Stilfrage

Dieser Kleidertrend aus den 90er-Jahren ist zurück – doch ist er noch zeitgemäß?

Das Bandage Dress ist zurück. Was das Comeback des 90er-Jahre-Klassikers über unseren Zeitgeist aussagt.

5 Min
Cindy Crawford mit Richard Gere bei den Oscars 1993: Ihr Bandage Dress wurde zum ikonischen Red-Carpet-Moment der 90er-Jahre.

Cindy Crawford mit Richard Gere bei den Oscars 1993: Ihr Bandage Dress wurde zum ikonischen Red-Carpet-Moment der 90er-Jahre.

© Michael Ferguson/PHOTOlink/IMAGO

Es gibt Kleidungsstücke, die sofort Bilder im Kopf auslösen: rote Teppiche, Supermodels, Blitzlichtgewitter und ein Look, der keine Kompromisse macht.

Das Bandage Dress gehört zweifellos dazu. Seine eng anliegende Silhouette, die charakteristischen elastischen Stoffbahnen und der skulpturale Effekt machten es in den 90ern zum Inbegriff selbstbewusster Abendmode. Nachdem das Kleid in den Nuller- und frühen 2010er-Jahren seine zweite große Hochphase erlebte, steht es erneut im Fokus: Nun lebt das Bandage-Kleid wieder auf – doch wie passt es in den Zeitgeist?

Was die Faszination des Bandage Dress ausmacht

Seinen Namen verdankt das Bandage Dress seiner besonderen Konstruktion. Mehrere elastische Stoffstreifen werden so zusammengenäht, dass sie den Körper umschließen und eine fast modellierende Wirkung entfalten. Anders als bei einem klassischen Etuikleid entsteht die Form nicht allein durch den Schnitt, sondern durch Spannung, Struktur und die Anordnung der einzelnen Bahnen.

Das Ergebnis: eine klare, körpernahe Linie, die Taille, Hüfte und Oberkörper betont. Genau diese Mischung aus Präzision und Sinnlichkeit machte das Design so berühmt. Es ist ein Statement. Und gerade deshalb passt es erstaunlich gut in eine Zeit, in der die Mode wieder sichtlich mehr Lust auf Glamour und starke Silhouetten hat.

Victoria Beckham im September 2007 bei der Marc-Jacobs-Show in New York: Für den Fashion-Week-Auftritt wählte sie ein figurbetontes Bandage Dress von Hervé Léger.

Victoria Beckham im September 2007 bei der Marc-Jacobs-Show in New York: Für den Fashion-Week-Auftritt wählte sie ein figurbetontes Bandage Dress von Hervé Léger.

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Hervé Léger machte den Look weltberühmt

Untrennbar verbunden ist das Kleid mit dem französischen Designer Hervé Léger, der sein Modehaus 1985 gründete. Seine Entwürfe prägten die 90er-Jahre maßgeblich: Sie waren minimalistisch, aber keineswegs zurückhaltend. Statt opulenter Verzierungen setzte Léger auf den Körper als Mittelpunkt des Looks.

Zu den frühen Ikonen des Bandage-Kleids zählen Supermodels wie Naomi Campbell und Iman. Auch Cindy Crawford schrieb Modegeschichte, als sie 1993 bei den Oscars in einem weißen, bodenlangen Bandage-Kleid erschien. Der Look wurde zum Sinnbild einer neuen Red-Carpet-Ästhetik: elegant, klar und ausgesprochen selbstbewusst. Damit traf Hervé Léger den Nerv einer Ära, die weibliche Stärke und Sexyness nicht als Gegensatz verstand.

Mutter wie Tochter: Kaia Gerber zitiert 2024 mit ihrem weißen Bandage Dress von Hervé Léger den ikonischen Oscar-Look ihrer Mutter Cindy Crawford aus dem Jahr 1993.

Mutter wie Tochter: Kaia Gerber zitiert 2024 mit ihrem weißen Bandage Dress von Hervé Léger den ikonischen Oscar-Look ihrer Mutter Cindy Crawford aus dem Jahr 1993.

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Alaïa vs. Hervé Léger: Die Frage nach dem modischen Ursprung

Die Geschichte des Bandage Dress ist allerdings nicht frei von Diskussionen. Wenn es um figurbetonte, körperformende Mode geht, fällt neben Hervé Léger immer wieder ein weiterer Name: Azzedine Alaïa. Der tunesisch-französische Designer galt bereits vor dem weltweiten Erfolg des Bandage-Kleids als Meister der körpernahen Silhouette. Seine Entwürfe aus den 80ern formten den Körper mit Strick, Stretchmaterialien, raffinierten Schnitten und einer Präzision, die ihm den Beinamen „King of Cling“ einbrachte.

