Was bleibt von George W. Bush, wenn er nach acht Jahren als Präsident das Weiße Haus verlässt?Die Frage, welchen Anteil der 43. Präsident an den Kriegen, Katastrophen und Bankencrashs gehabt haben mag, wird die Gemüter der Historiker, Politexperten und den geneigten der Teil der (Welt-) Öffentlichkeit noch lange erhitzen. Allerdings hören die Krisen nicht auf, wird die Welt nicht auf Null zurückgesetzt, wenn Barack Obama sein Amt antritt. Er erbt all die Probleme und schon bald wird man sein Gesicht mit damit verbinden.Was von Bush bleibt, das ist das so eigentümliche Grinsen, der zum charakteristischen Ausdruck gewordene "Smirk", der sich in seinen zwei Varianten wie ein Deutungsmuster einer politischen Ära lesen lässt.Die erste, süffisante Version diente Bush als eine Art ironische Waffe, sollte besagen, "Seht her, ich nehme diese ganze große Politik genauso wenig ernst wie mich selbst." Das war gleichwohl vor allem in den frühen Jahren, im Präsidentschaftswahlkampf 2000, eine eminent politische Waffe, traf der große Charismatiker damit doch einen Nerv des amerikanischen Wahlvolks, das seine Stimmabgabe schon mal daran festmachen kann, mit wem es lieber grillen und ein Bier trinken würde. Zu schlau sollten die Herren (und Damen) Politiker bitte nicht sein, sonst könnten sie noch abheben und die Gefühlslage der Soccer-Moms und Joe Sixpacks nicht mehr verstehen. Das Charisma des scheidenden Präsidenten ist gerade von denen oft unterschätzt worden, die sich nicht zu diesen Fußball-Müttern und Otto Normalbürgern zählen, etwa den liberalen Eliten, die hauptsächlich an der Ost- und Westküste der Vereinigten Staaten leben, die sprichwörtlichen Professoren, Volvo-Fahrer und Rucolasalat-Esser.Eben jener liberalen Elite galt Bushs Smirk Nr.2, die hämische Variante. Sie richtete sich gegen all jene, in Bushs Augen, Großkopferten, die glaubten, sie wüssten besser Bescheid als der Präsident. In seinen acht Jahren Regentschaft mit zwei unbeendeten Kriegen, Folterskandalen und einem wirtschaftlichen Niedergang sondergleichen haben sich da einige angesammelt.David Brooks, liberal-konservativer Kolumnist der New York Times und so etwas wie der Philosoph des heartlands, des sich so ehrlich und echt gebenden Amerika des Mittleren Westens, glaubt, hinter der Abneigung, ja Feindseligkeit gegenüber dem Bush-Land verberge sich in Wahrheit nur der Hass auf den Erfolg: Die Verachtung überlegener Arbeitsethik, größerer Selbstdisziplin und militärischer Macht überhaupt. Bushs weltumspannende Gegner sähen in den US-Amerikanern einen geldsüchtige Molochen, Kulturbanausen und bigotte Propagandisten götzenhafter Werte. Tief im Inneren wüsste man jedoch auch in Bagdad, Berlin und Buenos Aires, dass dieses Amerika über einen Heroismus und eine Lebenskraft verfüge, die jene Nationen längst eingebüßt hätten.Tatsächlich sei George W. Bush der Ausdruck einer sich aus Heldentum und Optimismus speisenden meritokratisch-kapitalistischen Kultur. Es bleibt ein entscheidender Punkt im Verständnis der politischen Karriere Bushs, dass es ihm gelang, sich bei Brooks und dem amerikanischen Wahlvolk zu einem Inbegriff dieses amerikanischen Geistes zu machen - und letztlich sich auch selbst dafür zu halten.Jacob Weisberg nennt in seiner hellsichtigen und ohne Zorn geschriebenen Biografie "Die Bush-Tragödie" ("The Bush Tragedy", Random House) das Image Bushs als self made man ein aufwendig konstruiertes Zerrbild. Bush habe es sich selbst erfolgreich eingeredet und politisch eingesetzt.Um 1964 die Zulassung zum Studium an der prestigeträchtigen Yale University zu erhalten, genügte ein Anruf des Vaters, seines Vor-Vorgängers im Weißen Haus. Bezeichnenderweise studierte in der letzten Phase, in denen in Yale noch der Geist der Fünfziger Jahre vorherrschte, ehe mit dem Epochenjahr 1968 auch dort ein neuer Geist einzog. Geschäftsfreunde des Vaters sorgten Anfang der Neunziger auch dafür, dass George W. das Baseballteam Texas Rangers kaufen konnte. Zuvor hatte er jahrelang erfolglos in seinem Heimatstaat nach Öl gesucht, den Bankrott seiner Firma wendeten immer wieder die väterlichen Freunde ab.Als Bushs Präsidentenwahl im Jahr 2000 ob des Auszählchaos in Florida auf der Kippe stand, half George W.'s Bruder Jeb, passenderweise damals Gouverneur des Sonnenschein-Staates, und der Gesandte des Vaters, der ehemalige Außenminister James Baker, dass die Entscheidung zu dessen Gunsten ausfiel.Bushs Smirk ist vor dem Hintergrund seiner Lebensgeschichte weniger ein Zeichen für eine auf Verdienst setzende Kultur, als die personalisierte Schwundstufe des American exceptionalism, dem amerikanischen Glauben an Auserwähltheit, eine Zivil-Religion, die davon ausgeht, die USA stünden allein für die Freiheit und das Gute, nach der sich doch auch der Rest der Welt sehne. In Bush verkörpert sich eine krude Mischung aus Nepotismus und Berufungsempfinden - und nach dem 11. September sah der Präsident sich und die USA dazu auserkoren, die Führungsrolle im Kampf gegen die "Achse des Bösen" schlechthin zu übernehmen.Weisberg erklärt Bushs Unfähigkeit, eine offene Diskussion zu führen, Fehler einzugestehen und entsprechend den Kurs zu ändern, mit dessen Angst, als schwacher Anführer dazustehen. Umso vehementer seine Kritiker aufgetreten seien, desto fester sei Bush davon überzeugt gewesen, im Recht zu sein.Im Glauben an seine intuitive Führungs- und Entschlusskraft sei Bush konsequent anti-intellektuell geblieben. Die Probleme im Irak oder das Chaos in New Orleans nach dem Hurrikan "Katrina" wollte er lange Zeit nicht wahrnehmen. "I don't do nuance", hat Bush einmal gesagt, "Ich mache nicht in Schattierungen." Aber er tut es nicht, weil er unfähig dazu gewesen wäre, sondern weil er von den feinen Unterschieden seine Entscheidungskraft gefährdet gesehen hat.Der Smirk war die selbstbewusste Entscheidung gegen den Zweifel. Die Rückkehr des Zweifels hört in diesen Tagen auf den Namen Hoffnung.------------------------------Foto: Smirking President. Was von George Bush bleibt, ist dieser Gesichtsausdruck.
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