Es war nicht leicht, in den Monaten nach dem russischen Einmarsch in der Ukraine im Februar 2022 Distanz zu wahren. Distanz dem Kriegsgeschehen gegenüber, auch gegenüber den wirklichen und den nur vermeintlichen Bösewichten der russischen Politik. Die öffentliche Empörung schwappte über, Sanktionen wurden erlassen, noch mehr Sanktionen wurden gefordert.
Vor allem die „Oligarchen“ standen im Visier. Schon damals war das Wort ein Anachronismus. Oligarchie als Machtausübung durch einige Wenige beschreibt vielleicht die russischen Verhältnisse um 1996 unter Boris Jelzin – nicht die unter seinem Nachfolger. Heute ist „Oligarch“ nur ein ressentimentgeladenes Etikett für russische Superreiche; keiner der so Bezeichneten übt jenseits des eigenen Betriebsgeländes reale Macht aus.
2022 wurde dann in Deutschland ein Mann prominent, den man zuvor nur am Tegernsee kannte: Alischer Usmanow. Der Grund: Mit Usmanow kam „die Chance, endlich an das Vermögen zumindest eines russischen Oligarchen heranzukommen“.
So formulierte es der Spiegel in einem „Dossier“ aus dem September 2022. Das Hamburger Magazin wusste auch von dem „besonderen Kniff“, den die Staatsanwälte sich ausgedacht hatten: Geldwäsche und Steuerhinterziehung.
Rechnung ohne den Wirt
Zu dem Zeitpunkt war der gebürtige Usbeke, Staatsbürger Usbekistans und der Russischen Föderation, schon seit Monaten EU-sanktioniert. Die Schuldvermutung basierte, wie sich herausstellen sollte, auf kolportierten Behauptungen. Der Unternehmer war nicht „einer von Putins Lieblingsoligarchen“, er hatte auch nicht als „Putins Strohmann“ gedient – dennoch hatten diese und andere Zuschreibungen ihren Weg in die EU-Sanktionsbegründungen gefunden.
Dass die Auswahl auf Usmanow fiel, liegt nahe. Drei teure Immobilien am Tegernsee und eine Superjacht in Bremen befanden sich im Eigentum zweier sogenannter Trusts, stiftungsähnlicher Institutionen, die Usmanow Jahre zuvor eingerichtet hatte. Es gab also etwas zu holen – dachten die deutschen Staatsanwälte.
Allein, sie hatten die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Das Trust-Vermögen kann Usmanow nicht zugerechnet werden. Folglich waren die martialisch inszenierten Hausdurchsuchungen laut späterer Gerichtsentscheidung rechtswidrig. Beschlagnahmte Gegenstände mussten zurückgegeben werden, Ermittlungen wurden eingestellt, kein Prozess wurde je eröffnet. Inzwischen wird nur noch wegen des Verdachts auf Steuerhinterziehung ermittelt. Rechtsexperten sind überzeugt, dass es auch da nicht zum Verfahren kommt.
Es war der Widerwille angesichts des kollektiven Jagdfiebers, der die Berliner Zeitung schon früh auf Usmanow aufmerksam machte. Die erste Begegnung fand in Taschkent Ende 2022 statt. Seitdem haben wir die Auseinandersetzung des streitbaren Milliardärs mit den europäischen Sanktionen und der deutschen Justiz eng begleitet – mit dem über die Jahre wachsenden Gefühl, dass hier jemand um sein Recht kämpft, weil er recht hat.
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Das hat dazu beigetragen, dass auch deutsche Spitzenanwälte, die bei weitem nicht jedes Milliardärsmandat annehmen, sich für den Unternehmer starkmachten. Etwa der Hamburger Medienanwalt Joachim Nikolaus Steinhöfel, der zwischen 2023 und 2026 mehr als ein Dutzend Gerichtsurteile und mehr als 100 Unterlassungserklärungen zu seinen Gunsten erwirkte, begleitet von der Löschung hunderter falscher Artikel und Links.
Seinen spektakulärsten Sieg landete Steinhöfel Ende Januar 2026, als das Landgericht Hamburg der Frankfurter Allgemeinen Zeitung die Verbreitung falscher Tatsachenbehauptungen auf Basis angeblicher „Enthüllungen“ des 2024 in russischer Haft ums Leben gekommenen Korruptionsjägers Alexej Nawalny untersagte. Dieselben Vorwürfe hatten dem Europäischen Rat als Begründung für Usmanows Sanktionierung gedient.