Hervé Peugnet, Gründer der Marke Hervé Léger, präsentiert im Januar 2013 seine gewohnt körpernahe Haute-Couture-Kollektion in seinem Pariser Showroom.

Hervé Peugnet, Gründer der Marke Hervé Léger, präsentiert im Januar 2013 seine gewohnt körpernahe Haute-Couture-Kollektion in seinem Pariser Showroom.

© IMAGO/PIX4U/BESTIMAGE

Hervé Peugnet, später bekannt als Hervé Léger, arbeitete in seiner frühen Karriere auch für Alaïa. Deshalb wurde in der Modewelt immer wieder diskutiert, wie stark Légers berühmtes Bandage Dress von Alaïas Ästhetik beeinflusst war. Eine direkte öffentliche Fehde oder ein spektakulärer Rechtsstreit sind zwar nicht überliefert, dennoch steht die Debatte beispielhaft für eine zentrale Frage der Modegeschichte: Wo endet Inspiration – und wo beginnt die Übernahme einer klar erkennbaren Handschrift?

Der Unterschied liegt vor allem in der Technik. Alaïa entwickelte seine körperbetonten Looks über Schnittkunst, Strick und eine fast architektonische Konstruktion. Hervé Léger dagegen machte die sichtbaren, elastischen Bänder selbst zum Designprinzip.

Seine Kleider wirkten wie eine textile Skulptur, die den Körper nicht nur umspielte, sondern optisch regelrecht „verband“. Während Alaïa den Körper in fließende, sinnliche Linien setzte, transponierte Léger die Idee der Bodycon-Mode in ein klar wiedererkennbares, kommerziell extrem erfolgreiches Konzept.

Warum das Bandage Dress 2026 wieder gefragt ist

In den 2000er-Jahren erlebte das Bandage Dress seinen Höhepunkt. Auf Partys, Premieren und Preisverleihungen war es kaum zu übersehen. Stars wie Rihanna oder Victoria Beckham setzten auf kurze, trägerlose Varianten in Metallic-Nuancen, Pastell oder kräftigen Farben. Dazu kamen High Heels, Statement-Schmuck und glamouröses Styling – das Bandage-Kleid wurde zur Uniform einer ganzen Red-Carpet-Generation.

Rihanna bei der Pre-Grammy-Party von Clive Davis im Beverly Hilton Hotel in Beverly Hills im Februar 2007 – in einem rosafarbenen Bandage Dress von Hervé Léger.

Rihanna bei der Pre-Grammy-Party von Clive Davis im Beverly Hilton Hotel in Beverly Hills im Februar 2007 – in einem rosafarbenen Bandage Dress von Hervé Léger.

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Ein Beispiel für die neue Lust auf den Klassiker lieferte Kaia Gerber bereits 2024: Bei einer Filmpremiere trug sie ein weißes Hervé-Léger-Kleid, das an den legendären Oscar-Look ihrer Mutter Cindy Crawford erinnerte. Das gegenwärtige Revival wird auch von der Marke selbst vorangetrieben: Zum 40. Jubiläum lancierte Hervé Léger während der New York Fashion Week im Februar dieses Jahres eine neue Kollektion mit dem Titel „Icons Reborn“. Sie richtet sich gezielt an eine neue Generation, die Vintage-Modelle über Secondhand-Plattformen entdeckt und den körpernahen Look mit Y2K-Nostalgie, Shapewear-Ästhetik und neuem Party-Glamour verbindet.

Darauf kommt es beim Bandage-Kleid heute an

Wichtig ist vor allem die richtige Passform. Ein gutes Bandage Dress soll Halt geben, ohne einzuengen. Es geht nicht darum, einem bestimmten Körperideal zu entsprechen, sondern darum, sich in einer klaren, körpernahen Silhouette stark zu fühlen. Denn genau darin lag schon immer die Faszination dieses Kleids: Es will gesehen werden.

Dennoch lässt sich nicht über die Wiederkehr des Bandage-Kleids reden, ohne auch den derzeitigen Trend zu schlanken Körpern zu erwähnen. Das Ozempic-Zeitalter lässt die Körper von sämtlichen Stars schrumpfen; die Models auf den Laufstegen sind schlanker denn je.

Klar, dass das Bandage-Kleid in diesem Zeitgeist auf fruchtbaren Boden trifft – ein Faktor, der dem Revival einen faden Beigeschmack verleiht. Und doch bietet es damals wie heute die Chance, sich als Frau stark und selbstbewusst im eigenen Körper zu inszenieren – unabhängig von der Kleidergröße.

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