Morgen beginnt die Berlinale

Jens Balzer
3 Min

In früheren Jahren war es ja immer folgendermaßen: Ab zirka zwei Wochen vor Beginn der Berlinale verbarrikadierte der Popredakteur sich in seinem Büro, stellte das Telefon auf Durchzug und hoffte, dass die Welt ihn vergisst. Leider vergebens. Zirka eine Woche vor Beginn der Berlinale klopfte es von draußen an der Tür. "Herr Balzer!" Die dunkle Stimme eines Entscheidungsträgers. "Herr Balzer, sind Sie da drin?" Klopf klopf. "Herr Balzer!" - "Ich bin nicht da." - "Herr Balzer, ich weiß dass Sie da drin sind." - "Ich bekomme gerade eine Grippe. Ich bin ansteckend!" - "Herr Balzer, auf der Berlinale gibt es einen Film mit den Rolling Stones. Dazu brauchen wir mindestens zwei Feuilletonaufmacher und einen 300-zeiligen Text für die Seite 3." - "Aber der Film ist total bescheuert." - "Das ist egal!" Kurze Stille. Dann wieder von draußen: "Madonna kommt auch!" - "Oh Gott!" - "Sie zeigt ihren neuen Film. Dazu brauchen wir ." - ". zwei Feuilletonaufmacher und eine Seite 3?" - "Bei Madonna reicht eine Seite 3." - "Aber der Film ist ." - ". das ist egal." - "Madonna spielt nicht mal selber mit. Es ist ein 80-minütiger Videofilm mit einem schnurrbärtigen Balkanpopsänger und einer bisexuellen Apothekenhilfe, die nach Afrika will." - "Herr Balzer! 300 Zeilen!"Heute möchte ich hier einmal die Gelegenheit nutzen, dem Leiter der Berlinale, Dieter Kosslick, ausdrücklich zu danken. Für das, was er getan hat. Vor allem aber für das, was er nun lässt. Morgen beginnen die 59. Internationalen Filmfestspiele Berlin, und es befindet sich kein einziger Musikfilm mehr in ihrem Programm. Der "Schwerpunkt" ist verschwunden. Es gibt ihn nicht mehr. Keine Rolling Stones. Keine Madonna. Auch George Michael kommt nicht nach Berlin. In diesem Jahr muss kein Popredakteur Angst haben. Das ist ein schönes Gefühl."Keine Rolling Stones dieses Jahr, was? Harr harr harr!" Da steht schon die Kinoredakteurin mit diabolischem Grinsen im Zimmer. "Ich hab was anderes für dich." Dieses diabolische Grinsen setzt sie nur in einem Fall auf: "Oh weh, oh wei!" - "Ah, du ahnst es schon!" - "Es gibt einen neuen Film von Theo Angelopoulos!" - "Genau, harr harr!" Aufgrund einer verlorenen Wette musste ich der Kinoredakteurin vor vielen Jahren versprechen, für den Rest meines beruflichen Lebens jeden neuen Angelopoulos-Film für sie zu übernehmen, und das auch noch ohne zu murren. Angelopoulos-Filme heißen zum Beispiel "Das Summen der Biene" oder "Das Schweigen des Imkers", dauern mindestens drei Stunden und beschäftigen sich mit schweigenden Menschen, die sich in allegorisch aufgeladenen Bildern unentwegt nassregnen lassen. Gewiss: In ihrer Mischung aus inhaltlicher Banalität und aufgebrezeltem Bildungsbürgersymbolismus sind Angelopoulos-Filme die kinematografische Entsprechung zu den Schallplatten von Sting. Aber muss da deswegen immer der Popredakteur hin? Auf der diesjährigen Berlinale präsentiert Theo Angelopoulos den zweiten Teil seiner "Trilogie des Schweigens": "Der Staub der Zeit". Wir sind gespannt, was aus diesem Staub im griechischen Dauerregen geworden ist.

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