Als ich meinen Eltern vor ein paar Wochen eröffnete, ich würde nun nach Berlin ziehen (und obendrein auch noch vegan werden), blickten sie, als sähen sie ihre Tochter schon zugedröhnt in einer Berliner Gasse liegen.
Einen Monat später stieg das wandelnde Klischee des behüteten Mädchens aus der idyllischen Landeshauptstadt des Söderlands in den Sprinter-ICE, um ihre Reise in die Hauptstadt anzutreten. Eigentlich ist es nur eine vierstündige Fahrt nach Berlin, aber wenn man aus der Dorfmetropole München stammt, ist das doch eine große Sache.
Angekommen in Berlin beziehe ich mein Zimmer in einer Altbauwohnung, die ich mir immer erträumt habe, und freue mich auf einen ausgiebigen Einkauf beim nächsten Lidl. Während in Bayern schon seit Stunden die Bürgersteige hochgeklappt sind, kann man hier zu meiner Freude bis um 22 Uhr seinen Snack-Gelüsten nachgehen. Zu meiner Enttäuschung ist der Supermarkt aber quasi schon leergefegt. Keine Avocado, kein Salat in Sicht. Letztendlich werden es Nudeln mit Pesto - als frischgebackene Veganerin darf man nicht allzu wählerisch sein.
Beim Einschlafen drängt sich mir der Lärm der Hauptstraße vor meinem Fenster auf. Daheim in München hörte man nur das Vogelzwitschern, kein Witz! Ich bin schon am Wegdämmern, da reißt mich ein Hupkonzert nochmal aus dem Halbschlaf.
Das Zweite, was mich an Berlin nervt, sind die weiten Wege. „Egal wohin man will, muss man mindestens eine Dreiviertelstunde einplanen“, wurde ich schon vorgewarnt. Umso erfreuter trat ich also meinen ersten Tag in der Arbeit an, zu der ich tatsächlich nur 30 Minuten brauche. Ich lese die Aufschrift auf der U-Bahn-Anzeige: „U8 Hermannstraße“.
Moment mal – U8? Ist das nicht die Linie, vor der man sogar bei uns im Süden großflächig gewarnt wird? Wo man die Luft anhalten soll und die Hose, mit der man auf dem Vierersitz saß, eigentlich sofort in den Müll schmeißen kann? Zögernd steige ich ein – doch weit und breit nur unbeteiligte Menschen auf dem Weg zur Arbeit. Berlin enttäuscht meine Vorurteile schneller, als München „Servus“ sagen kann.
Der Leopoldplatz hat neue Leuchten erhalten. Sie sollen das Sicherheitsgefühl erhöhen.
© Jürgen Ritter/imago
Als ich meinem Kollegen auf die Frage, wo ich denn jetzt wohne, antworte: „Im Wedding“, schnappt er dramatisch nach Luft. Viel Glück wünscht er mir – und ich solle doch mal über meine Erlebnisse im Wedding schreiben. Zugegeben: Der Leopoldplatz, auf dem ich am Samstag den Flohmarkt besuche, ist deutlich anders als seine Namensvetterin, die Leopoldstraße in München. Geschniegelt und gestriegelt ist hier nichts. Aber das ist halt Berlin, oder?
Abends fahre ich mit meinen neuen Freunden in eine Bar in Kreuzberg. In der U-Bahn tanzt auf einmal ein Mann mit Mikrofon durch den Gang und grölt ein Lied durch den Waggon. Das gibt’s bei uns nicht, ich finde es fast schon charmant berlinisch.
Die Reise geht an diesem Abend in den Bergmannkiez, von dem ich schon viel gehört habe. Wider Erwarten bekommen wir zu sechst sofort einen Platz und wir dürfen bei dem milden Wetter mit unserem Bier sogar draußen sitzen – und das nach 22 Uhr! Um diese Zeit kämpfen meine Freunde in der Maxvorstadt in München noch um Plätze in stickigen, kleinen Bars. Finden sie keinen, können sie gleich heimfahren. Ab 22 Uhr gibt es dort an den ohnehin rar gesäten Kiosks keinen Alkohol mehr. Hier beginnt die Nacht gerade erst.
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Mein Zwischenfazit nach einer Woche: Berlin ist (m)ein Kulturschock mit Altbaucharme. Die Straßen sind dreckiger, die Häuser kühler, die Menschen gelegentlich so skurril, dass man kurz prüft, ob man nicht doch träumt. Unbehagliches ist mir aber bisher nicht passiert. Aber ich wohne ja auch erst eine Woche hier – da ist noch Luft nach oben.
Sicher ist, dass meine Eltern mich wohl einen Moment länger prüfend beäugen werden und mich ein paar Sekunden länger drücken, wenn ich pünktlich zum Oktoberfest wieder nach Hause komme.
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