Fast jeder zweite Wähler hat in Sachsen-Anhalt am Sonntag sein Kreuz bei der AfD gemacht. 43,8 Prozent. Die CDU, jahrzehntelang prägende Kraft im Land, stürzt auf 17,2 Prozent ab. Nicht einmal halb so viel. Während in Magdeburg bereits über Koalitionen und Brandmauern diskutiert wird, hat das Ergebnis längst den Berliner Wahlkampf erreicht.
„Bunt ist schöner als kackbraun“: Teilnehmer einer Kundgebung gegen die AfD am Brandenburger Tor. Aufgerufen hatten Campact und Fridays for Future.
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Hier wird in weniger als zwei Wochen gewählt. Anders als in Sachsen-Anhalt braucht es in der Hauptstadt keinen Erdrutschsieg, um die politischen Verhältnisse durcheinanderzubringen.
Gerade einmal drei Prozentpunkte liegen zwischen der stärksten und der viertstärksten Partei. Im jüngsten BerlinTrend von infratest dimap kommt die CDU auf 21 Prozent, die Linke auf 19, Grüne und AfD auf jeweils 18 Prozent. Wer am 20. September als Sieger durchs Ziel geht, ist offen. Genau in dieses enge Rennen platzt das Ergebnis aus Sachsen-Anhalt.
AfD-Spitzenkandidatin Kristin Brinker
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Die AfD hat ihren Wert fast verdoppelt
Berlin ist politisch anders aufgestellt als Sachsen-Anhalt. Die Hauptstadt ist deutlich urbaner geprägt und im Wahlkampf dominieren mit Wohnen und Mieten andere Themen. Doch das Ergebnis trifft Berlin in einer Phase, in der schon kleine Verschiebungen über die späteren Mehrheiten entscheiden können.
Bei der Wiederholungswahl 2023 erreichte die AfD in Berlin 9,1 Prozent. Im aktuellen BerlinTrend steht sie bei 18 Prozent. Innerhalb von dreieinhalb Jahren hat sie ihren Umfragewert damit nahezu verdoppelt.
Der Wahlsieg in Sachsen-Anhalt kommt für die Berliner AfD damit zu einem günstigen Zeitpunkt. Er kann ihr zusätzlichen Schwung geben, denn das Ergebnis könnte etwa Wähler mobilisieren, die einen weiteren AfD-Erfolg verhindern wollen sowie etwa Nichtwähler, die sagen: „Jetzt erst recht AfD“. Gerade die allerletzten Wahlkampftage könnten damit stärker von der Auseinandersetzung um die Partei geprägt werden, als zuvor angenommen.
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Kann die AfD Berlin gewinnen?
Ganz abwegig ist die Frage nicht mehr. Der rbb berichtet unter Berufung auf Vertreter anderer Parteien, dass dort bereits seit einiger Zeit die Sorge bestehe, die AfD könnte am 20. September auf Platz eins landen.
Regieren könnte sie damit noch lange nicht. Die anderen im Abgeordnetenhaus vertretenen Parteien schließen eine Koalition mit ihr aus. Ein Wahlsieg der AfD würde die Regierungsbildung dennoch erheblich erschweren.
Sachsen-Anhalt zeigt zudem, welches Potenzial in der Mobilisierung steckt. Nach der Wählerwanderung von infratest dimap gewann die AfD rund 170.000 Stimmen aus dem bisherigen Nichtwählerlager. Hinzu kamen zahlreiche Stimmen von früheren CDU-Wählern. In Berlin würde bereits eine wesentlich kleinere Bewegung reichen, um die Reihenfolge der vier führenden Parteien zu verändern.
Polizeibeamte führen eine Femen-Aktivistin ab, die den Auftritt von Beatrix von Storch bei einer AfD-Wahlkampfveranstaltung in Lichtenberg störte.
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Für die CDU kommt das Ergebnis zur Unzeit
Besonders unangenehm ist der Blick nach Sachsen-Anhalt für die Berliner CDU. Der Absturz ihrer Parteifreunde fällt in eine Zeit massiver Unzufriedenheit mit der Bundesregierung - vor allem aber mit Friedrich Merz und dem noch regieregenden Bürgermeister Kai Wegner. Beide sind bekannt für gebrochen Versprechen oder Lügengerüste.
Schon vor der Wahl zeigten Erhebungen von infratest dimap ein düsteres Stimmungsbild: 82 Prozent der Befragten in Sachsen-Anhalt blickten beunruhigt auf die Verhältnisse in Deutschland, lediglich 13 Prozent mit Zuversicht.
Der Gegenwind aus dem Bund trifft auf eine Berliner CDU, die selbst an Zustimmung verloren hat. Bei der Wiederholungswahl 2023 holten die Christdemokraten 28,2 Prozent. Im aktuellen BerlinTrend sind es 21 Prozent. Der Vorsprung von damals ist erstmal weg.
