetter wie dieses vorbereiten können. Der private Wetterdienst "meteomedia" von Jörg Kachelmann will demnächst mithilfe eines ausgeklügelten Programms Warnmeldungen per Fax, E-Mail oder SMS verschicken. Der Deutsche Wetterdienst hat überdies ein System entwickelt, mit dem Katastrophenschutzdienste besser auf Schlechtwetterlagen vorbereitet werden sollen.Das Regenradar des Deutschen Wetterdienstes auf dem Berliner Flughafen Tempelhof registriert Unwetter, die sich im Umkreis von hundert Kilometern aufbauen. Regentropfen in der Luft reflektieren die Radarstrahlen. Aus der Stärke des Echos lässt sich errechnen, wie viel flüssiges Wasser in der Atmosphäre ist, ob starke Aufwinde herrschen und ob möglicherweise Hagel droht. Das Radar, eines von 16 in der gesamten Bundesrepublik, durchleuchtet alle fünfzehn Minuten die gesamte Atmosphäre bis in eine Höhe von zwölf Kilometern, in Bodennähe sogar alle fünf Minuten. Die Rohdaten sind freilich nur für Experten verständlich. Doch bald können sich Berufsfeuerwehren und Katastrophendienste selbst ein Bild von der Gefährlichkeit herannahender Unwetter machen. Am Meteorologischen Observatorium Hohenpeißenberg des Deutschen Wetterdienstes wurde das System "Konrad" entwickelt, in dem die Rohdaten des Regenradars in einigermaßen leicht verständliche Symbole übersetzt werden. Die Idee: Wird das Computerprogramm "Konrad" auf einem PC bei der Feuerwehr installiert, können alle fünf Minuten aktuelle Bilder per Datenleitung oder aus dem Internet übermittelt werden. Geschulte Feuerwehrleute sind dann selbst in der Lage, die Situation einzuschätzen und zu entscheiden, wo Freiluftveranstaltungen abgebrochen oder Zeltplätze geräumt werden müssen, oder ob Kollegen aus der Bereitschaft zu Hilfe gerufen werden sollten. Auf den ersten Blick sieht die Darstellung von Konrad etwas verwirrend aus. Doch mit einiger Übung kann man erkennen, in welche Richtung die Zellen ziehen und wie gefährlich sie sind. In München, wo die Feuerwehr das Programm seit dem letzten Sommer testet, wurden auf Grund von Konrad-Daten schon Veranstaltungen des "Tollwood"-Festivals abgesagt. Von der nächsten Woche an will auch die Berliner Feuerwehr das Programm installieren, um in Zukunft besser vorbereitet zu sein."Konrad ist noch nicht vollkommen", gesteht Peter Winkler ein. Bislang kann für Hagelschlag zum Beispiel nur eine Wahrscheinlichkeit angegeben werden. Der Wissenschaftler hofft, dass Konrad auch die Forschung beflügelt: "Bislang hat sich doch niemand mit so kleinräumigen Wetterphänomenen befasst. Jetzt kann man genau die Zugrichtungen der Zellen verfolgen und sehen, wie sie durch einen See oder Berg abgelenkt werden."Das Problem bei Sommergewittern ist, dass die Gewitterzellen nur wenige Kilometer groß sind und sich in kürzester Zeit aufbauen. Binnen einer halben Stunde kann der Wind von einer sanften Brise auf Orkanstärke anschwellen. Während in einem Ort Hagelkörner von Tischtennisballgröße Gewächshäuser zerschlagen, kommt zehn Kilometer weiter vielleicht nur Regen herunter. Die Vorhersagegenauigkeit soll sich mit Konrad ändern. Doch eine gewisse Unwägbarkeit bleibt: Die Zugbahnen der Gewitterzellen folgen zwar generell der Luftströmung in der hohen Atmosphäre. Aber manchmal schwenken sie auch plötzlich ab und ziehen über einen See statt über ein bewaldetes Gebiet. Auch am 10. Juli