Nach dem Krieg in einer bayerischen Kleinstadt. Ein jüdisches Mädchen wächst unter Deutschen auf

Trotzdem Heimat

Katrin von Ankum
3 Min

Auf einmal ist alles wieder da: Lebertran, Wick-Vaporub-Abreibungen, die vernichtende Diagnose des Orthopäden - Senk- und Spreizfuß -, aber auch Kränze aus Gänseblümchen, Brausepulver, Jopa-Eis; Trauma und Nostalgie einer westdeutschen Kindheit in den 50er und 60er Jahren. Der Wunsch nach Normalität bestimmt die autobiographischen Aufzeichnungen der jüdischen Amerikanerin Laura Waco, als Tochter von Auschwitz-Überlebenden in Freising bei München geboren und aufgewachsen. Aber wie in so vielen Nachkriegsfamilien geht der gewünschte Eindruck von Normalität auf Kosten der Kommunikation zwischen den Generationen. "Von zu Hause wird nichts erzählt", ermahnt der Vater seine Töchter immer wieder, und Laura Waco setzt sich erst über 30 Jahre später mit ihrem Buch endlich über dieses väterliche Verbot hinweg. Vielleicht tut sie es, weil sie hofft, nun, 50 Jahre nach Kriegsende, endlich ein offenes Ohr für ihre Geschichte zu finden. Denn bei allen Gemeinsamkeiten unterscheiden sich Lauras Kindheits- und Jugenderfahrungen doch vehement von denen ihrer Altersgenossinnen. Worüber zu Hause nur andeutungsweise gesprochen wird und wovon nichts nach draußen dringen soll, das sind nicht die Fronterlebnisse des Vaters. Es sind die Leiden der Mutter auf dem Todesmarsch, weswegen diese keinen Spaziergang mehr machen möchte. Andeutungen werden gemacht nicht über den Krieg, sondern über das Lager. Aber die kleine Laura kann kein Mitleid, keine Solidarität mit den Eltern empfinden. Auch deren hilflose Versuche, jüdische Identität zu definieren und an ihre Kinder weiterzugeben, sind für sie nur einschränkend und lästig. Es ist ihr unverständlich, warum ihre geliebten Schinkensemmeln verboten sein sollen - nur weil der Vater auf einmal behauptet, Juden äßen kein Schweinefleisch. Das Schicksal der Anne Frank - für viele gleichaltrige nicht-jüdische Jugendliche in Ost und West die Verkörperung des unschuldigen Nazi-Opfers überhaupt - läßt Laura ziemlich kalt: "Was für ein Pech, daß die arme Anne Frank es nicht noch ein paar Wochen länger ausgehalten hat; dann wäre sie befreit worden von den Engländern, so wie die Mutti und die Tante Ida und die Tante Jaga."Die Stärke von Laura Wacos autobiographischer Geschichte liegt in der überzeugenden Gestaltung der kindlichen Perspektive im ersten Teil des Buches. Sie ist nicht, wie so oft, überlagert von nachträglichen Einsichten der Erwachsenen. Gerade diese Einfachheit und Naivität des Ausdrucks ermöglicht dem Leser die Einfühlung in die Erfahrungswelt des Mädchens. Der spätere Text reflektiert dann auch sprachlich die reifere Laura, die zwar noch immer unter der Erfahrung des Andersseins leidet, nun aber eine Möglichkeit gefunden hat, sich mit ihrem Judentum zu identifizieren. Sie kann es kaum erwarten, im Geschichtsunterricht des von ihr vergötterten Herrn Ludewig ihr Referat über das Schicksal der polnischen Juden nach 1939 zu geben. Doch die brave Schülerin wird unversehens zum "schrecklichen Mädchen". Der Lehrer unterbricht ihren sorgfältig vorbereiteten Vortrag, IHRE Geschichte, mit dem Hinweis auf die Kriegshelden der deutschen Bevölkerung und die wirtschaftlichen Errungenschaften des Nationalsozialismus.Für Laura Waco ist Deutschland trotzdem Heimat. Darum hat sie ihre Geschichte bewußt auf Deutsch für die Deutschen geschrieben. Drei Jahre hat es gedauert, bis sich ein Verlag für ihr Buch interessierte. Laura Waco: Von zu Hause wird nichts erzählt. Eine deutsch-jüdische Geschichte. P. Kirchheim Verlag, München 1996. 280 S., 39,80 Mark. +++

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