Christdemokraten

MV tot, NRW bröselt und Philipp Amthor im Kanzleramt – wie konnte es nur so weit kommen?

Die CDU schiebt Amthor verstärkt ins Rampenlicht. An ihm führt bei Talkshows und Ämtern kein Weg vorbei. Für den Zustand der CDU lässt das tief blicken. Ein Kommentar.

8 Min
Philipp Amthor (CDU) hat nun als Staatsminister für Bund-Länder-Beziehungen im Kanzleramt einen Strandkorb auf der Büro-Terrasse.

Philipp Amthor (CDU) hat nun als Staatsminister für Bund-Länder-Beziehungen im Kanzleramt einen Strandkorb auf der Büro-Terrasse.

© IMAGO

Philipp Amthor hat es geschafft. Er spricht in der ZDF-Doku „Inside CDU“ von einem „Karrieresprung“. Als Staatsminister für Bund-Länder-Beziehungen hat er jetzt ein Büro im Kanzleramt. Er stehe jetzt in der „ersten Reihe in der Politik“. Da dürfe man „kein Drückeberger“ sein, sagt Amthor. Dem ZDF-Reporter zeigt er stolz seinen Strandkorb, den er sich auf den Büro-Balkon hat stellen lassen. In der Abenddämmerung könne er von dort auch den Fuchs beobachten, der sich im Garten des Kanzleramts herumtreibe.

Amthor ist seit Jahren der Liebling der deutschen Comedians, seine Auftritte sind stets Realsatire. „Der jüngste älteste Politiker Deutschlands“ (Heute-Show) war seit seinem Einzug in den Bundestag 2017 im Alter von nur 24 Jahren die wandelnde Zielscheibe für Spott und Parodie. Doch Amthor hat die teils grenzwertige Häme mit viel Selbstironie zum Markenzeichen kultiviert. Tatsächlich gilt der heute 33-Jährige als Shootingstar der CDU und als Influencer mit immerhin 150.000 Followern bei Instagram. Bei Markus Lanz (ZDF), Sandra Maischberger (ARD) und anderen Talkshows ist er gerngesehener Gast. Die CDU schickte ihn sogar einen Tag nach dem Wahldebakel in Sachsen-Anhalt zu „Hart aber fair“ (ARD).

Auch wenn Amthor laut Spöttern schon als Rentner zur Welt kam, sitzt er heute in seinem Strandkorb im deutschen Machtzentrum nur eine Etage unter Kanzler Friedrich Merz. Er gilt als Zukunft der CDU. Und das sagt viel über den Zustand der Christdemokratie aus.

Karriere-Strategie: Amthor redet viel und gerne

Die CDU/CSU-Bundestagsfraktion schiebt Amthor gerne ans Rednerpult des Plenarsaals. Amthor redet über alles: den Linksextremismus, das Pass- und Ausweiswesen, die Unruhen in Frankreich, das Asylrecht in der EU, die Regeln der deutschen Sprache, den Datenschutz, den Bürokratieabbau, die Kriminalität an Bahnhöfen, Bundeswehreinsätze, den Sturm auf das US-Kapitol, über Planungs- und Genehmigungsverfahren und viele andere Themen.

Allein in seinen ersten vier Jahren im Bundestag hielt er 70 Reden. „Damit gehöre ich ganz sicher zu den Vielrednern“, sagte Amthor dazu rückblickend 2021 stolz. Mittlerweile sind es gut 150 geworden. Er redet meist frei, hat nur einen Zettel mit Stichpunkten vor sich. Schlagfertig ist er und vorlaut – keine Bundestagsdebatte ohne seine Zwischenrufe. Besonders auf die AfD hat er es dabei abgesehen.