änderte sich die Zugrichtung des Gewitters auf unvorhersehbare Weise. Um 20.20 Uhr sagte Konrad voraus, dass Zelle 17 von Potsdam nach Nauen ziehen würde. Tatsächlich aber zog das Gewitter nach Osten und dort über das Berliner Stadtgebiet hinweg. Das chaotische Verhalten der Atmosphäre macht die Wettervorhersage zu einem undankbaren Geschäft, klagt Gerhard Lux, DWD-Pressesprecher. Trotzdem habe sich in den letzten 25 Jahren die Qualität der Prognosen enorm verbessert. Lux: "Statt 76 Prozent Trefferquote für das Wetter der nächsten 24 Stunden liegen wir nun bei 90 Prozent." Doch selbst wenn die Feuerwehr Bescheid weiß, erreicht die Warnung nicht unbedingt jeden Bürger. "Solche Unwetter sind oft nicht nur eine Naturkatastrophe, sondern zudem auch eine Informationskatastrophe", sagt Ulrich Meissen, Ingenieur am Berliner Fraunhofer-Institut für Software und Systemtechnik. Meissen hat den verheerenden Orkan "Lothar" im Januar 2000 in Süddeutschland miterlebt. "Die Information, dass ein Sturm im Anzug ist, lag damals rechtzeitig vor, aber sie hat die Menschen nicht erreicht." Meissen entwickelte daraufhin eine Software namens "Wind" (Weather Information on Demand), die Wetter- und insbesondere Unwetterinformationen wahlweise per SMS, E-Mail oder Fax verschickt. Seit Anfang Mai wird das Programm von der Versicherungskammer Bayern bei 3 000 Kunden erprobt. Die Benutzer können selbst entscheiden, welche Informationen sie wann über welches Medium erhalten möchten. Die Wetterdaten kommen von "meteomedia", dem privaten Wetterdienst von Jörg Kachelmann. Nicht nur aus Konkurrenzgründen warnt DWD-Sprecher Gerhard Lux allerdings vor zu vielen Warnungen: "Wenn widersprüchliche Wetterwarnungen aus unterschiedlichen Quellen umherschwirren, ist das Chaos programmiert."Informationen im Internet zur Unwetterwarnung und WIND:www.dwd.de/de/WundK/Warnungen/www.wetter.com/home/www.informationslogistik.org/weatherUnwetter unterwegs // Die Kartendarstellung des "Konrad"-Systems des Deutschen Wetterdienstes zeigt zwei Etappen auf dem Weg des verheerenden Unwetters am 10. Juli in Richtung Berlin. Grundlage für die Karten sind Radardaten, die Konrad in Symbole umsetzt. Die linke Karte zeigt die Lage um 19. 55 Uhr. Die Gewitterzelle 17 liegt südlich von Ludwigsfelde. Sie hat das zweitstärkste Stadium "rot" auf der Konrad-Unwetterskala erreicht. Die drei kleinen Dreiecke daneben symbolisieren starken Hagel und Windböen. Der schwarz schraffierte Kreis "+ 30" bei Potsdam besagt, dass Zelle 17 in einer halben Stunde dort erwartet wird. Die Zelle ragt etwas aus einer Gewitterfront heraus, die westlich von Berlin liegt und nach Norden zieht. In der Front liegen noch weitere rote und etwas schwächere gelbe Zellen (ringförmige Kreise), die Starkregen (blaue Flächen), Hagel und heftige Böen mit sich bringen können. Hellviolette Flächen stehen für schwächeren Regen.Die rechte Karte zeigt die Lage um 20. 20 Uhr. Die rote Zelle 17 ist nach Norden gezogen, hat Berlin erreicht und richtet dort schwere Verwüstungen an.Foto: BERLINER ZEITUNG/GERD ENGELSMANN Das Unwetter vom 10. Juli hatte im "Konrad"-System die zweithöchste Stufe "rot". Am Donnerstag zeigte Konrad südlich von Berlin zunächst Gewitter der gleichen Stufe an, die aber später an der Stadt vorbeiziehen sollten.

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