BERLIN. Sie strahlt. Alles an Beate Kräning - ihre Augen, ihre Körperhaltung, ihre Ausdrucksweise - all das sagt: Mir geht es gut. "Ich war am richtigen Ort zur richtigen Zeit", sagt sie. Als die Mauer fiel, war die heute 35-Jährige noch in der Ausbildung im Ost-Berliner Werk für Fernsehelektronik. Anschließend wechselte sie zur Firma Silicon Sensor, die sich gerade ausgegründet hatte. Sie wurde Chefin der Buchhaltung - in einer Firma, die bald weltweit aktiv war. Deshalb ist Beate Kräning überzeugt: "Ich bin eine Globalisierungsgewinnerin."Sie kann sich noch gut erinnern, wie sie das erste Mal ahnte, dass sich etwas geändert hatte in der Welt, die auch ihre Welt war. Mitte der neunziger Jahre, das Wort Globalisierung war noch kaum gebräuchlich, sagte ihr Chef zu ihr, es wäre gut, wenn sie noch einen Business-Englischkurs belegen würde. "Wir bekamen damals immer mehr Aufträge aus allen Teilen der Welt und haben wenig später selbst Niederlassungen in Amerika und auf den Philippinen gegründet." Heute fühlt sich die Berlinerin sicher in der fremden Sprache - und sieht die weltweite Vernetzung als etwas an, das ihren Arbeitsplatz und andere Jobs in der Firma sichert.Ihr Chef Bernd Kriegel, 51, hat sie zum Gespräch in sein helles Büro hinzugebeten. Aus dem Fenster blickt man auf die Spree und die Brache, auf der die Silicon Sensor AG ihr neues Werk für optoelektronische Spezialsensoren errichten will, das 2008 in Betrieb gehen soll.Mitten im GlobalisierungssturmBeate Kräning und die anderen Mitarbeiter haben sich hier, im vierten Stock des denkmalgeschützten Behrens-Turmbaus vis-a-vis dem alten Kabelwerk Oberspree, jahrelang gefühlt wie im Auge eines Globalisierungssturmes. Auf dem Gebäude steht noch immer das Logo des südkoreanischen Elektronikkonzerns Samsung. Er hat die Reste des riesigen DDR-Werkes für Fernsehelektronik übernommen, vor anderthalb Jahren verlagerte er die Produktion nach Ungarn. Es erscheint heute unvorstellbar, dass hier früher 9 500 Menschen und zu Samsung-Zeiten immer noch 1 100 Arbeiter beschäftigt waren. Seit dem Samsung-Debakel wissen auch die Mitarbeiter von Silicon Sensor, wie hart die globalisierte Wirtschaft sein kann.Kriegel, der im DDR-Werk als gelernter Physiker die Abteilung für Optoelektronik geleitet hatte, gründete mit der finanziellen Hilfe westdeutscher Partner 1991 die kleine Firma Silicon Sensor GmbH. Heute konkurriert sie weltweit nur mit vier Unternehmen - aus Japan und den USA ; in Europa ist sie sogar Marktführer. "Wir sind eigentlich eine Manufaktur", sagt Kriegel. "Wir stellen Spezialserien und Einzelfalllösungen bei optischen Sensoren bereit."Optische Sensoren sind High-Tech-Geräte, etwa für Maschinenund Automobilbau, Medizin und Raumfahrt, deren Möglichkeiten wie wahr gewordene Science Fiction wirken. Silicon-Sensor-Chips umkreisen mit der europäischen Sonde Mars Express den roten Planeten und liefern sensationelle Stereobilder von seiner Oberfläche. Die Scanner der Firma stecken in den Mautbrücken auf deutschen Autobahnen. Mit ihren optoelektronischen Winzlingen können Ärzte Krebstumore lokalisieren. Wenn alles gut geht, steht Silicon Sensor kurz vor dem Sprung in den Massenmarkt: Das Team hat Sensoren entwickelt, die im Auto während der Fahrt den Abstand zum Vorder- und Hinterwagen messen und so preisgünstig sind, dass sie sich für Mittelklassewagen eignen."Der entscheidende Schritt auf den Weltmarkt war natürlich unser Börsengang 1999", sagt Bernd Kriegel. Silicon Sensor war damals die kleinste Firma im Neuen Markt. Im lockeren Umgang der Mitarbeiter meint man noch ein Echo der New Economy zu spüren. Aber es ist wahrscheinlich mehr der gemeinsam bewältigte Aufstieg aus den Ruinen der DDR-Economy ins globale Geschäft, der sie zusammenschweißt.Basis bleibt in Deutschland1999 hat wurde eine Dependance in Los Angeles mit heute sieben Mitarbeitern gegründet, für den asiatischen Markt ist eine Filiale in Manila zuständig. Und der Sprung nach China scheint unausweichlich zu sein. Die Basis des Unternehmens, das jetzt 275 Mitarbeiter zählt, soll dennoch in Deutschland bleiben. Die Risiken wiegen den kurzfristigen Lohnvorteil nicht auf. Buchhalterin Beate Kräning hat denn auch keinen Zweifel, dass sie in zehn Jahren immer noch bei Silicon Sensor arbeiten wird, "aber im Neubau und hoffentlich mit Blick auf die Spree". Ihre Augen leuchten, als sie das sagt. Sie hat ihr ganzes Arbeitsleben bei der Firma verbracht, noch nie musste sie zum Arbeitsamt. "Mein Job hier ist ein absoluter Glücksfall, wenn man hört, was andere für Schwierigkeiten haben", sagt sie.Auch privat hat Beate Kräning nach 1989 die Welt zu erobern begonnen. Sie ist nach Spanien, nach Thailand, nach Sri Lanka gereist. Sie zeigt auf den riesigen Reliefglobus, der im Büro ihres Chefs steht. Wenn Bernd Kriegel nicht ein ganz gradliniger Mensch wäre, könnte man diesen Plastikglobus für eine subtile Art postmoderner Ironie halten. Aber nein. "Damit mache ich mir klar", sagt Kriegel, "dass ich im Jahr etwa viermal um die blaue Kugel herumfliege." Er sagt es, als könne er noch immer nicht recht glauben, dass er zu jenen gehört, die das große globale Spiel mitspielen.------------------------------Foto: Beate Kräning, 35, mit dem Globus ihres Chefs
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