In Berlin sollen jetzt erstmals auf dem Dach eines neuen Wohnhochhauses größere Windräder zur Energieerzeugung installiert werden. Die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft Howoge will in einem Pilotprojekt an der Frankfurter Allee 218 in Lichtenberg auf einem 64 Meter hohen Neubau vier Windräder errichten. „Der Bauantrag für die Anlage wurde am 20. August 2021 eingereicht“, sagt Howoge-Geschäftsführer Ulrich Schiller. Doch die Realisierung ist nicht so einfach. Die Versagung der Baugenehmigung sei „in Aussicht gestellt“ worden, sagt Schiller. „Wir werden hier noch Überzeugungsarbeit leisten müssen, aber wir geben nicht auf.“ Der RBB hatte zuerst darüber berichtet.
Die Windräder sollen über je einen Rotor mit drei Blättern verfügen und an den vier Ecken auf dem Dach des Gebäudes installiert werden. „Sie reichen nicht über das Gebäude hinaus“, sagt Schiller. „Die Statik des Daches haben wir so ausgelegt, dass der Bau von vier bis zu 25 Meter hohen Windrädern möglich ist.“ Die Fundamente für die Windräder seien bereits gegossen. „Die Kleinwindanlagen sind Teil der Gebäudetechnik und in ihrer städtebaulichen Wirkung vergleichbar mit Masten oder Antennen“, so Schiller. Die Windräder sollen einen Jahresenergieertrag von rund 120.000 Kilowattstunden erbringen – genug, um 80 bis 100 Einpersonenhaushalte mit Strom zu versorgen. Neben den Windrädern will die Howoge auf dem Gebäude eine Photovoltaikanlage errichten, die Sonnenlicht in Strom umwandelt.
In dem 22-geschossigen Gebäude entstehen 394 Wohnungen und Gewerbeflächen. Jede zweite Wohnung wird dabei mit Förderung des Landes Berlin errichtet. Diese Unterkünfte stehen den Mietern als Sozialwohnungen mit einer Einstiegsmiete ab 6,50 Euro je Quadratmeter kalt zur Verfügung. Die Fertigstellung ist laut Howoge für den Sommer dieses Jahres geplant.
Bezirk äußert sich nicht, Senat zeigt Wohlwollen
Der Bezirk äußerte sich bis zum Redaktionsschluss nicht dazu, welche Gründe aus seiner Sicht gegebenenfalls gegen den Bau von Windrädern auf dem Wohnhochhaus sprechen. Die Howoge verweist darauf, dass sie im Zuge der Planungen unterschiedliche Gutachten erstellt hat. „Hinsichtlich des Schattenwurfs, der Schallemission sowie des Naturschutzes konnten keine schädlichen Einwirkungen auf die Umgebung festgestellt werden“, sagt Geschäftsführer Ulrich Schiller. Auch der Eisabwurf von den Rotorblättern sei geprüft worden. Wegen der kleinen Rotordurchmesser werde sich – im Gegensatz zu Großanlagen – aber bei den kleineren Rädern „kaum Eis bilden“. Aufgrund der Beschichtung der Blätter bilde sich Eisansatz „nur am stehenden Rotor bei entsprechender Wetterlage“, so Schiller. Komme dann Wind auf, laufe die Anlage infolge der geänderten Aerodynamik der Rotorblätter gar nicht erst an.
Auf Senatsebene werden die Windrad-Pläne mit Wohlwollen registriert. „Wir begrüßen die Überlegungen der Howoge zum Bau von Windkrafträdern auf dem Dach des Gebäudes Frankfurter Allee“, sagt Petra Rohland, Sprecherin von Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel (SPD). „Für die Energiewende brauchen wir innovative Ideen, um die Energieversorgung nachhaltig zu gestalten und kleine Windenergieanlagen im urbanen Umfeld könnten dazu beitragen.“ Ähnlich sieht man es im Haus von Umweltsenatorin Bettina Jarasch (Grüne). „Aus Klimaschutzsicht sind jegliche, also auch innovative Arten der Erzeugung von erneuerbaren Energien in Berlin zu begrüßen, die rechtlich möglich sind“, sagt Behördensprecher Jan Thomsen.
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Die Kosten für den per Windenergie hergestellten Strom sind über den Lebenszyklus der Anlage gesehen pro Kilowattstunde zwar noch fast doppelt so teuer wie bei einer Photovoltaikanlage. Eine Windkraftanlage erzeugt allerdings im Vergleich zur Photovoltaikanlage kontinuierlicher Energie – auch abends, nachts und im Winter. „Daher hat sie trotz der höheren Kosten ein gutes wirtschaftliches Potenzial“, sagt Howoge-Chef Schiller. Durch die kontinuierliche Energieerzeugung werde der Strom direkt im Haus verbraucht und müsse nicht eingespeist oder zwischengespeichert werden.
800 Fahrradstellplätze geplant
Das Wohnquartier an der Frankfurter Allee setzt in Sachen Nachhaltigkeit aber noch ganz andere Akzente. So ist die Erschließung laut Howoge „autofrei“ geplant. Vorgesehen sind lediglich zwei barrierefreie Parkplätze und zwei Elektroladeplätze für Carsharing-Fahrzeuge. Dafür soll es 800 Fahrradstellplätze sowie Mietangebote für Lastenfahrräder geben.
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