Mythos, Ärgernis, Vision für ein Berliner Stadtzentrum - der Alexanderplatz war schon immer vieles, vor allem aber eines: irgendwie unfertig. Doch nun ist ein Ende der Bauarbeiten absehbar. Und der Alex hat großes Potenzial, sagen manche.

Raue Schönheit

Marin Majica
4 Min

Gemütlich? Ist der Alexanderplatz sicher nicht. Er verdient eine Menge Worte, aber die klingen anders. Weitläufig, windig, steinern, urban, wuselig, öde, unvollendet - etwas in der Art. Er hat Ausstrahlung, aber die ist von einer so speziellen Sorte, dass Menschen, die ihn beschreiben sollen, immer wieder vom "spröden Charme" sprechen. Oder wie das Detlev Steffens ausdrückt, der als Chef der Galeria Kaufhof am Alexanderplatz täglich auf den Platz blickt: "Wir werden hier nie die Piazza del Campo in Siena kriegen." Und doch: Es gibt Indizien, dass es etwas werden könnte mit dem Alex, in naher Zukunft schon.Spätestens im Sommer soll die Umgestaltung des Platzes an der Oberfläche abgeschlossen sein. Die rund 50 000 neuen Steinplatten liegen bereits und ergeben zusammen mit den umgestalteten Behrens-Gebäuden Alexander- und Berolinahaus und der Galeria Kaufhof ein farblich einheitliches Bild. Die Fassade des Park Inn Hotels wurde aufwändig saniert. Das Alexa-Kaufhaus mit 180 Läden und 17 Restaurants soll im September öffnen, die Bauarbeiten für den Anschluss der Straßenbahn von der Prenzlauer Allee sollen im Mai abgeschlossen sein. Unter der Erde im U-Bahnhof, den die BVG für 30 Millionen Euro saniert, wird noch bis 2008 gearbeitet, aber die größten Baustellen werden bald abgeschlossen. Über eine halbe Milliarde Euro wird derzeit am Platz investiert, und das obwohl von den ehrgeizigen Hochhausplänen aus den vergangenen Jahren im Moment niemand mehr spricht.In diesen Tagen beginnt der Investor Hines zwar mit dem Bau eines neuen Gebäudes. Unter der Alexanderstraße wird ab März eine Tiefgarage mit 600 Plätzen gebaut, die 2009 fertig sein soll. Trotzdem zeichnet sich ab, dass der Alexanderplatz so etwas wie ein einheitliches, attraktives Erscheinungsbild bekommt. "Der Platz hat ein großes Potenzial. Für Berliner und Touristen", sagt der Berliner Stadtsoziologe Hartmut Häußermann, der vor dem inneren Auge schon Cafétische auf dem Platz sieht.Dabei hat der Alexanderplatz ein harmonisches Gesamtbild im Grunde nie besessen. 1805 wurde der Paradeplatz, der aus einem Viehmarkt hervorgegangen war, wegen des Berlin-Besuches des Zaren Alexander I. umbenannt. Ende des 19. Jahrhunderts war der Alexanderplatz zu einem Knotenpunkt geworden, inklusive großstädtischen Gedränges und drohenden Verkehrschaos. Ende der Zwanzigerjahre wurde umgestaltet, wegen der Inflation aber nur stückweise. Im Zweiten Weltkrieg wurde die berühmte Statue Berolina eingeschmolzen, viele Gebäude zerstört. In den Sechzigerjahren wurde noch einmal ein großer Wurf angegangen, dieses Mal ein sozialistischer. All das hat den Platz über die Jahrzehnte zu einer wilden Ansammlung verschiedener Stile gemacht."Destillen, Restaurationen, Obst- und Gemüsehandel, Kolonialwaren und Feinkost, Fuhrgeschäft, Dekorationsmalerei ." - die berühmte und auf dem Haus der Elektrotechnik zitierte Aufzählung aus Alfred Döblins Roman "Berlin Alexanderplatz" ist fast noch immer gültig. Heute versuchen ihr gewerbliches Glück am Platz: zwei Kaufhäuser, ein großer und viele kleine Elektromärkte, ein Club in der 12. Etage des Hauses des Reisens, Handyläden und Reisebüros, ein Asia-Markt und Zeitschriftenläden, die Landesbank Berlin und ein Burger-Restaurant . eben wieder ein recht bunter Mix.Doch Stadtsoziologe Häußermann ist nicht allein mit dem Eindruck, dass sich die Vielfalt auf dem Alex zu einem harmonischen Ganzen fügen könnte. Die vier Menschen, die auf dem Alexanderplatz arbeiten und die wir auf diesen Seiten vorstellen, haben seine raue Schönheit liebgewonnen. Und sie freuen sich auf seine Zukunft.------------------------------ZAHLEN UND FAKTENSeit 1805 trägt der Alexanderplatz diesen Namen. Er wurde so benannt am 2. November zu Ehren des russischen Zaren Alexander I., der einige Tage zuvor Berlin besucht hatte.120 000 Fahrgäste nutzen täglich allein die U-Bahnen am Alex. Schätzungen zufolge bewegen sich mehrere Hunderttausend Menschen jeden Tag auf dem Platz. Galeria Kaufhof zählte im vergangenen Dezember 1,5 Millionen Besucher.Mehr als 500 Millionen Euro werden derzeit in die Umgestaltung des Alexanderplatzes investiert.------------------------------Grafik: Alexanderplatz------------------------------Foto: Um 1806: Der frühere Paradeplatz trägt seit knapp einem Jahr den Namen Alexanderplatz.Foto: 1904: Blick in die Rathausstraße. In diesem Jahr entsteht am Platz das Warenhaus Tietz.Foto: 1935: Alexander- (links) und Berolinahaus von Peter Behrens schließen den Alex ab.

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