Amthor redet zwar viel und gerne, aber selten substanziell. Amthor versucht es gerne mit Polemik, indem er etwa aus den Sozialen Medien Zitate seiner Gegner herausfischt, um diese als Beleg für deren unlautere Haltung zu verdrehen. Oft muss das Grundgesetz herhalten, um Grundlegendes zu erläutern. Sobald es tiefer geht oder womöglich ein intellektueller Diskurs droht, lächelt er alles weg oder verliert sich in politische Kalendersprüche wie: „Glaubwürdigkeit kommt zu Fuß, aber reitet mit dem Pferde davon.“ Oder auch hübsch: „Konservativ sein bedeutet nicht, die Asche weiterzutragen, sondern das Feuer zu erhalten.“

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Bullshit-Bingo: Zukunft, Stabilität und Erneuerung

Dampfplauderer gab und gibt es viele in der Politik: Peter Altmaier (CDU) etwa, Frank-Walter Steinmeier (SPD) oder auch Kanzler Friedrich Merz – hohle Phrasen, leere Worthülsen, viel Geplauder. Doch sobald es um inhaltliche Tiefe, fachliche Details oder konkrete Pläne geht, wird diese Sorte von Politikern überraschend schweigsam.

Hat man vom ehemaligen Bundeswirtschaftsminister Altmaier oder seiner Nachnachfolgerin Katherina Reiche (CDU) jemals etwas Tiefergehendes zu Energiewende, Netzausbau oder Energiemarktdesign gehört oder gelesen? Oder hat Friedrich Merz jemals ausführlich erklärt, was er mit seinen Floskeln zu den „harten Einschnitten“ oder „mehr arbeiten“ konkret meint? Und welche Zusammenhänge hier mit Arbeitsmarkt und Sozialversicherungen bestehen? Ohne Sprechzettel und mehrmals einstudierte Satzbausteine verliert sich diese Politiker-Spezies ins vage Gemurmel.

Philipp Amthor (CDU): Jäger, Fußballfan, Redner – und immer im Windschatten der Macht.

Philipp Amthor (CDU): Jäger, Fußballfan, Redner – und immer im Windschatten der Macht.

© IMAGO

Die Phrasendreschmaschine ist fester Bestandteil des politisch-rhetorischen Instrumentenkastens aller Politiker. Als Philipp Amthor 2017 mit 24 Jahren erstmals in den Bundestag einzog, war es die letzte Wahlperiode von Angela Merkel, die stets in seinem Nachbarwahlkreis Vorpommern-Rügen angetreten war. Amthor sah es in der Rückschau als Generationenwechsel: „Ich blicke sehr optimistisch in die Zukunft, denn am Ende geht es um Stabilität und Erneuerung“, sagte Amthor. Auch das Bullshit-Bingo beherrscht er perfekt: Die Begriffe „Zukunft“, „Stabilität“ und „Erneuerung“ in einem Satz unterzubringen, fällt ihm sichtlich nicht schwer. Doch wie konnte einer wie Amthor ins Kanzleramt hochfallen?

Friedrich Merz hält viel von seinem Günstling

Amthor hat in Greifswald Jura studiert, aber es nur bis zum ersten Staatsexamen geschafft. Die Politik habe ihn angeblich vom zweiten abgehalten. Im Jahr 2008 wurde Amthor mit 16 Jahren Mitglied der CDU und der Jungen Union, 2010 saß er bereits im Landesvorstand der JU Mecklenburg-Vorpommern. 2017 gewann er dann direkt seinen Wahlkreis an der Mecklenburgischen Seenplatte mit 31,2 Prozent. 2020 hätte ihn eine Lobbyismus-Affäre fast die Politik-Karriere gekostet. Im gleichen Jahr machte er nochmals Schlagzeilen, weil er seinen Führerschein für einen Monat abgeben musste: Mit rund 120 Kilometern pro Stunde war er 50 zu schnell gefahren. Dann riss sich der damals 28-Jährige am Riemen und ackerte fleißig am Rednerpult des Bundestags. Und wurde belohnt.

2024 zog er als Mitgliederbeauftragter in den CDU-Bundesvorstand ein. Und im Windschatten von Kanzler Friedrich Merz startete Amthor dann voll durch: Erst parlamentarischer Staatssekretär im neuen Digitalministerium von Karsten Wildberger – und ein Jahr später Staatsminister samt Strandkorb im Kanzleramt. Was bezweckt Kanzler und CDU-Parteichef Friedrich Merz damit?

