Nach den Pannen in deutschen Kernkraftwerken und heftiger Regierungsschelte wackelt der Stuhl von Konzernchef Josefsson

Attacken gegen Vattenfall

Hannes Gamillscheg
4 Min

KOPENHAGEN. Der staatliche Energiekonzern Vattenfall hat in Deutschland wegen der Pannenreaktoren Krümmel und Brunsbüttel zurzeit nicht gerade den besten Ruf. Nun steckt er auch in seiner schwedischen Heimat in einer schweren Vertrauenskrise. Nachdem der Konzern sein Stromnetz verkaufen und das Geld in Atommeiler investieren wollte, aber von der Regierung zurückgepfiffen wurde, wackelt nun der Stuhl unter Konzernchef Lars G. Josefsson. Während seines zehnjährigen Regiments wurde Vattenfall zu einem der großen Spieler auf dem europäischen Energiemarkt."Warenzeichen beschädigt"Er begegne der Kritik mit "Demut" und werde die Anstrengungen für mehr Offenheit und Transparenz "verdoppeln", sagte Josefsson gestern, nachdem Vattenfall von Industrieministerin Maud Olofsson ungewöhnlich scharf attackiert worden war. Sie sei unzufrieden mit der Entwicklung des Staatskonzerns, sagte Olofsson: das Warenzeichen sei beschädigt, die Umstellung auf nachhaltige Energieträger gehe schleppend und die Rentabilität sei schwach, monierte die Ministerin und warf Josefsson "Führungsschwäche" vor. Ob sie noch Vertrauen in den Konzernchef habe, wollte sie nicht beantworten: "Das ist eine Frage für den Aufsichtsrat."Olofsson bestätigte, dass die Regierung einen Plan des Unternehmens verworfen habe, sein schwedisches Stromnetz zu verkaufen, um mit den davon erhofften rund fünf Milliarden Euro in die britische Atomindustrie einzusteigen. Auch den Versuch Vattenfalls, gemeinsam mit der deutschen RWE den Nuklearstromproduzenten British Energy zu übernehmen, hatte das Kabinett in Stockholm blockiert. Zuvor hatte der Konzern, der in Schweden vor allem Wasser- und Atomkraft nutzt, in einem wegen des hohen Preises umstrittenen Geschäft für rund zehn Milliarden Euro den auf Öl und Gas spezialisierten niederländischen Marktführer Nuon gekauft und damit den Anteil fossiler Brennstoffe an der Stromerzeugung stark erhöht. In Deutschland und Polen produziert man vor allem Kohlestrom, was Josefsson, der als Klimaberater von Bundeskanzlerin Angela Merkel und UN-Generalsekretär Ban Ki Moon fungierte, auf Kollisionskurs mit der Umweltbewegung brachte. "Vattenfalls CO2-Ausstoß ist jetzt doppelt so hoch wie der ganz Schwedens", prangert Greenpeace an.Es sei nicht gelungen, der Bevölkerung die Umwandlung von einem "rein schwedischen, CO2-neutralen Vattenfall in einen führenden europäischen Energiekonzern" plausibel zu machen, erkannte Josefsson in einem Beitrag für die Zeitung Dagens Nyheter. Hinzu komme "berechtigte Kritik" an der "mangelhaften Sicherheitskultur" in den deutschen und schwedischen Kernkraftwerken. Dies habe Vattenfall in eine Vertrauenskrise gestürzt. Nun gelte es, das "Vertrauen unseres obersten Auftraggebers, des schwedischen Volkes" wiederzugewinnen. Er gelobe eine Verbesserung der Sicherheitskultur, sagte Josefsson im schwedischen Rundfunk. Die Kritik nehme er großteils auf seine Kappe, er stehe dem Aufsichtsrat zur Verfügung und könne seinen Posten nur so lange ausüben, solange er dessen Vertrauen habe. Nach der linken Opposition forderten gestern auch Zeitungskommentatoren den Rücktritt Josefssons.Industrieministerin Olofsson kündigte neue Eignerdirektiven für den Staatskonzern an, in denen das grüne Profil geschärft werden soll. Vattenfall solle eine führende Rolle bei Europas Umstellung auf nachhaltige Energieträger spielen. Hier bahnt sich ein neuer Konflikt mit der Strategie Josefssons an, in der der Atomkraft eine Hauptrolle bei der geplanten Verdoppelung der Stromerzeugung bis 2030 zugedacht ist.In Vattenfalls Energie-Mix stehen gegenwärtig fossile Energieträger für fast die Hälfte der Produktion. Ihr Anteil soll in den nächsten 20 Jahren auf 30 Prozent fallen, bis 2050 will man "kohlendioxydneutral" sein. Dafür sollen Windkraft und Bioenergie stark ausgebaut, aber auch die Atomkraft gestärkt werden. Laut internen Papieren - von Vattenfall als "hypothetisches Szenario" bezeichnet - soll die Produktion von Nuklearstrom um 70 Prozent steigen. Dies soll unter anderem durch den Bau von neuen, effektiveren Reaktoren an Stelle der alten schwedischen Kraftwerke geschehen, deren Laufzeit in zehn bis fünfzehn Jahren endet. Schwedens Regierung hatte im Frühjahr das bisherige Verbot für den Neubau von AKW aufgehoben.------------------------------"Vattenfalls CO2-Ausstoß ist jetzt doppelt so hoch wie der ganz Schwedens." GreenpeaceFoto: Offshore-Windkraftanlage Lillgrund vor der Küste von Schweden: Aus Sicht der Regierung vernachlässigt Vattenfall die Öko-Stromproduktion.

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