Nach dem massiven Polizei-Einsatz in der weißrussischen Hauptstadt will Oppositionsführer Milinkewitsch vorerst auf Großkundgebungen verzichten

Vor der schwarzen Mauer

Katja Tichomirowa
4 Min

MINSK. Es ist ruhig auf dem Oktoberplatz, Spaziergänger schlendern auf und ab, die Sonne scheint. Auf dem auf dem Prospekt Nesaloschnosti, dem Unabhängigkeits-Boulevard in Minsk, sind kaum Autos unterwegs. Sonntägliche Stille. Die weißrussische Revolution hat nicht stattgefunden. Am Morgen zuvor waren die Straßen im Stadtzentrum voller Menschen.Aus allen Metro-Stationen um den zentralen Oktoberplatz in der weißrussischen Hauptstadt strömten sie zur Kundgebung der Opposition, zum Protest gegen die Wiederwahl Alexander Lukaschenkos. Aufgehalten werden sie von einer schwarzen Mauer. Sicherheitskräfte des Innenministeriums, die Speznas, schwarzgekleidete Sondereinsatzkräfte, die sich um den Platz postiert haben, ausgerüstet mit Schlagstöcken, den Strom der Menschen zurückzudrängen. Eine Stunde lang stehen sie sich so gegenüber. Die hochgerüstete weißrussische Staatsgewalt und ihre Gegner.Immer wieder versuchen Einzelne die schwarze Mauer zu durchbrechen, immer wieder werden sie zurückgedrängt. Die Demonstranten ziehen schließlich weiter durch die Innenstadt, auf ihrem Weg begleitet von tausenden Milizionären, hunderten Mitarbeitern des weißrussischen Geheimdienstes, die die Menge mit Videokameras filmen.Die Menge strömt zum Park Janko Kupala, benannt nach einem weißrussischen Nationaldichter des 19. Jahrhunderts. Auf dem kleinen Platz zu Füßen seines Denkmals haben sich die Führer der Opposition versammelt. Alexander Milinkewitsch und Alexander Kosulin sprechen. Vielleicht 7 000 Menschen sind hierher gekommen. Über ein einfaches Megafon spricht Milinkewitsch vom moralischen Sieg der Opposition, vom Mut der Menschen, die sich hier versammelt haben. Von der Staatsgewalt fordert er eine Wiederholung der Präsidentenwahl: freie und faire Wahlen!"Schande, Schande!", erwidert die Menge. Milinkewitsch fordert von der internationalen Gemeinschaft, Weißrussland nicht länger zu vergessen. Rasom! Vereint!, antwortet die Menge. Und schließlich verkündet Milinkewitsch "die Schaffung der Volksbewegung für die Befreiung Weißrusslands". "Wir werden nicht noch einmal fünf Jahre bis zur nächsten Präsidentenwahl warten!", ruft er. "Es lebe Weißrussland!", skandiert die Menge."Es ist gut, dass die internationale Öffentlichkeit Weißrussland nun wahrnimmt", sagt ein EU-Vertreter, der am Rand des Parks das Geschehen beobachtet. "Was hier geschieht ist vielleicht ein Anfang." Die zwölf Staaten der EU, die mit Botschaften in Weißrussland vertreten sind, agieren nun gemeinsam. Gegen die Räumung der Zeltstadt, die auf dem Oktoberplatz errichtet worden war, haben die Zwölf am vergangenen Mittwoch Protest beim weißrussischen Außenamt eingelegt. Auch gegen die Verhaftung der Demonstranten, die dort ausgeharrt hatten. Sie sind noch immer in Haft.Viele Angehörige der Inhaftierten sind zur Kundgebung im Janko-Kupala-Park gekommen. "Ich stehe hier für meinen Sohn", sagt eine Frau. "Und für die anderen, die mit ihm verhaftet worden sind." Gegen drei Uhr am Nachmittag löst Alexander Milinkewitsch die Versammlung auf. "Geht in die Dörfer", fordert er die Menge auf, "und berichtet von den Ereignissen hier. Am 26. April sehen wir uns wieder, wir werden weiter kämpfen!"Alexander Kosulin dagegen fordert die Menge auf, zum Gefängnis in der Okrestinostraße zu ziehen, wo die Inhaftierten einsitzen sollen. "Wir werden die Jungen befreien!", ruft er. "Tut das nicht!" ruft die Frau Milinkewitschs den abziehenden Menschen hinterher. "Keine Provokationen!" Vor dem Gefängnis stehen vielleicht 50 Frauen und Männer, die auf Nachricht vom Schicksal ihrer Söhne und Töchter warten. Über den russischsprachigen Sender von Euronews haben sie von der Räumung der Zeltstadt in der Nacht zum Freitag erfahren."Unsere Fernsehsender haben die Ereignisse mit keinem Wort erwähnt", sagt eine Frau, deren Sohn hier inhaftiert sein soll. "Es ist immer schlimmer geworden, mit jedem Jahr. Nur noch Lüge, Betrug und Erpressung. Von der Gefängnisverwaltung ist nichts zu erfahren, anrufen kann man sie nicht. Es gibt keine Liste der Inhaftierten. Wir wissen nichts", sagt sie. Und: "Mitten in Europa soll Weißrussland sein, wie Lukaschenko nun behauptet? Dass ich nicht lache. Wir leben in einem Polizeistaat, in einer wirklichen Diktatur. Wer nicht für Lukaschenko stimmt, wer sich öffentlich gegen ihn äußert, wird entlassen, verliert seinen Studienplatz oder wird gleich verhaftet."Ein Dutzend Speznas-Kräfte drängt die kleine Gruppe der Angehörigen über einen Weg zurück Richtung Straße. Der Zug der Demonstranten vom Park Janko Kupala zum Gefängnis ist inzwischen von einer Sondereinheit des Innenministeriums am Staatlichen Musiktheater aufgehalten worden. Dutzende Menschen werden mit Schlagstöcken verprügelt und inhaftiert. Unter ihnen auch der Oppositionsführer Alexander Kosulin.Alexander Milinkewitsch befinde sich an einem sicheren Ort, heißt es am Sonnabend. Sein engster Mitarbeiter Pawel Moschaiko wurde verhaftet. Über das Schicksal Kosulins ist nichts in Erfahrung zu bringen. Seine Frau hat eine Vermisstenanzeige aufgegeben. Tags darauf sagt Milinkewitsch der russischen Agentur Itar-Tass, es werde vorläufig keine Großkundgebungen der Opposition mehr geben.------------------------------Foto: Uniformierte bilden am Oktoberplatz einen Wall gegen die Demonstranten.

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