Stefan Evers (l.), CDU-Spitzenkandidat, und Hendrik Wüst (CDU), Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, machen bei einem Wahlkampftermin am Brandenburger Tor ein Selfie.
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77 Prozent sind mit Schwarz-Rot unzufrieden
Auch die Bilanz des Berliner Senats hilft der CDU wenig. Im BerlinTrend sind 77 Prozent der Befragten mit der Arbeit von Schwarz-Rot wenig oder gar nicht zufrieden. Lediglich 19 Prozent äußern sich zufrieden.
CDU und SPD kommen in der Sonntagsfrage zusammen auf 32 Prozent. Die SPD liegt bei elf Prozent und damit deutlich unter ihren 18,4 Prozent von 2023.
Für beide Regierungsparteien ist das Ergebnis aus Sachsen-Anhalt eine Warnung. Große Vorsprünge und lange eingeübte politische Mehrheiten bieten derzeit wenig Sicherheit. Die CDU hat ihren Vorsprung in Berlin bereits eingebüßt, die SPD kämpft weit abgeschlagen auf Platz fünf.
Kann ausgerechnet die Linke profitieren?
Für die Linke kann der AfD-Erfolg zur Chance werden, obwohl sie in Sachsen-Anhalt selbst verloren hat. Dort erreichte sie 8,6 Prozent und büßte 2,4 Punkte ein.
In Berlin ist ihre Ausgangslage erheblich besser. Bei der Bundestagswahl 2025 wurde die Linke in der Hauptstadt erstmals stärkste Kraft. Der rbb verweist auf eine mögliche Wiederholung des damaligen Effekts: Nach der gemeinsamen Bundestagsabstimmung von CDU und AfD sammelte die Linke verärgerte Stimmen ein.
Spitzenkandidatin Elif Eralp machte bereits am Wahlabend klar, wie sie die kommenden Tage bestreiten will: „Ich bin die Antwort auf Sachsen-Anhalt.“
Die Zuspitzung auf die AfD dürfte ihr gelegen kommen. Die Linke kann sich als Gegenpol präsentieren und zugleich auf ein Thema setzen, das die Berliner unmittelbar beschäftigt.
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Mieten bleiben das wichtigste Thema
Rund ein Drittel der Befragten nennt im BerlinTrend Wohnen und Mieten als wichtigstes politisches Problem der Hauptstadt. Flüchtlinge und Einwanderung sowie innere Sicherheit folgen mit deutlichem Abstand.
Das spielt der Linken in die Hände. Sie versucht seit Monaten, den Wahlkampf über die Mietenfrage zu führen. Sicher ist ihr Erfolg deshalb nicht. Im jüngsten BerlinTrend fiel sie von 22 auf 19 Prozent und verlor damit die Spitzenposition an die CDU.
Demonstranten protestieren vor dem Roten Rathaus gegen hohe Mieten und die Berliner Wohnungskrise.
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Das BSW könnte die Rechnung verändern
In Berlin liegt das BSW derzeit unter der Fünf-Prozent-Hürde. Sachsen-Anhalt dürfte der Partei trotzdem Mut machen: Dort erreichte sie 5,3 Prozent und zog in den Landtag ein.
Gelingt ihr das auch in Berlin, vielleicht mithilfe der Stimmen von dieBasis, wird die Regierungsbildung noch komplizierter. Schwarz-Rot hätte nach den aktuellen Umfragewerten ohnehin keine Mehrheit.
Hinzu kommt die Frage nach dem Verhältnis zur AfD. In Sachsen-Anhalt schließt das BSW eine Koalition mit der Partei eher aus, zeigt sich bei einzelnen Vorhaben jedoch offen für wechselnde Mehrheiten. BSW-Politiker Thomas Schulze erklärte zudem, seine Partei wolle sich in einem möglichen dritten Wahlgang um das Ministerpräsidentenamt enthalten, sollte AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund antreten. Eine solche Enthaltung könnte ihm den Weg ins Amt erleichtern.
Damit gerät auch der Berliner BSW-Spitzenkandidat Alexander King unter Erklärungsdruck. Sollte seine Partei am 20. September ins Abgeordnetenhaus einziehen, wird die Frage nach ihrem Umgang mit der AfD auch in Berlin gestellt werden.
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In Berlin reichen drei Prozentpunkte
Wer am 20. September um 18 Uhr jubelt, lässt sich derzeit kaum vorhersagen. CDU, Linke, Grüne und AfD haben realistische Chancen, stärkste Kraft zu werden. Selbst Platz eins für die AfD ist keine theoretische Möglichkeit mehr.
Sachsen-Anhalt hat den Berliner Wahlkampf damit noch einmal unberechenbarer gemacht. Zwölf Tage bleiben CDU, Linken, Grünen und AfD, um diese drei Prozentpunkte für sich zu entscheiden. Danach könnte Berlin politisch ganz anders aussehen.
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