Ist es reine Nachwuchsförderung? Oder eine Art inklusive Personalpolitik? Tatsächlich scheint Merz viel von seinem Günstling Amthor und dessen Fähigkeiten als Netzwerker zu halten. „Er ist ein guter Politiker und Parlamentarier, er ist aber auch ein hervorragender Jurist“, sagt der Volljurist Merz über den Halbjuristen Amthor. Der ehemalige CSU-Chef Dr. iur. Edmund Stoiber hätte die beiden wohl zu seinen Hochzeiten mal wieder als „Leichtmatrosen“ abgekanzelt. Denn auch bei der CDU herrscht Mangel an fähigem Personal. Und Merz und Amthor sind mit ein Ergebnis dieses Mangels.

Amthor und Merz: Politik-Profis mit ähnlicher Karriere

Tatsächlich hat die CDU ein Personalproblem. Seit 1990 haben sich die Mitgliedszahlen ähnlich wie bei der SPD auf etwa 350.000 halbiert. In Mecklenburg-Vorpommern sind es nur 4000. Im bundesweiten Durchschnitt ist das für den dünnbesiedelten Flächenstaat gar nicht mal so wenig. Und immerhin über 1000 mehr als SPD oder AfD in MV. Doch diejenigen, die politische Karriere machen, haben zusehends immer weniger fachspezifische Berufserfahrung. Im aktuellen Bundestag geben rund 20 Prozent der Abgeordneten an, vorher bei Parteien oder Politikern gearbeitet zu haben, 28 Prozent kommen aus dem öffentlichen Dienst und zwölf Prozent waren Studenten oder wollten oder konnten es der Bundestagsverwaltung nicht sagen – zusammen sind das 60 Prozent.

Die Entwicklung von Arbeitern, Selbstständigen und Angestellten als Parlamentarier hin zu immer mehr Politikprofis und Bürokraten lässt sich seit Jahrzehnten in dutzenden von Magister- und Masterarbeiten nachlesen. Handwerker, Landwirte oder Arbeiter finden sich heute im Bundestag mit knapp drei Prozent der Abgeordneten kaum mehr. Der Politiker-Typus Philipp Amthor, der sich von klein auf in der Partei tummelt, die Ochsentour absolviert und sich bis ins Parlament hochdient, nimmt weiter zu. Mit rund 25 Prozent ist die beliebteste Ausbildung des Homo Politicus im Bundestag das Jura-Studium. Die Karrieren von Amthor und Merz ähneln sich hier seit dem 16. Lebensjahr.

MV tot, NRW bröselt – Amthor könnte mit Merz stürzen

Was in der Politik zählt, ist Machtgewinn und Machterhalt. Die politische Währung sind weiche Umfragen und harte Wählerstimmen. Derzeit verliert die CDU an Liquidität. Die letzten Landtagswahlen im Osten gingen in die Hose. Und nicht nur die Umfragen für den Bund sind katastrophal: Der Währungsverfall zieht sich für die CDU nun auch bis tief in den Westen: Die jüngste Umfrage für Nordrhein-Westfalen sieht die CDU bei nur noch 29 Prozent – nach knapp 36 Prozent bei der letzten Landtagswahl 2022. Hendrik Wüst, Ministerpräsident und mächtiger CDU-Landesvorsitzender in NRW, wird nun besonders intensiv über das Szenario eines eleganten Kanzler-Sturzes grübeln. Amthor dürfte dann mit seinem Gönner Merz mitstürzen.

Doch für Amthor wird es ohnehin brenzlig. Denn Amthor soll den ruinierten CDU-Landesverband in MV wieder auf Vordermann bringen. Doch Amthors Konturlosigkeit ist selbst Teil des Problems. Bei der Bundestagswahl 2025 musste er sich im Wahlkreis mit 19,9 Prozent dem AfD-Konkurrenten Enrico Komning (45,2 Prozent) geschlagen geben. Bereits 2021 hatte er das Direktmandat verpasst.

Den Niedergang der MV-CDU begleitete Amthor Schritt für Schritt mit, bis hin zum Scheitern an der Fünf-Prozent-Hürde neulich bei der Landtagswahl. Jetzt benötigt es mehr als Dampfplauderei. Amthor soll nun nicht nur reden, sondern den Karren aus dem Dreck ziehen. Das wird schwierig, schließlich weiß Amthor: „Glaubwürdigkeit kommt zu Fuß, aber reitet mit dem Pferde davon.“ Und: Amthors Zukunft bietet jetzt wenig Stabilität und viel Erneuerung.

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