Unter dem Motto „Musik aus fernen Rundfunktagen“ will der Generalmusikdirektor der Staatsoper Unter den Linden, Christian Thielemann, „unser Blickfeld erweitern“, wie er am Mittwoch auf einer Pressekonferenz erklärte. Es soll die „stilistische Vielfalt“ gezeigt werden, von der die Berliner Musiklandschaft seit jeher gelebt habe. Ein Orchester wie die Staatskapelle könne, gerade weil es exzellent ist, jederzeit auch in die Unterhaltungsmusik einsteigen. Denn gerade die sogenannte leichte Musik, die auf dem Programm steht, klinge zwar eingänglich, sei aber ganz schön schwer zu spielen, so Thielemann.
Eine schlüssige Erklärung, warum ein Konzert mit Werken von Dimitri Schostakowitsch, Nico Dostal, Ernst Fischer und Eduard Künneke unter der Klammer „aus fernen Rundfunktagen“ zusammengefasst wird, konnte Thielemann allerdings nicht geben. Er beschwor zwar die vermeintlich glückliche Zeit, als die Frauen oder „das Personal“ beim Bügeln durch Rundfunkklänge abgelenkt worden seien, oder aber die heile Welt, da sich die Familien gemeinsam vor dem Radioapparat zusammenfanden. Berechtigterweise erinnert die Berliner Morgenpost jedoch an die Tatsache, dass die für Deutschland tätigen Komponisten „mehr als bloßes Mitläufertum“ mit den kulturellen Zielen der Nationalsozialisten aufzuweisen hatten.
Nico Dostal etwa schrieb 1933 eine Huldigungskomposition für Orchester mit dem Titel „Die kleine Hitler-Garde kommt“. Der Bayerische Rundfunk analysiert: „Werke jüdischer Komponisten wurden aus Radio-Programmen entfernt, jüdische und politisch oppositionelle Mitglieder von Rundfunk-Orchestern und Rundfunk-Chören mussten gehen.“ Statt Mendelssohn-Bartholdys ‚Sommernachtstraum‘ wurden „unsägliche Hitler-Hymen wie Schenkendorfs ‚Gott schütze unseren Führer‘“ gespielt. Auch schwarze Musiker konnten schon bald nicht mehr in den Jazz-Bands mitspielen. Der Rundfunk tanzte in diesen fernen Tagen nach Joseph Goebbels’ Pfeife.
Der Propagandaminister hatte bereits im März 1933 klargemacht, dass „die künftige Arbeit und Gestaltung des Deutschen Rundfunks“ der „geistigen Mobilmachung“ gewidmet sein müsse. Die systemtreuen Komponisten und Musiker profitierten unmittelbar von der Vertreibung ihrer jüdischen und schwarzen Kollegen. Christian Thielemann und Dramaturg Detlef Giese wollen vor und in den Konzerten am Samstag und am Sonntag einordnende Worte sprechen. Giese sagte beim Pressegespräch, er werde auch auf die kritischen Aspekte des offenkundig etwas arglos gewählten Mottos eingehen.
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