Nach der Freigabe der "Rosenholz"-Datei ist das Interesse der Medien an der Stasi-Spionage wieder erwacht

Neue Runde

Andreas Förster
3 Min

Hatte die Stasi ihre Finger doch im Spiel, als der Medienreferent Reiner Pfeiffer 1987 sein schmutziges Spiel in Kiel und den Ministerpräsidenten Uwe Barschel in den Tod trieb? War der heutige Spiegel-Chefredakteur Stefan Aust, als er in den sechziger Jahren noch als einfacher Redakteur kämpferische Artikel in der Hamburger Linkspostille konkret veröffentlichte, wie einige seiner Redaktionskollegen in die Fänge der HVA geraten? Und was ist mit Werner Mauss - hatte der mythenumwobene Privatdetektiv etwa einen geheimen Kanal in die Ost-Berliner Normannenstraße?Höchste Antragszahl seit 1997 Seit vergangenem Sommer haben diese und ähnliche Fragen wieder Konjunktur. War das Medieninteresse an den Stasi-Akten in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre schon deutlich abgeebbt, ist seit der Freigabe der so genannten "Rosenholz"-Datei im Juli letzten Jahres das Interesse an deutsch-deutschen Spionagestories plötzlich wieder da. In der Behörde der Bundesbeauftragten Marianne Birthler registrierte man im Jahr 2003 die höchste Zahl von Medienanträgen seit 1997: Insgesamt gingen 584 Anfragen aus den Redaktionen ein. Ein Jahr zuvor waren es nur 429. Der Auslöser für den neuen Stasi-Hype war die Entscheidung des US-Geheimdienstes CIA, die "Geheim"-Einstufung der an Deutschland übergebenen 381 CD-Rom aufzuheben. Auf den Silberscheiben sind Kopien der auf verschlungenen Pfaden in die USA gelangten mikroverfilmten Arbeitskartei der für Auslandsspionage zuständigen Hauptverwaltung A (HVA) gespeichert. Diese Kartei enthält die Namen von schätzungsweise 6 000 westdeutschen und über 20 000 ostdeutschen HVA-Mitarbeitern. Nach der nun weitgehend abgeschlossenen technischen Aufbereitung des Materials steht die Datei ab April auch für die Rechercheaufträge der Medien zur Verfügung.Ein erster Test für die Handhabung der "Rosenholz"-Unterlagen war der Fall des mit der Stasi wie auch immer verbandelten Publizisten Günter Wallraff im vergangenen August. Nachdem die Behörde sich bei der Beurteilung einer möglichen IM-Tätigkeit Wallraffs anfangs in Widersprüche verstrickt hatte, präsentierte Frau Birthler schließlich die in "Rosenholz" gespeicherte Karteikarte und legte sich fest: "Die in (dem HVA-Datenprojekt) Sira und in Rosenholz gefundenen Daten belegen, dass Herr Wallraff vom MfS als IM geführt wurde", erklärte sie Anfang September 2003.Das Vorgehen im Fall Wallraff soll der Maßstab sein für den künftigen Umgang mit "Rosenholz". Ein IM-Eintrag in der Datei allein reicht demnach nicht aus für ein abschließendes Urteil über eine mögliche Zusammenarbeit des Betreffenden mit der Stasi. Lediglich wenn sich außer in "Rosenholz" noch in anderen existierenden HVA-Unterlagen Hinweise auf eine IM-Tätigkeit finden, können Journalisten diese Materialien komplett in Empfang nehmen. "Nur eine Karteikarte mit der Aufschrift IM aber geben wir nicht heraus", sagte Marianne Birthler. Und noch eins machte die Behördenchefin klar: "Rosenholz" dient nicht dazu, Personenlisten von Journalisten abzuarbeiten. Solche "Überprüfungsanträge", wie sie in der Behörde bereits eingegangen sind, haben keine Chance, bearbeitet zu werden. Man muss also schon sehr genau begründen, warum etwa die Herren Pfeiffer, Aust und Mauss in der "Rosenholz"-Datei gesucht werden sollen.Ergiebige Hinterlassenschaft // Neben der "Rosenholz" genannten Arbeitskartei sind noch weitere Daten- und Aktenbestände der HVA in der Birthler-Behörde vorhanden. Die bedeutendste Datei ist Sira, ein elektronisches Datenprojekt, in dem alle von HVA-Agenten gelieferten Informationen in Kurzform gespeichert sind.Auch der Aktenbestand der HVA ist noch überraschend groß, obwohl sie ihr Archiv weitgehend vernichten konnte. So ist fast jede fünfte IM-Akte der HVA-Geschichte noch vorhanden. Hinzukommen eine Vielzahl von Einzeldokumenten, die sich in den Unterlagen anderer Diensteinheiten finden.Foto: Hatte die Stasi im Fall Barschel ihre Finger im Spiel?

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