Bei aller gebotenen unternehmerischen Klugheit – Fakt ist, dass Usmanow auch im Russland der 1990er und 2000er im Rahmen der Legalität blieb. Das unterstreicht nur sein Talent. Noch zu Zeiten der Perestroika und Michail Gorbatschows begann er 1987 mit der Produktion von Plastiktüten, importierte später amerikanische Zigaretten, gewann an der jungen Börse und gründete eine Investmentgesellschaft. Ab 1996 kaufte er sich in das Metallkombinat OEMK und den Eisenerzhersteller Lebedinskiy GOK ein. 1997 berief der damalige Gazprom-Chef Rem Wjachirew den 44-Jährigen ins Management der Gazprominvestholding.
Um die Voucher-Privatisierung und die Kredite-für-Aktien-Auktionen der 1990er-Jahre machte Usmanow nach eigenen Angaben einen Bogen. „Man konnte damit rasch zu sehr viel Geld kommen“, sagte er im Rückblick, „aber mir war damals klar: Die Rechnung kommt später.“
Gemeinnütziges Engagement
In der digitalen Tech-Ökonomie nahm seine unternehmerische Karriere richtig Fahrt auf. 2008 stieg er mit 35 Prozent bei der Digital Sky Technologies (DST) des russischen Internet-Pioniers Juri Milner ein. Es folgten Investitionen in Alibaba, Airbnb, Twitter, Spotify, Apple, Facebook und Zalando. Sein 200-Millionen-Investment in Facebook 2009 war zur Zeit des Börsengangs 2012 einige Milliarden Dollar wert.
Parallel profilierte sich Usmanow durch gemeinnütziges Engagement. Eine Auswertung der „Sunday Times“ aus dem Jahr 2021 zählt ihn zu den finanzstärksten Philanthropen der Welt. Insgesamt spendete er über 20 Jahre hinweg mehr als sieben Milliarden Dollar. Ein Schwerpunkt des Engagements liegt in Usbekistan. Dort unterstützt er die Modernisierungspolitik des seit zehn Jahren amtierenden Präsidenten Schawkat Mirsijojew. Als größtes Einzelprojekt gilt das im März 2026 eröffnete Zentrum für Islamische Zivilisation in Taschkent.
Seiner Heimatprovinz Namangan spendete Usmanow 50 Millionen Dollar für das staatliche Bauförderprogramm „Obod Qishloq“ – im ganzen Land waren es mehr als 200 Millionen Dollar. 2020, nach dem Bruch des Sardoba-Staudamms, stellte er den Betroffenen in Usbekistan und Kasachstan 15 Millionen Dollar zur Verfügung. Während der Corona-Pandemie flossen weitere 25 Millionen an usbekische Gesundheitsstiftungen. Zudem finanzierte er einen medizinischen Komplex in Taschkent und mehrere Augenkliniken – in Deutschland war er wiederholt wegen einer Netzhautablösung in Behandlung. Das ist nur ein Ausschnitt seines zentralasiatischen Mäzenatentums.
Der ehemalige Säbelfechter, der als junger Mann für die usbekische Sowjetrepublik antrat, amtierte zudem bis 2022 als Präsident des Internationalen Fechtverbands (FIE). 2024 wurde er wiedergewählt, wobei die Amtsgeschäfte bis zur Aufhebung der Sanktionen durch einen Interimspräsidenten ausgeübt werden. Usmanows Zuwendungen an die FIE sichern die Existenz nationaler Fechtverbände in einkommensschwachen Ländern Afrikas und Südamerikas. Weiterhin unterstützt er paralympische Athleten und pensionierte Sportler.
Traditionen der muslimischen Welt
Trivia am Rande: 2019 ersteigerte er für fast neun Millionen Dollar das Originalmanuskript des Olympischen Manifests von Pierre de Coubertin aus dem Jahr 1892. Im Jahr 2020 schenkte er es dem Olympischen Museum in Lausanne – eine Geste zu Ehren des französischen Gründers der modernen Olympischen Spiele.
Derselbe Usmanow steht – inzwischen: stand – auf den Sanktionslisten der Europäischen Union. Er selbst hat die Zuschreibung „kremltreu“ von Anfang an als unwahr abgelehnt. Seinem Selbstverständnis nach dient er keinem politischen Herrn, sondern unternehmerischen und philanthropischen Interessen – im Einklang mit den Forderungen, die der Islam an einen erfolgreichen Unternehmer stellt: sei es der Zakat, die jährliche Pflichtabgabe von 2,5 Prozent des Geschäftsvermögens, oder die freiwillige Spende des Sadaqah.
