Nur durch Zufall wurden die Lebensmittelchemiker der Technischen Universität Berlin fündig. Auf der Suche nach Arzneimittelrückständen in Berliner Gewässern stießen Thomas Heberer und seine Kollegen kürzlich im Teltowkanal auf Rückstände des hochgiftigen Pflanzenschutzmittels DDT. "Nicht nur im Oberflächenwasser, sondern auch in Grundwasserbrunnen des nahegelegenen Wasserwerkes Johannisthal haben wir neben Arzneimittelrückständen auch DDT-Abbauprodukte gefunden", berichtet Heberer. Bei dem Abbauprodukt handelt es sich um die Bis(chlorphenyl)essigsäure (DDA). In einem Liter Kanalwasser haben die Forscher Spitzenkonzentrationen von 1 000 Nanogramm (ein Nanogramm ist ein milliardstel Gramm) gefunden, in einigen Grundwasserbrunnen sogar doppelt soviel. Die vier am stärksten belasteten Brunnen nahe des Teltowkanals sind nach Angaben der Berliner Wasserbetriebe (BWB) bereits seit acht Jahren stillgelegt. DDA konnte aber auch in anderen Brunnen des Johannisthaler Wasserwerkes nachgewiesen werden, aus denen weiter Trinkwasser gewonnen wird. Diese Werte liegen nach Angaben der BWB mit maximal 50 Nanogramm weit unter dem zulässigen Grenzwert. Der in der deutschen Trinkwasserverordnung festgesetzte Grenzwert für jedes einzelne Pflanzenschutzmittel liegt bei 100 Nanogramm. Die hohe Belastung mit DDT-Rückständen im Berliner Süden führt Heberer auf den früher dort ansässigen VEB Berlin-Chemie zurück. Der DDR-Industriebetrieb und dessen Vorgängerfirma am Teltowkanal hatten zwischen 1943 und 1985 etwa 60 000 Tonnen der heute verbotenen DDT-haltigen Pflanzenschutzmittel hergestellt. Im Gegensatz zum wasserunlöslichen DDT, das sich im Sediment des Kanals angesammelt hat, sickert DDA ins Grundwasser. Mangels ausreichend Quell- und Grundwasser wird in Berlin das Trinkwasser zu 75 Prozent aus ursprünglichem Oberflächenwasser gewonnen. Zu diesem Zweck werden Brunnen in der Nähe von Flüssen oder Seen gebohrt. Das Wasser gelangt aus dem Uferbereich in den Brunnen. Aus diesem sogenannten Uferfiltrat sind alle nicht wasserlöslichen Stoffe und Bakterien durch die Sedimentschichten herausgefiltert.Die "Grundwasseranreicherung" ist eine weitere Methode der Trinkwassergewinnung. Hierfür wird Oberflächenwasser auf brachliegenden Flächen versprüht, welches versickert und so den Grundwasserspiegel hebt. Wasserlösliche Stoffe, wie etwa Rückstände von Medikamenten, die mit Abwässern in die Flüsse geraten, gelangen dabei nahezu ungehindert durch die Sedimente. "Im Gegensatz zu den Pestiziden gibt es für Arzneimittelrückstände keine Grenzwerte", kritisiert Heberer.In Kläranlagen werden nur manche Wirkstoffe abgebaut etwa die Acetylsalicylsäure, aus der Aspirin besteht. Andere, wie die cholesterinsenkende Clofibrinsäure, fließen ungehindert durch die Reinigungsstufen. Aus Berliner Wasserhähnen sprudeln mit jedem Liter bis zu 270 Nanogramm der gut löslichen Clofibrinsäure in keiner anderen deutschen Stadt wurde mehr gemessen.Heberer führt dies auf die hohe Bevölkerungsdichte zurück und den damit verbundenen höheren Medikamenteverbrauch. Darüber hinaus sind die vorhandenen Abflüsse der Stadt, Havel und Spree, relativ klein. Bislang konnten andere Arzneistoffe wie Beta-Blocker, Röntgenkontrastmittel oder Antibiotika, die im Oberflächenwasser vorkommen, noch nicht im Grund- oder im Leitungswasser nachgewiesen werden. Heberer: "Es wurde aber auch noch nicht systematisch danach gesucht." "Eine unmittelbare Gefahr für die Gesundheit durch Clofibrinsäure besteht nicht, die gefundenen Konzentrationen liegen weit unter der Wirkungsschwelle", sagt Andreas Grohmann, Leiter der Trinkwasserabteilung des Umweltbundesamtes (UBA) in Berlin. Mit Sicherheit aber wirkten sich Arzneimittel ebenso wie Pestizide auf die Umwelt aus. So werden seit einiger Zeit Störungen bei der Fortpflanzung von Tieren oder eine Verweiblichung bei Fischen beobachtet. Im Raum Berlin stellten Wissenschaftler fest, daß heute 70 Prozent der Havelfische weiblichen Geschlechts sind. Aus diesen Gründen fordert das UBA eine Umweltverträglichkeitsprüfung von Arzneimitteln.
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