Bei den Wahlen in Berlin zeigte sich ein bemerkenswerter Befund. Bei der Abgeordnetenhauswahl 2026 kam die Linke unter den von der Forschungsgruppe Wahlen befragten muslimischen Wählern auf 51 Prozent, gegenüber 25,7 Prozent im Gesamtergebnis. Auch bei der Bundestagswahl 2025 zeigte sich in Deutschland ein klarer Linksdrall. 29 Prozent der muslimischen Wähler stimmten für die Linke, 28 Prozent für die SPD und 16 Prozent für das BSW. Union und AfD kamen auf zwölf beziehungsweise sechs Prozent. Ein ähnliches Muster findet sich auch in Großbritannien, Frankreich und den Niederlanden.
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In Großbritannien ist die Bindung muslimischer Wähler an die Linke besonders etabliert. Bei der Parlamentswahl 2024 wollten laut YouGov 53 Prozent der nicht weißen Wähler Labour wählen. Doch innerhalb der Minderheiten zeigen sich erhebliche Unterschiede. Unter Briten indischer Herkunft lag Labour bei 40 Prozent, die Conservatives aber ebenfalls bei 32 Prozent. Bei Pakistanern und Bangladeschern war Labour deutlich stärker. 2024 gewannen dort allerdings die Grünen an Boden: 29 Prozent wollten sie wählen. Der Krieg in Gaza war für diese Gruppe ein bedeutender Faktor.
Frankreich weist einen noch stärkeren Zusammenhang zwischen muslimischer Identität und der Wahl linker Parteien auf. Bei der Präsidentschaftswahl 2022 stimmten laut dem französischen Meinungsforschungsinstitut Ifop 69 Prozent der muslimischen Wähler für den Linken Jean-Luc Mélenchon. Emmanuel Macron kam auf 14 Prozent, Marine Le Pen auf sieben Prozent. Frankreichs Muslime stammen überproportional aus dem Maghreb, der Sahelzone und weiteren Regionen Afrikas. Herkunft, soziale Lage, Generation, Wohnort und Diskriminierungserfahrungen spielten ebenfalls eine Rolle.
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In den Niederlanden ergibt sich ein vergleichbares, aber differenzierteres Bild. Nach Einschätzung von Forschern des Nationalen Wahlforschungsprojekts sind Muslime deutlich stärker linksorientiert als die Gesamtbevölkerung. Bei der Wahl 2023 waren GroenLinks-PvdA und insbesondere die migrantisch geprägte Partei DENK vor allem in Vierteln mit hohem Ausländeranteil erfolgreich. Zugleich unterscheiden sich die Gruppen. Türkische und marokkanische Niederländer haben andere Parteipräferenzen als surinamische oder karibische Niederländer.
Muslim gleich links?
Der Blick auf andere Migrantengruppen ist deshalb entscheidend. Eine Auswertung von 22 europäischen Ländern zeigt für die zweite Generation einen signifikanten Linksdrall gegenüber vergleichbaren Einheimischen. Damit sind starke Präferenzen für Umverteilung, Internationalismus und Multikulturalismus verbunden. Der Durchschnitt verdeckt aber große Herkunftsunterschiede. In Großbritannien stehen indischstämmige Wähler etwa deutlich stärker bei den Conservatives als Pakistaner und Bangladescher. Auch in Deutschland zeigen Studien, dass Herkunftsländer langfristig mit unterschiedlichen Parteibindungen verbunden sind.
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Links wählen bedeutet nicht automatisch „progressiv“ im kulturellen Sinn. Ein Wähler kann wirtschafts- und sozialpolitisch links stehen, den Sozialstaat befürworten und Diskriminierung ablehnen, zugleich aber bei Familie, Geschlechterrollen, Sexualität oder Religion konservativere Ansichten haben. Gerade bei muslimischen Wählern können diese Dimensionen breiter ausfallen.
Gleichzeitig stellt dies ein echtes Problem für die linken Parteien Europas dar. Lassen sich ideologische Gräben etwa zwischen traditionellen Geschlechterrollen und Feminismus oder zwischen Koran und Regenbogen überhaupt überbrücken? Angesichts des gegenwärtigen Wahlerfolgs dürften diese Debatten vorerst im Hintergrund bleiben.
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