Es gibt Menschen, die hielten das Ostgut für den besten Club der Welt. Das Schwulenmagazin Siegessäule schwärmt in seiner aktuellen Ausgabe vom "sowohl musikalisch als auch sexuell innovativsten Club" der Stadt. Gerade Schwule pilgerten aus aller Welt hierher, weil in der rohen Industrial-Atmosphäre, unter den dröhnenden Techno-Bässen, die einen in andere Gefilde des Bewusstseins schleuderten, kaum eine Begierde unerfüllt blieb. Doch war das Ostgut nie sexuell festgelegt. Allein in den legendären Snaxx-Nächten, die wohl in der Tat einzigartig waren, durften nur Männer ihre sexuellen Phantasien ohne jedes Limit ausleben.Als die Hallen am Ostbahnhof, zu dem noch die Panorama Bar sowie das Lab.oratory für Freunde der härteren Gangart gehörte, im Januar 2003 wegen der geplanten Riesenarena schließen musste, war die Trauer groß. Es gab einfach keinen Ersatz für diesen Tempel der Nacht mit seiner unvergleichlichen Mischung aus harter Sinnlichkeit, auf die Spitze getriebener Coolness und gemeinschaftlich zelebrierten Ritualen. Hier trafen sich Massen - oft mehrere Tausend -, aber die Massenkultur hatte nie eine Chance.Die Betreiber Norbert und Michael, die sich nie als Partykönige feiern ließen, wie der Teufel das Weihwasser jeden Pressekontakt scheuen und am Telefon nicht einmal ihre Nachnamen preisgeben wollen, erklärten vor zwei Jahren das definitive Ende des Ostguts. Seit einem Jahr jedoch kursierten Gerüchte über eine Renaissance. Irgendwo in Friedrichshain, hieß es. Nach einigem Geraune ist es jetzt tatsächlich soweit. Unter anderem Namen und in einem spektakulären Gebäude geht es morgen nacht wieder los, und wenn nicht alles täuscht, ist das neue Ostgut noch raffinierter, noch außergewöhnlicher als das alte und könnte dessen Erfolg übertreffen.Auf dem Gelände des ehemaligen Wriezener Bahnhofs wurde das alte Heizkraftwerk der Stalinallee zu einer Kathedrale der Nacht umgebaut. Berghain heißt der Club nun. Ob sich der Name mit seiner diffusen Anspielung auf deutsch-romantische Topoi einbürgern wird, ist allerdings fraglich. Für die meisten wird es einfach das neue Ostgut sein. Vor Wochen schon wurde im zweiten Obergeschoss die Panorama Bar wiedereröffnet, irgendwann in den nächsten Wochen wird es auch das Lab.oratory wieder geben. Der neoklassizistische Kubus von 1953/54, der mit Rustika-Sockel, kolossaler Lisenengliederung und großen Sprossenfenstern eher wie ein Volkspalast denn ein Industriebau aussieht, erfüllt sich nach jahrzehntelangem Leerstand mit neuem Leben. Ohne dass die Betreiber dies je zu ihrem Programm gemacht hätten, ist das Ostgut auch zum Ort der Kunst geworden. Die Programm-Flyer und Plakate waren stets Werke von eigenem ästhetischen Rang, zuweilen wurden sie von Künstlern wie Marc Brandenburg gestaltet. Der Berliner hängte hier auch als erster seine Schwarzweiß-Zeichnungen in einer der Bars auf. "Das Ostgut war der Traum eines jeden Eskapisten, ein Gefüge aus Freiheit, Ritualen und Regeln. Dieses Prinzip entspricht mir voll und ganz", so erklärt Brandenburg, warum er sich mit seiner Kunst hier so gut aufgehoben fühlte.Ein anderes Mal installierte der Dokumentarfilmer Charles Atlas eine Video-Apotheose für den Verkleidungsexzentriker Leigh Bowery, und der Fotograf Wolfgang Tillmans verewigte in einer ganzen Serie seine Liebe zum Ostgut. Jetzt im neuen Gebäude gehört Kunst von Beginn an zur festen Ausstattung. In der Panorama Bar durchdringen sich der rohe Turbinen-Charme, freiliegende Installationen und sparsam gesetzte Design-Akzente zu einem Stil, der Berlin einen eigenen Weg aus der Nachwende-Trash-Ästhetik und der übercoolen Lounge-Kultur weist.Zwei Tafeln von Tillmans ziehen alle Blicke auf sich. Es sind Riesenversionen seiner "Freischwimmer"-Bilder. Wie Wirbelstürme ziehen sich auf den Fotogrammen, die ohne Kamera in Direktbelichtung entstanden, feine blaue Linien über den weißen Grund. Umquert man die Bar mit ihrer Theke aus schwarzem Gummi, erblickt man unversehens eine zeitgenössische Version von Courbets "Origine du monde", die Tillmans ebenfalls beisteuerte. Eine nackte junge Frau, deren Antlitz abgeschnitten ist, räkelt sich dem Betrachter entgegen und präsentiert ihr Geschlechtsteil - eine unmissverständliche, dabei fast unschuldig vorgetragene Reminiszenz auf die aufgeladene Stimmung im Saal.Den größten Coup aber landete das neue Ostgut mit Piotr Nathan. Der Künstler aus Danzig, der in Hamburg bei Sigmar Polke studierte und schon lange in Berlin lebt, macht das Foyer mit einer monumentalen Installation zu einer Arena der vier Elemente, zu einem magischen Ort, wo sich die Urgewalten der Natur entladen, bevor die Besucher in die 18 Meter hohe Turbinenhallen des Berghain entschwinden, deren Geheimnis bislang noch streng gehütet wurde. Auch Nathan fasziniert das Rituelle im Ostgut. "Diese großen Parties waren für mich immer wie das Zeremoniell archaischer Urvölker. Eine Gemeinschaft versetzt sich mit Musik, Tanz und Sex in Rausch und Trance."Nathan näherte sich dieser Atmosphäre mit vier Reproduktionsgrafiken aus Reiseberichten des 19. Jahrhunderts: ein Ausbruch des Vesuvs, ein Sandsturm in der Wüste, ein Orkan vor der Küste Afrikas sowie eine Landschaft im Nordlicht. Der Künstler vergrößerte die Schwarzweiß-Bilder, die er in populärwissenschaftlichen Werken der Zeit um 1900 fand, auf die Dimensionen der 27 Meter langen und 5 Meter hohen Wand. Mit vier Helfern übertrug er in monatelanger Arbeit Quadrat für Quadrat der Linien auf 175 Alumuniumplatten. Die Umkehrung des maschinellen grafischen Reproduktionsprozesses ins Manuelle war Nathan wichtig. Wie auf einer übergroßen Fliesenwand entfaltet sich eine kosmologisches Bild von der Welt, auf dessen Programmatik sich der Künstler nicht festlegen will: "Jeder kann eine eigene Geschichte darin finden."Information unter www.ostgut.de------------------------------Hier trafen sich Massen, oft mehrere Tausend, aber die Massenkultur hatte nie eine Chance. ------------------------------Foto: Das Foyer des neuen Ostguts und "Die Rituale des Verschwindens", Piotr Nathans kosmologisches Wandbild.
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