Nun wird wieder protestiert und gedroht, aber dahinter verbirgt sich nicht viel mehr als Ohnmacht und Ratlosigkeit. Weder UNO oder OSZE noch die EU oder das Internationale Kriegsverbrechertribunal haben die Macht, den serbischen Diktator Milosevic zur Rechenschaft zu ziehen oder von weiteren Greueltaten im Kosovo abzuhalten. Und weil sie dies nicht können, fehlt ihnen auch die Autorität, auf die albanische Befreiungsarmee UCK mildernd einzuwirken. Nach dem Massaker von Racak richten sich nun die Blicke auf die USA und die Nato. Sie hätten die Macht, Milosevic notfalls auch mit militärischen Mitteln zur Räson zu bringen. Solange sie aber nicht wissen, mit welchem Ziel sie eingreifen sollen, scheint Milosevic auch die Drohungen aus Washington und Brüssel nicht ernst zu nehmen.Im Gegenteil: Das Massaker im Dorf Racak am Wochenende, das die Serben nicht leugnen, sondern als notwendige Aktion im Kampf gegen den "UCK-Terrorismus" hinstellen, ist ein Zeichen dafür, daß Milosevic inzwischen das Stillhalteabkommen vom letzten Oktober als lästig empfindet. Damals hatte er unter dem Eindruck einiger Nato-Lufteinsätze am Himmel des Kosovo in den Rückzug seiner Polizeistreitkräfte und die Entsendung von OSZE-Kontrollmissionen eingewilligt. Der amerikanische Botschafter in Mazedonien, Chris Hill, sollte anstelle des Washingtoner Balkan-Troubleshooters Holbrooke eine diplomatische Lösung für den Konflikt finden. Hill ist, wie zu erwarten war, an der Unnachgiebigkeit beider Seiten, am Widerstand Belgrads und der UCK, gescheitert. Ebenso scheitern mußte die OSZE, die für ihre gefährlichen Missionen ihre Abgesandten dürfen sich nicht selbst verteidigen nur 700 statt der geplanten 2 000 Inspekteure fand. Beide Seiten benutzten die Waffenpause nur, um weiter aufzurüsten. Milosevic wird nun versuchen, die Zukunft des Kosovo auf seine Weise zu entscheiden mittels "ethnischer Säuberung", der im Bosnien-Konflikt 200 000 Menschen zum Opfer fallen mußten, bevor die Nato eingriff. Das Massaker von Racak ist also nur der Anfang. Milosevic wird die von der internationalen Völkergemeinschaft unterstützte Forderung nach Autonomie für den Kosovo, dem "heiligen Land" der Serben rund um das Amselfeld, niemals akzeptieren. Und die UCK ist über diese Forderung längst hinaus. Sie verlangt Unabhängigkeit. Milosevic hat nichts dagegen, die UCK weiter in diese extreme Position hineinzutreiben. Nicht zufällig ereignete sich Racak vor einem Gespräch zwischen dem gemäßigten Kosovo-Führer Rugova und dem UCK-Chef Demaci, von dem sich Washington als Vermittler ein gemeinsames Autonomie-Konzept der unter sich zerstrittenen Albaner erhofft. Die radikalen UCK-Anführer sehen offensichtlich keine andere Alternative mehr als den bewaffneten Kampf. Durch Waffennachschub, unter anderem auch aus Kroatien, sehen sie sich gerüstet.Damit ist der Nato das ursprüngliche politische Ziel, die Wiederherstellung der Autonomie, abhandengekommen. Ein anderes gibt es aber nicht, wenn die Nato nicht das Völkerrechtsverbot der Nichteinmischung und Krieg gegen Serbien oder noch schlimmer: Krieg gegen Serbien und UCK führen will. Milosevic kennt dieses Dilemma der Nato nur zu gut. Der Ausgang der Strafaktion "Wüstenfuchs" gegen den Irak, der politisch nichts gelöst hat, kann ihn in seiner Intransigenz nur bestärkt haben. Auch die beiden höchsten Nato-Offiziere werden ihn bei ihrem Besuch in Belgrad nicht beeindrucken, solange keine Bomben fallen. Kann der Westen noch wie Bismarck sagen, der Balkan sei nicht die Knochen eines einzigen preußischen Kürassiers wert? Müssen erst wie in Bosnien Hunderttausende sterben? Alle Forderungen nach einer politischen Lösung, nach neuer Autonomie oder einem internationalen Protektorat werden nichts helfen. Helfen könnte nur mit Zustimmung des Weltsicherheitsrates eine humanitäre friedensstiftende Militäraktion, welche die Kampfhähne trennt, notfalls mit Waffengewalt. Dafür wären allerdings mehr als die in Bosnien eingesetzten 30 000 Soldaten notwendig, und zwar für eine lange Zeit. Noch denkt niemand daran. Darauf zu hoffen, daß Milosevic sich übernimmt und scheitert, wäre aber gefährlich. Er kann vorher den gesamten Balkan in Brand setzen.
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