Bei aller Säkularität ist Usmanows Verwurzelung in den Traditionen seiner muslimischen Welt unübersehbar. Wer das nicht in Rechnung stellt und das philanthropische Engagement etwa als Feigenblatt für Bereicherung am Rande der Illegalität abtut, offenbart ein gefährlich eurozentrisches Unverständnis dafür, dass andere ganz anders motiviert sein können als wir selbst.
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Ausschlaggebend für Usmanows Desanktionierung waren letztlich das Zusammenwirken von politischer Erfahrung, Gerechtigkeitsempfinden und Opportunität. Die Slowakei und Ungarn hatten die Causa bei den zurückliegenden Sanktionsverlängerungen wiederholt thematisiert. Die Medienkampagne gegen Usmanow war angesichts der zahllosen Gerichtsurteile als Desinformation entlarvt. Zugleich wuchs das Bewusstsein, dass auch ein Milliardär recht haben kann und für sein Recht kämpfen muss.
Dass sich überraschend Frankreich hinter die Forderung stellte, Usmanow zu desanktionieren, hängt mit dem Renommee des Unternehmers in der turksprachigen Welt zusammen. Namentlich der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan setzte sich seit längerem für Usmanow ein, desgleichen eine Reihe anderer Staatschefs.
Das Gewicht Zentralasiens, des Südkaukasus und des Nahen Ostens ist drastisch gestiegen. In diesem Koordinatensystem, an der Schnittstelle von Ost und West, wird Usmanow als Vermittler ausländischer Investitionen und wirtschaftlicher Zusammenarbeit wahrgenommen. Nach Informationen der Berliner Zeitung haben die Staats- und Regierungschefs von mindestens acht Ländern Garantien für ihn abgegeben.
Zudem war Aserbaidschan wohl bereit, einen in Baku inhaftierten französischen Staatsbürger zu begnadigen, sollten die Sanktionen gegen Usmanow aufgehoben werden. Paris jedenfalls erklärte seine Desanktionierung zur Angelegenheit der „nationalen Sicherheit“. Am Tag nach der Abstimmung der EU-Botschafter verkündete Baku die Begnadigung des Franzosen Martin Ryan, der Ende 2023 verhaftet worden war und wegen angeblicher Spionage zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt wurde.
Regionale Stabilisierung
Die Einigung zwischen Paris und Baku dient zugleich der regionalen Stabilität (erinnert sei an den aserbaidschanisch-usbekischen Freundschaftsvertrag aus dem August 2026) und dem europäisch-aserbaidschanischen Verhältnis. Nach der Rückeroberung aserbaidschanischen Territoriums in Karabach im September 2023 hatten sich die Beziehungen zwischen Frankreich und Aserbaidschan drastisch verschlechtert.
Hinter der Desanktionierung des Bankiers Michail Fridman stehen primär luxemburgische Interessen. Fridman hat Luxemburg vor einem internationalen Schiedsgericht auf rund 16 Milliarden Euro Schadensersatz für das Einfrieren seiner dortigen Vermögenswerte verklagt.
Die EU-Entscheidung fiel nach wochenlangen, teils dramatischen Verhandlungen. Ein letzter Widerstand kam aus Lettland. „Lettland hat sein Veto gegen die Aufhebung der Sanktionen als Verhandlungsmasse eingesetzt“, sagt eine mit den Verhandlungen vertraute Quelle. Man könne nur erahnen, welche „Zuckerbrote“ Frankreich dem kleinen Land habe anbieten müssen.
Angeblich hat Frankreich das Veto aus Riga mit Zugeständnissen im Verteidigungsbereich abgewandt. So soll Paris den Letten eine engere Kooperation bei der Luftverteidigung und sogar Schutz unter dem französischen Nuklearschirm zugesagt haben. Außerdem beschlossen die EU-Mitgliedstaaten die Verlängerung der restlichen Sanktionen gegen knapp 3000 russische Personen und Organisationen für drei Jahre statt wie bisher nur sechs Monate. Usmanow und Fridman sind nicht länger gelistet.
Hinweis: Dies ist einer von zwei Texten zum Usmanow-Komplex. Lesen Sie hier, was wir aus dem Fall Usmanow lernen.
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