Zwei Überzeugungen sind es, auf die sich die Nato seit fast 60 Jahren stützt: Dass militärische Macht grundsätzlich notwendig ist, und dass solche Macht am besten gemeinsam und unter der Führung der USA ausgeübt wird. Auf diese Pfeiler hat sich das westliche Militärbündnis während des Kalten Krieges gestützt und noch lange danach. Doch nun werden sie brüchig. Ausgerechnet die drei größten Kriege, die die westliche Welt in den vergangenen Jahren geführt hat - Kosovo, Irak und Afghanistan - haben den Zusammenhalt der Nato ausgehöhlt. Auch wenn heute fast 50.000 Soldaten weltweit unter Nato-Flagge im Einsatz stehen - die Krise der Allianz frisst sich fort.Der Kosovo-Krieg 1999 erschütterte das Vertrauen der USA in die Funktionsfähigkeit des Bündnisses. Die US-Generäle verfluchten die schwierigen Abstimmungen im Brüsseler Nato-Hauptquartier. Ungläubig erlebten sie, wie Frankreich sogar sein Veto gegen bestimmte Bombenziele einlegte. Die Schlussfolgerung des US-Militärs: Nie wieder "Kriegsführung per Ausschuss". Bei den nächsten Militäraktionen verzichtete Washington denn auch darauf, bei der Nato anzuklopfen. Zum Entsetzen des Bündnisses baute die Supermacht stattdessen auf Koalitionen der Willigen. Auf eine solche Koalition stützten sich die USA auch 2003 im Irak-Krieg, der die Nato spaltete wie nie zuvor. Einige Mitgliedsländer schickten Soldaten zur Verstärkung der US-Armee, andere, unter ihnen Deutschland und Frankreich, stellten sich offen gegen die USA. In der Nato selbst wurde offiziell kaum je über den Krieg gesprochen. Aber allen Mitgliedern ist seither bewusst, wie trügerisch der Glaube an die Gemeinsamkeiten der westlichen Welt war.Immer deutlicher zeigt sich zudem, welch ein militärisches und politisches Desaster der Irak-Feldzug angerichtet hat. Selbst der zunächst einvernehmlich beschlossene Afghanistan-Einsatz erscheint von Monat zu Monat fragwürdiger. Überall in Afghanistan sind westliche Truppen inzwischen Terror-Angriffen ausgesetzt, die Taliban-Kämpfer haben sich neu formiert, und viel zu oft sind bei Angriffen der US-Truppen Zivilisten getötet worden. Das alles weckt in den Nato-Ländern Zweifel daran, ob Militäreinsätze überhaupt geeignet sind, ein Land zu befrieden und zu demokratisieren. Zwar hat der Bundestag jetzt die Afghanistan-Mandate verlängert. Doch die Bevölkerung steht nicht mehr hinter der Mission am Hindukusch.So ist es eine wirkliche Legitimitätskrise, die die Nato erfasst hat: Wozu gibt es die Allianz, wenn der Einsatz militärischer Mittel nutzlos oder gar schädlich ist und ihre Führungsmacht USA die falschen Entscheidungen trifft? Eine offene Debatte findet nicht statt. Aber wie tief das Unbehagen bei den Nato-Ländern sitzt, zeigt sich an ihrem Unwillen, die konkreten Probleme des Bündnisses gemeinsam anzugehen: Nato-Staaten halten ihre Zusagen für die Truppenstellung nicht ein, ihre Verteidigungsausgaben sinken, die Zusammenarbeit mit der Europäischen Union funktioniert nicht, das Verhältnis zu Russland wird immer schlechter, und es gibt Dissens über die nächste Erweiterungsrunde. Und, besonders symbolkräftig: Vor kurzem musste die Nato einräumen, dass ihre Pläne für eine schnelle Eingreiftruppe nicht durchführbar sind. Im Frühjahr 2009 wollen sich die Regierungschefs der 26 Nato-Staaten zum Jubiläumsgipfel in Berlin versammeln. Mit Stolz werden sie dann auf 60 Jahre Bündnis-Geschichte zurückschauen. Nach vorne blicken werden sie vermutlich lieber nicht.
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