Musik ist nicht das erste, worüber man mit dem Geiger Götz Bernau (63) ins Gespräch kommen kann. Er erzählt gern mit stiller Begeisterung davon, wie er - als gebürtiger Braunschweiger - während der vergangenen Jahre die für ihn neuen Bundesländer im Osten Deutschlands entdeckte. Als er von Stralsund auf Greifswald zufuhr und dann von Norden aus die Stadtsilhouette mit den Türmen der drei Hauptkirchen sah, genauso wie Caspar David Friedrich diese Ansicht 1820 gemalt hatte, da ging Bernau das Herz auf. Überhaupt liebt er den Ostseeraum, liest Bücher über die Geschichte der Hanse, in der Weltoffenheit und bürgerlicher Gemeinsinn produktiv zusammenfanden. Für sein eigenes bürgerschaftliches Engagement wird Bernau heute im Roten Rathaus mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Zwar verleiht der Bundespräsident ihm diesen Orden, überreicht aber wird er durch Klaus Wowereit. Und auf den ist Bernau nicht gut zu sprechen. Berlins Regierender Bürgermeister nämlich hat im Frühjahr mit kalter Vehemenz den Berliner Symphonikern eine weitere Unterstützung durch den Senat verweigert. Bernau war 35 Jahre lang, von 1969 bis 2004, Erster Konzertmeister der Symphoniker. Als Künstler hat er sich, mit vielen Ur- und Erstaufführungen, besondere Verdienste um die Musik der Gegenwart erworben, Jugendarbeit in Paraguay geleistet und oft mit türkischen Musikern in Berlin zusammengearbeitet. In Finnland, wo er mit seiner Frau Luise und den vier Kindern oft die Sommerferien verbrachte, rief er 1981 ein Musikfestival ins Leben, das er fast 20 Jahre lang leitete. Das Ende der Senatszuwendungen für die Berliner Symphoniker zwang die meisten Musiker in die Arbeitslosigkeit. Bernau entschied sich, mit dem 1. September in den vorzeitigen Ruhestand zu gehen, aber nur pro forma. Denn die Symphoniker geben nicht auf. So saß während der letzten Konzerte auch Bernau weiterhin auf seinem Platz und spielte. Er wird es wieder tun, so oft er kann, gleichsam als Erster Konzertmeister im Ehrenamt. Denn die Berliner Symphoniker, deren Trägerverein in die Insolvenz gehen musste und jetzt in eine gemeinnützige GmbH umgewandelt werden soll, wollen auf Bernau nicht verzichten. Im April schien es, als würde sich aus den Protesten gegen den Senatsbeschluss eine Bürgerbewegung zum Erhalt des Orchesters formieren. Im Herbst spendete das Bundespräsidialamt demonstrativ 15 000 Euro, den Erlös eines Benefizkonzerts. Den bürgerlichen Geist, der die Entfremdung der Volksvertreter von ihrem Souverän nicht hinnehmen will, diesen Geist stärkt der höchste Repräsentant des Staates heute mit der Auszeichnung für Götz Bernau.------------------------------Foto: Götz Bernau, engagierter Konzertmeister
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: [email protected]